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Placeboeffekt bei Kindern und Jugendlichen: Mechanismen und Determinanten

Placeboeffect in children: mechanisms and determinants

Leifheit, Silke


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-123859
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2016/12385/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Placebo , Alter , Plazeboeffekt , Kinder , Erwartung
Freie Schlagwörter (Englisch): placebo , age , children , conditioning , expectation
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Abteilung für Klinische Psychologie und Psychotherapie
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 05.12.2016
Erstellungsjahr: 2016
Publikationsdatum: 12.12.2016
Kurzfassung auf Deutsch: Die vorliegende Dissertation untersuchte den Placeboeffekt bei Kindern und Jugendlichen in einer experimentellen Studie. Obwohl der Placeboeffekt bei Erwachsenen mittlerweile vielfältig untersucht wird, liegen bisher wenige Erkenntnisse zu der Übertragbarkeit auf Kinder und Jugendliche vor. Ziel dieser Arbeit war es zu untersuchen, ob bei Kindern und Jugendlichen ein Placeboeffekt durch dieselben Mechanismen hervorgerufen werden kann wie bei Erwachsenen (Erwartung und Konditionierung) und inwiefern das Alter oder die Person, die den Placeboeffekt induziert, diese Placeboreaktion beeinflussen.
Die durchgeführte Studie bestand aus zwei Teilen. In einem Teil der Studie wurde die Placebohypoalgesie durch explizite Erwartungen erzeugt und im anderen Teil durch klassische Konditionierung. In beiden Teilen wurden Alterseffekte untersucht. Hierfür wurden die Versuchspersonen in vier Altersgruppen eingeteilt (6-9 Jahre: jüngere Kinder; 10-13 Jahre: ältere Kinder; 14-17 Jahre: Jugendliche; ≥18 Jahre: Erwachsene). Beim erwartungsinduzierten Placeboeffekt wurde zusätzlich auf den Einfluss der Person fokussiert, welche die Placebogabe vornimmt. In diesem Fall wurde hierzu das Auftragen der Creme von der Mutter des Kindes mit dem Auftragen von einem vermeintlichen Arzt (fremde Person in weißem Kittel) verglichen. Sowohl beim erwartungsinduzierten als auch beim konditionierten Placeboeffekt wurden neben den subjektiven Schmerzeinschätzungen der Versuchspersonen auch physiologische Maße (Herzrate, Hautleitfähigkeit) erfasst.
Die Ergebnisse zeigen, dass sowohl durch Erwartungen als auch durch Konditionierung eine Placebohypoalgesie bei Kindern und Jugendlichen erzeugt werden kann.
Der erwartungsinduzierte Placeboeffekt war bei den Kindern (6-9 Jahre & 10-13 Jahre) besonders ausgeprägt. Unterschied man zwischen den Teilnehmern, denen ein Arzt die Placebocreme aufträgt, und jenen, denen die Mutter die Creme aufträgt, wurde deutlich, dass der ausgeprägte Placeboeffekt vor allem daher rührte, dass die jüngeren Kinder vom Auftragen der Creme durch die Mutter stark profitierten. Bei den Kindern, die die Creme vom Arzt aufgetragen bekamen, unterschied sich der Placeboeffekt nicht über die Altersgruppen. Im Vergleich zu den Erwachsenen war der Placeboeffekt, gemessen an den Effektstärken, bei den jüngeren und älteren Kindern doppelt so stark ausgeprägt wie bei den Jugendlichen und Erwachsenen.
Beim konditionierten Placeboeffekt zeigte sich ein ähnliches Bild. Gemessen an den Effektstärken war auch hier der Effekt bei den jüngeren und älteren Kindern doppelt so stark ausgeprägt wie bei den Jugendlichen und Erwachsenen. Die Untersuchung des konditionierten Placeboeffekts ergab darüber hinaus, dass Versuchspersonen, die initial die herbeigeführte Schmerzlinderung deutlich wahrnahmen und somit eine starke Wirkung der Placebocreme erlebten, auch während der Testphase, in der keine Schmerzlinderung mehr durch eine Reduktion der Temperatur herbeigeführt wird, einen starken Placeboeffekt zeigten.
Neben den Effekten in der subjektiven Schmerzeinschätzung der Probanden zeigte sich die Placebohypoalgesie in beiden Teilstudien auch in den physiologischen Maßen, wobei insbesondere die Herzrate robuste Effekte zeigte.
Zusammenfassend belegt das vorliegende Dissertationsprojekt, dass bei Kindern und Jugendlichen dieselben Mechanismen wie bei Erwachsenen eine Placebohypoalgesie induzieren können und dass sich die Placebohypoalgesie sowohl in der subjektiven Schmerzeinschätzung als auch in physiologischen Veränderungen zeigt. Das Ausmaß der Placebohypoalgesie ist bei Kindern stärker ausgeprägt als bei Erwachsenen. Die Nutzung des Placeboeffekts zur Verstärkung der Wirksamkeit von Therapien scheint daher besonders bei Kindern vielversprechend. Darüber hinaus legt die Studie einen stärkeren Einbezug der Eltern in die Therapie nahe, da besonders bei jüngeren Kindern das Vertrauen in die zuversichtlichen Aussagen der Eltern die Wirksamkeit von Therapien steigern kann. Neben der Wirksamkeitssteigerung durch positive Erwartungen befürwortet diese Studie auch die Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit einer starken initialen Schmerzlinderung (z.B. medikamentös), da diese ebenfalls zu einem positiven Verlauf beitragen kann.
Um die genannten klinischen Implikationen zu überprüfen, bedarf es weiterer Studien im klinischen Setting.

Kurzfassung auf Englisch: Although parents often make the experience that colored band aid or rituals such as “kissing the pain away” are surprisingly efficient in relieving pain in children, experimental studies about the placebo effect in children are still rare. In particular, the effect of age remains unclear since the few existing studies show conflicting results possibly because children of different ages were investigated. For a systematic examination of age effects it is, therefore, necessary to include children of a wide range of ages. In this study placebo hypoalgesia was induced by positive expectations or classical conditioning in children between six and eighteen years. The aim of this study was (1) to induce placebohypoalgesia by classical conditioning or verbal information in children , (2) to investigate age effect (also in regard to the inducing mechanism), (3) to investigate the impact of the Person inducing placebo hypoalgesia (mother or assumed physician) and (4) to investigate changing in autonomous arousal accompanied with placebo hypoalgesia.
Results showed a successful induction of placebo hypoalgesia via verbal Information and classical conditioning across all age groups. Independent of the inducing mechanisms placebo effect was stronger for younger children (6-13 years). When placebo effect was induced by verbal information the placebo effect was especially stron in younger children, when the mother informed the child. Interestingly, placebo hypoalgesia was not only shown by subjective ratings of pain but also by physiological measures such as lower heart rate acceleration and lower skin conductance Level.
Based on these results the application of appropriate verbal information and a strong initial pain reduction in medical treatments, particularly for younger children, could support success of clinical Treatment.
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