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Anwendung alternativer und komplementärer Medizin während der Schwangerschaft und der Geburt : Motivationsfaktoren und Persönlichkeiten werdender Mütter

Seeger genannt Dütemeyer, Vivien


Originalveröffentlichung: (2016) Gießen : VVB Laufersweiler Verlag
Zum Volltext im pdf-Format: Dokument 1.pdf (11.694 KB)


Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-123932
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2016/12393/

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Zentrum für Frauenheilkunde & Geburtshilfe
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Zeitschrift, Serie: Edition scientifique
ISBN / ISSN: 978-3-8359-6512-6
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 09.05.2016
Erstellungsjahr: 2016
Publikationsdatum: 21.12.2016
Kurzfassung auf Deutsch: Einleitung: Die Anwendung alternativer und komplementärer Medizin steigt weltweit, so auch in der Schwangerschaft, obwohl deren Effizienz, von partiellen Ausnahmen abgesehen, fraglich ist und wissenschaftliche Arbeiten über Nebenwirkungen und Fetotoxizität Lücken aufweisen. Die meisten werdenden Mütter verschweigen ihren behandelnden Ärzten oder Hebammen die selbstverordnete, eigenverantwortliche Anwendung. Diese Sachverhalte waren Anlass, tatsächliche Nutzungshäufigkeiten alternativer Medizin und Motivationsfaktoren der Schwangeren näher zu betrachten und dabei, zum ersten Mal auch die Persönlichkeit hinter den Anwenderinnen zu beleuchten, um Schwangere in diesem Zusammenhang besser verstehen, spezieller auf sie eingehen und Mutter und Kind adäquater schützen zu können.
Material und Methode: Die vorliegende Untersuchung basiert auf die Auswertung eines von 200 Schwangeren in Gießen und Umkreis von April 2010 bis Juni 2011 korrekt schriftlich ausgefüllten komplexen Fragebogen.
Ergebnisse: Alternative und komplementäre Medizin wurde von 88% der Frauen in der Schwangerschaft, v.a. zur Linderung von Übelkeit und Beschwerden, angewendet. Hierbei waren, in absteigender Reihenfolge, pflanzliche Ernährungsmittel, pflanzliche Salben und Öle sowie Homöopathie die am häufigsten verwendeten Methoden und Mittel. Während der Geburt waren sich 20% der Schwangeren sicher, „auf jeden Fall“ alternative Medizin anzuwenden und nur 7% aller Befragten lehnte diese Möglichkeit strikt ab. Geburtshilfen fanden dabei mit Abstand den größten Zuspruch. Determinanten, die mit einer vermehrten Alternativmedizinnutzung einhergingen, waren eine höhere Bildung, eine Risikoschwangerschaft und eine Teilnahme an einem Geburtsvorbereitungskurs. Ein höheres Alter, der Status als Erstgebärende, vorherige Fehlgeburten, eine frühere Alternativmedizinnutzung und eine positive Erinnerung an die vorherige Geburt konnten mit speziellen alternativen und komplementären Verfahren positiv verknüpft werden. Alternativmedizinnutzung während der Schwangerschaft ging bei werdenden Müttern mit dem Bestreben einher, dies während der Geburt ähnlich zu handhaben und auch nach der Entbindung solche Verfahren und Präparate zu nutzen. Vermehrt alternative Medizin anwendende Schwangere bemängelten, dass zu wenig auf natürliche Verfahren zurückgegriffen werde, was evtl. an der Einstellung der Ärzte liegen könnte, auch sollte der Schulmedizin nicht uneingeschränkt vertraut werden. Diese Frauen wollten auch eher auf schulmedizinisches Personal während der Geburt verzichten, da ihre Hebammen alles übernehmen könnten. Allerdings befürworteten auch viele Alternativmedizinnutzende die kombinierte Anwendung alternativ und schulmedizinischer Verfahren und einen hohen Wissensstand seitens der Hebammen und Ärzte über alternative Behandlungsmethoden, auch hätte diese Form von Medizin in ihren Familien bereits eine längere Tradition und für sinnvolle Anwendungen würden sie durchaus mehr Geld ausgeben, da sie sich alternativen Methoden wohler fühlten als mit Schulmedizin. Des Weiteren konnte aufgezeigt werden, dass Schwangere, die viel alternative Medizin anwandten, gewisse Persönlichkeitsfaktoren aufwiesen. So waren diese Frauen eher reflektierend, sensationssuchend und lebensfroh. Schwangere, die wenig alternative Medizin nutzten, wurden eher als handelnd, gefahrenmeidend und schwermütig eingestuft. All diese und weitere Persönlichkeitsausprägungen, wie ehrgeizig, sicher, ausgeglichene Emotionalität und unzuverlässig, gingen mit der Nutzung ganz spezieller unkonventioneller Verfahren einher.
