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Vorläufer der psychiatrischen Genetik : die psychiatrische Erblichkeitsforschung in der deutschsprachigen Psychiatrie im Spiegel der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie, 1844 bis 1911

Forerunners of Psychiatric Genetics : psychiatric hereditary research in German Psychiatry portrayed in the Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie, from 1844 to 1911.

Banzhaf, Katharina


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-114600
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2015/11460/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Erblichkeitsforschung , Psychiatrie , Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie , psychiatrische Genetik
Freie Schlagwörter (Englisch): hereditary research , psychiatry , Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie , psychiatric genetics
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Geschichte der Medizin Gießen
Fachgebiet: Medizin fachübergreifend
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 17.12.2014
Erstellungsjahr: 2014
Publikationsdatum: 08.05.2015
Kurzfassung auf Deutsch: Im Zentrum der psychiatriegeschichtlichen Forschungen stand in den letzten beiden Jahrzehnten auch die Psychiatrie zur Zeit des Nationalsozialismus mit ihren rassenhygienischen Maßnahmen, die in der Ermordung zehntausender Psychiatriekranker gipfelte. Den Einschnitt zur unmittelbaren Vorgeschichte markierte das Jahr 1911, als Ernst Rüdin – in der Zeit des Nationalsozialismus ein zentraler Akteur sowohl in der Psychiatrie als auch in der „Erbgesundheitspolitik“ – sein Programm einer eugenisch motivierten psychiatrischen Genetik in dem Aufsatz „Einige Wege und Ziele der Familienforschung mit Rücksicht auf die Psychiatrie“ vorstellte.
Bisher weniger beachtet wurden die frühen Vorläufer dieser psychiatrischen Genetik, nämlich die bis weit ins 19. Jahrhundert zurückreichenden Versuche, Erblichkeit bei psychischen Störungen nachzuweisen. Die aus Frankreich stammende Idee der Heredität psychischer Störungen begann ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts, auch im deutschsprachigen Raum Fuß zu fassen, als seit der Gründung der Allgemeinen Zeitschrift für Psychiatrie (AZP) im Jahre 1844 erstmals eine fachpublizistische Plattform bestand, die den nötigen Raum für Veröffentlichungen und Diskussionen der Forschungsergebnisse zur Erblichkeit von Geistesstörungen bot.
Die vorliegende Arbeit stellt die Methoden der psychiatrischen Erblichkeitsforschung im deutschen Bund bzw. späteren Deutschen Reich im Spiegel der AZP für den Zeitraum 1844 bis 1911 dar. Basierend auf einer Literaturrecherche sämtlicher Bände der Zeitschrift dieser Jahre wird zunächst ein quantitativer Überblick über die damals angewandten Untersuchungsmethoden gegeben, um dann die Entwicklungen spezifischer Verfahren darzustellen, mit denen versucht wurde, die Erblichkeit psychischer Erkrankungen zu erfassen. Dazu zählten 1.) die Massenstatistische Methode, 2.) die genalogische Stammbaumforschung und 3.) die Kasuistiken. Bei den Psychiatern des 19. Jahrhunderts weckte die massenstatistische Methode anfänglich große Hoffnungen, die sie allerdings wegen des Nachteils, eine unüberschaubare Menge von schwer vergleichbaren Daten zu liefern, nicht einzulösen vermochte. Sie wurde daher durch genealogische Arbeits¬methoden abgelöst, die sich mehr einem einzelnen Fall bzw. einer einzelnen Familie zuwandten. Daneben ermöglichten Kasuistiken, Erblichkeitsvorstellungen durch klinisch relevante Fallbeispiele zu illustrieren.
Anhand von drei exemplarisch ausgewählten historischen Zeitschriftenartikeln soll mit der zeitgenössischen Terminologie vertraut gemacht werden. Anschließend werden die Vor- und Nachteile der entsprechenden Methoden beleuchtet. Ein Schwerpunkt wird darauf gelegt, die historischen Akteure nicht aus heutiger Sicht zu beurteilen, sondern zu zeigen, vor welchem wissenschaftlichen Horizont die historischen Diskussionen der Zeitgenossen geführt wurden.
Die diskutierten Probleme der Erblichkeitsforschung gaben wichtige Impulse für das junge Fach Psychiatrie, auch grundsätzliche Fragen schärfer zu fassen. So zeigte sich in den Diskussionen der Mangel an einer allgemein verbindlichen Nosologie und die Notwendigkeit der Vereinheitlichung der Forschungskonzepte.
Es kann somit herausgearbeitet werden, wie die Erblichkeitsforschungen die Entwicklung der Selbstständigkeit des Faches Psychiatrie förderten und welche expliziten Wirkungen von diesem Forschungsbereich ausgingen. Von besonderem Interesse ist dabei, wie das gegen Ende des 19. Jahrhunderts neu entstehende Konzept der Eugenik auf der Basis der bereits seit längerem existierenden Degenerationstheorie auf die Erblichkeitsforschungen zurückgriff und diese nutzte.
Kurzfassung auf Englisch: Over the last two decades of research on the history of psychiatry, a focus has developed on psychiatry during German National Socialism, with its racial hygienic measures, peaking in the murder of tens of thousands of the psychiatric ill. The more immediate history prior to this era is marked by the year 1911, when Ernst Rüdin – a central actor in psychiatry and in hereditary health policies of the times – presented his program of eugenically motivated psychiatric genetics in a key paper: „Einige Wege und Ziele der Familienforschung mit Rücksicht auf die Psychiatrie“.
Forerunners to this line of psychiatric genetics, namely those experiments which go back far into the 19th century, attempting to prove heredity of psychiatric disturbances, have been given less attention. The notion of heredity of psychiatric disturbances, originating in France, began to gain ground in German speaking areas in the second third of the 19th century. The 1844 founding of the journal “Allgemeine Zeitschrift für Psychiatrie“ (AZP) created a platform for medical debate and publication of research results on the inheritance of psychiatric disturbances.
This dissertation addresses the methods of psychiatric hereditary research in the German Confederation and the German Reich as portrayed in the AZP from 1844 to 1911. Based on a literature review of all volumes of the journal for those years, first a quantitative overview of the research methods is undertaken, in order to show the development of specific procedures used in an effort to determine the heredity of psychiatric illnesses. Among these methods are: 1.) mass statistics methods, 2.) genealogical family line research and 3.) individual case studies. At first, psychiatrists of the 19th century put great hopes in mass statistics methods; however, these methods required an unmanageable amount of data which was difficult to compare. Thus, they were followed by genealogical methods, which typically investigated individual cases or a specific family. At the same time, individual case studies made it possible to illustrate ideas of heredity using clinically relevant case studies.
Three examples from historical journal articles have been chosen to exemplify the terminology of the time. Subsequently, the advantages and disadvantages of the methods are illuminated. Particular concentration is placed on the historical actors, not in order to judge them from a current perspective, but rather to explain the academic context in which the historical debates were taking place.
The problems debated in hereditary research provided important incentives for the young profession of psychiatry to research fundamental questions in more detail. The debates showed, for example, the lack of generally binding nosology and a necessity for more unified research concepts.
Consequently, the supporting influence and the explicit effects of hereditary research on the development of the autonomy of psychiatry as a profession can be established. Of particular interest is how the concept of eugenics, which arose towards the end of the 19th century and was based on long-standing degeneration theory, used hereditary research.
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