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Selbstwert und Depression : der Einfluss der Selbstwertkontingenz bei der Genese depressiver Symptome

Tandler, Sarah


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URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-114427
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2015/11442/

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Pädagogische Psychologie
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 18.03.2015
Erstellungsjahr: 2014
Publikationsdatum: 15.04.2015
Kurzfassung auf Deutsch: In der Dissertation wird ein Vulnerabilitäts-Stress-Modell der Pathogenese depressiver Symptome postuliert und überprüft. Im Unterschied zu gängigen Depressionsmodellen wird dabei nicht ein niedriger Selbstwert, sondern ein kontingenter Selbstwert als Vulnerabilitätsfaktor bei der Depressionsgenese angenommen. Unter Selbstwertkontingenz wird die Abhängigkeit des Selbstwerts von dem Erreichen interner und externer Standards in selbstwertrelevanten Bereichen verstanden (Deci & Ryan, 1995). Für den Einfluss der Selbstwertkontingenz auf die Entstehung einer depressiven Symptomatik liegt bisher keine aussagekräftige empirische Evidenz vor. Dieses Forschungsdefizit wird in der vorliegenden Arbeit aufgegriffen. Die Kernannahme des Modells ist, dass die Abhängigkeit des Selbstwerts von externalen Faktoren wie Attraktivität, akademische Kompetenz, Anerkennung und Wettbewerb einen Vulnerabilitätsfaktor für die Genese depressiver Symptome konstituiert, der in Interaktion mit aversiven kontingenz-kongruenten Ereignissen (Stressoren) eine depressiogene Dynamik entfaltet (vgl. Burwell & Shirk, 2006). Die Kongruenz bzw. inhaltliche Entsprechung zwischen den Selbstwertkontingenzen als Diathese und negativen Ereignissen als Stressoren stellt hierbei eine wichtige Annahme dar (vgl. Crocker & Wolfe, 2001). So stellen Misserfolge im Studium für Personen mit hoher Kompetenzkontingenz relevante Stressoren dar, während Ereignisse, wie Niederlagen in wichtigen Konkurrenzsituationen, für Personen mit hoher Wettbewerbskontingenz stressreiche Situationen bedeuten. Es ist folglich nicht das Ereignis per se, das einen Stressor darstellt, sondern die Tatsache, dass das Ereignis mit Implikationen für den Selbstwert verbunden ist.
In der ersten Untersuchung dieser Arbeit wurden kontingenz-kongruente Stressoren als Auslöser einer depressiven Symptomatik angesehen, die in Abhängigkeit der externalen Selbstwertkontingenzen zunächst zu einer unmittelbaren subjektiven Belastungsreaktion führen, welche sich im weiteren Verlauf in einer depressiven Symptomatik manifestieren kann. Als zentrales Ergebnis der ersten Studie zeigte sich, dass die kumulierten externalen Selbstwertkontingenzen den Effekt kontingenz-kongruenter Stressoren auf das Erleben einer subjektiven Belastung moderieren. So fiel die Belastung mit steigernder Anzahl an Stressoren umso stärker aus, je höher die externalen Selbstwertkontingenzen ausgeprägt waren. Die subjektive Belastung wiederum fungierte als Prädiktor für Veränderungen der depressiven Symptomatik. Bei der domänenspezifischen Betrachtung dieser Zusammenhänge erwiesen sich die Effekte der Attraktivitätskontingenz als signifikant. Dieser Befund wurde als Hinweis darauf gedeutet, dass die Attraktivitätskontingenz unter den externalen Selbstwertkontingenzen einen besonderen Stellenwert in der Depressionsgenese einnimmt.
Ziel der zweiten und dritten Studie war es, den Einfluss der Attraktivitätskontingenz auf das unmittelbare Belastungserleben nach einem negativen Ereignis im Bereich Aussehen mithilfe eines experimentellen Designs weiter abzusichern und das subjektive Belastungserleben durch spezifische Belastungsindikatoren inhaltlich zu qualifizieren. Die Befunde zeigen, dass die Belastungsreaktion vor allem durch ein Absinken des Selbstwertgefühls charakterisiert ist, wodurch weitere emotionale und motivationale Symptome einer depressiven Belastungsreaktion erzeugt bzw. verstärkt werden. Die dritte Studie dieser Arbeit lieferte zudem wichtige Hinweise auf den moderierenden Einfluss der Attribution bei der Entstehung einer depressiven Belastungsreaktion. Nach einem negativen Attraktivitätsfeedback war die Attraktivitätskontingenz nur bei einer dispositionalen Attribution, nicht aber einer situationsabhängigen Attribution, ein Prädiktor für das Ausmaß der depressiven Belastungsreaktion.
In der letzten Studie wurden dysfunktionale Bewältigungsstrategien als wichtige Einflussfaktoren postuliert, welche die Intensität und Progredienz depressiver Belastungsreaktionen und Symptome begünstigen. Die Studie erbrachte empirische Evidenz dafür, dass die Verarbeitung der unmittelbaren depressiven Belastungsreaktion entscheidend dafür ist, ob sich diese zu längerfristigen depressiven Symptomen entwickelt. So erwies sich die Vulnerabilitäts-Stress-Interaktion zwischen Attraktivitätskontingenz und attraktivitätsbezogenen Stressoren bei der Vorhersage depressiver Symptome nur bei einer hohen Ausprägung der dysfunktionalen Bewältigungsstrategien Rumination, Resignation und sozialer Rückzug als signifikant.
Zusammenfassend liefern die Befunde dieser Arbeit einen weiteren Hinweis darauf, dass durch die Berücksichtigung qualitativer und bereichsspezifischer Facetten des Selbstwerts (Selbstwertkontingenzen) wichtige Erkenntnisse über die Auswirkungen des Selbstwerts für das psychische Wohlbefinden gewonnen werden können, die über die Selbstwerthöhe hinausgehen.


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