Diskussion: Alternative und komplementäre Medizin wird von der Mehrzahl der Schwangeren angewandt, teilweise ohne sich dessen genau bewusst zu sein und oft mit einem mangelnden Wissen über diese Verfahren sowie dem Vertrauen auf Ratschläge von Freunden und Familie. Obwohl alternative und Schulmedizin oftmals in Kombination verwendet werden, ist ein Misstrauen gegenüber Ärzten hinsichtlich deren Einstellungen zu unkonventionellen Verfahren ersichtlich. Es besteht eine Diskrepanz zwischen den, mittlerweile in fast jedem Krankenhaus vorhandenen, alternativ-therapeutischen Möglichkeiten und dem Wissen der Schwangeren über diese Angebote. So sollten Ärzte offen auf die werdenden Mütter zugehen und diese Möglichkeiten gezielt ansprechen, um mit ihnen zusammen eine individuelle Wahl zu treffen und das Verhältnis zwischen beiden Parteien zu verbessern und damit eine optimale Versorgung und Aufklärung zu gewährleisten. Dabei ist eine Berücksichtigung der jeweiligen Charaktere hilfreich, da einige Persönlichkeitsmerkmale mit einer Alternativmedizin-nutzung positiv verknüpft sind, um eine individuell passende Beratung zu gewährleisten. Die als Ergebnis der vorliegenden Arbeit aufgezeigten Tendenzen können Grundlage weiterer Forschungen sein.
Kurzfassung auf Englisch: Introduction: The use of complementary and alternative medicine (CAM) is increasingly worldwide, the same in pregnancy, although the efficiency is with few exceptions unclear and dissertations about side effects and fetotoxicity are lacking. Most pregnant women don’t tell their doctors or midwives about the self-ordered, self-dependent use of application. These facts are giving reason (were the reason?) to examine the prevalence of utilization of CAM and motivation of use by pregnant women and to detect the personality behind the users for the first time, for a better understanding of pregnant women, a better responding and suitable protection of the mother and her unborn child.
Materials and Methods: This study is based on the analysis of 200 pregnant women in Gießen between April 2010 and June 2011 with a self-reported complex questionnaire.
Results: CAM was used by 88% of pregnant women, first of all for the relief of nausea and disorders. The most used methods were in descending order herbal food products, herbal salves and oils and homoeopathy. During delivery 20% of the pregnant women were “very sure” to use CAM, only 7% of the respondents refused strictly this possibility. Determinants of higher CAM use were better education, high-risk pregnancy and the attendance of prenatal classes. Higher age, primipara, previous abortions, prior CAM use and a positive memory of the former delivery were positive correlated with the use of specific CAM methods during pregnancy. CAM use during pregnancy was related with the ambition to use CAM also during delivery and after childbirth. Pregnant women who often used CAM criticized the too little resort on natural methods, what probably could due to the attitude of physicians, also the conventional medicine shouldn’t be trust thoroughly. These women were more likely to disclaim the attendance of obstetricians during delivery, because their midwives could assume all. However, many CAM-users endorsed the combination of use of CAM and conventional medicine and a great knowledge of their obstetricians and midwives about alternative treatment possibilities. Also, this kind of medicine has got a long family tradition and they would spend more money for reasonable applications, because they feel better with the use of CAM than with conventional medicine. Furthermore, could be identified, that pregnant women who use a lot CAM offer certain personality factors. These women were rather reflective, sensation seeking and full of life. Pregnant women who used less CAM were classified as more practical, unadventurous and melancholic. All these and other personality specifications like ambitious, confident, low emotionality and unreliable were attendant by the use of specific alternative methods.
Discussion: CAM is used from the majority of pregnant women, partly without being conscious about it and often with lacking knowledge about these methods plus the confidence in advices of friends and family. Although CAM und conventional medicine is often used in combination, it appears that there is distrust in the attitudes of physicians towards CAM. There is a discrepancy between the almost in every hospital available possibility of using alternative methods in the meantime and the knowledge of pregnant women about these proposals. For this reason physicians should be open to expectant mothers and target the possibilities, for making an individual choice together and improve the relationship between both parties and to guarantee the optimal patient-centered care and education. Therefore, the consideration of the particular characters is helpful, because some personality attribute is positive correlated with the CAM use, in order to ensure appropriate individual advises. The tendencies as a result of this study could be used for further research.
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