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Mehr Demokratie und mehr Sozialstaat in Bund und neuen Ländern : Verfassungskonzepte und Verfassungsgebung im deutschen Einigungsprozess

More democracy and more social state in the Federal Republic and in the Federal states : constitutional concepts and constitution drafting process in the German unification process

Freiling, Gerhard


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-112608
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2015/11260/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): deutscher Einigungsprozess , Verfassungsgebung , Verfassungsentwurf des Runden Tisches , Gemeinsame Verfassungskommission , Landesverfassungen
Freie Schlagwörter (Englisch): German unification process , constitution drafting process , draft of a constitution of the central round table , constitutions of the Federal states
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Politikwissenschaft
Fachgebiet: Politikwissenschaft
DDC-Sachgruppe: Politik
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 12.02.2014
Erstellungsjahr: 2014
Publikationsdatum: 12.01.2015
Kurzfassung auf Deutsch: Der „Verfassungsentwurf der Arbeitsgruppe Neue Verfassung der DDR des Zentralen Runden Tisches der DDR“ vom 4. April 1990 hat die Hoffnung vieler politisch aktiver Bürger und vieler Gruppen in der DDR auf einen demokratischen Aufbruch zum Ausdruck gebracht. In dieser Arbeit werden die Entstehung des Verfassungsentwurfs des Runden Tisches und des darauf aufbauenden Verfassungsentwurfs des Kuratoriums für einen demokratisch verfaßten Bund deutscher Länder vom 16. 6. 1991 und deren Auswirkungen und Einflüsse auf die Verfassungsdiskussion auf der Bundesebene, insbesondere der Reformdiskussion in der Gemeinsamen Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat (1992-1993) und der Grundgesetzreform 1994 einerseits, und die Einflüsse bei der Erarbeitung von Landesverfassungen in den neuen Bundesländern (Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen) andererseits untersucht, und die Fernwirkungen bis hin zur Europäischen Grundrechte-Charta.
Der Verfassungsentwurf des Zentralen Runden Tisches der DDR stellt einen historischen Kompromiss zwischen den Reformkräften der SED/PDS einerseits, und den Bürgerbewegungen andererseits dar. Dies wird aufgezeigt:
- An der detaillierten Regelung der individuellen Abwehrrechte gegen den Staat einschließlich des Grundrechts auf Datenschutz,
- An den umfassenden Rechten auf politische Mitgestaltung und bei der Ausgestaltung der politischen Grundrechte auf Meinungs- und Pressefreiheit, Vereinigungsfreiheit, und den Mitgestaltungs- und Mitverwaltungsrechten bis hin zu den Bestimmungen über die unmittelbare Mitwirkung des Volkes über Volksbegehren und Volksentscheid,
- An den sozialen Grundrechten, die vor allem eine soziale Chancengleichheit aller Bürger ermöglichen sollten, vom Recht auf Arbeit, Recht auf Wohnen und Recht auf Teilhabe an allen Bildungseinrichtungen, unabhängig von der sozialen Herkunft oder Stellung,
- An der Gestaltung der Eigentumsordnung, bei der die Anleihen an die DDR-Verfassung sichtbar werden, und eine differenzierte Behandlung der Eigentumsrechte (privates Eigentum, genossenschaftliches Eigentum, Unternehmenseigentum, gesellschaftliches Eigentum) das hervorstechendste Merkmal darstellt,
- An dem Staatsziel Umweltschutz und den vielen dafür vorgesehenen Verfahrensregeln,
- Und an dem Staatsziel Friedensstaatlichkeit, bei dem die Reformer aus der PDS vorschlugen, das Symbol der Friedensbewegung „Schwerter zu Pflugscharen“, das lange Jahre durch die Staatsmacht unterdrückt wurde, als Staatssymbol zu verwenden.
Die CDU/CSU konnte auf Grund der Verfahrensregelungen in der Gemeinsamen Verfassungskommission (Zwei-Drittel-Mehrheit) jede Verfassungsänderung blockieren, da sie mehr als ein Drittel der Mitglieder der Gemeinsamen Verfassungskommission stellte. Inhaltlich begründeten die CDU/CSU-Vertreter ihre Ablehnungshaltung damit, dass möglichst wenig Änderungen am Grundgesetz vorgenommen werden sollten, und dass mit der Einführung sozialer Grundrechte nicht erfüllbare Erwartungen geweckt würden. Auf der Bundesebene konnte die CDU/CSU mit ihrer Vetomacht weitergehende Änderungen des Grundgesetzes, insbesondere die Einführung von Elementen direkter Demokratie und die Verankerung von sozialen Grundrechten, z. B. Recht auf Arbeit, Recht auf Wohnen, Recht auf soziale Sicherung, verhindern.
Nachdem im Rahmen des Einigungsvertrages die neu gebildeten Bundesländer Teil der Bundesrepublik Deutschland geworden waren, mußten durch die neu gewählten Landtage (die zugleich verfassungsgebende Versammlungen waren) neue Landesverfassungen erarbeitet und verabschiedet werden, ebenfalls mit 2/3-Mehrheit. Obwohl die CDU (mit Ausnahme in Brandenburg) auch hier eine Vetomacht hatte, wurden viele Verfassungsbestimmungen, die vom Runden-Tisch-Entwurf und dem Kuratoriumsentwurf herrührten, in die neuen Landesverfassungen aufgenommen. Das gilt u. a. für die flächendeckende Einführung von Volksbegehren und Volksentscheiden und die Einführung von sozialen Staatszielen.
Der Verfassungsentwurf des Runden Tisches übte eine Katalysatorfunktion für die Einführung von neuen Grundrechten, z. B. auf Datenschutz, sozialen und ökologischen Staatszielen, und für die Einführung von Elementen direkter Demokratie aus, und setzte diese Themen auf die Tagesordnung der Verfassungsgebungsprozesse im Rahmen der deutschen Einigung im Bund und den neuen Ländern, bis hin zur Grundrechte-Charta der Europäischen Union.





Kurzfassung auf Englisch: The ‘draft of a constitution of the study group ‘new constitution of the German Democratic Republic’ of the central round table of the GDR´(Verfassungsentwurf der Arbeitsgruppe ‘Neue Verfassung der DDR´) from April 4th of 1990 had expressed the hope of many politically active citizens and of many groups in the GDR towards a democratical rise. In this book the development of the draft of the constitution of the round table and the draft of a constitution by the “Board of Trustees for a democratically built federation of the German countries” (Kuratorium für einen demokratisch verfaßten Bund deutscher Länder) from June 16th 1991 will be investigated. The implications and influences on the Federal constitutional debate on the level of the federation, especially the debate of constitutional reform in the common constitutional commission (Gemeinsame Verfassungskommission) of the Federal parliament (Bundestag) and the Federal Council (Bundesrat) (1992-1993) and the constitutional reform of 1994 on one hand, and the influences during the formation of constitutions for the countries of Brandenburg, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern and Thüringen on the other hand will also be a matter of research, including the influences towards the European Charta of Human Rights.
The draft of a constitution of the central round table in the GDR is a historical compromise between the reforming wing of the SED/PDS on the one hand, and the civil rights movement on the other hand. It can be shown:
- By the detailed regulation of the individual civil rights against the State, including a basic right of data privacy,
- By the rights of political cooperation and by the formation of the political basic rights of the freedom of speech and the freedom of press, the freedom of association and the rights of cooperation and administration up to direct decision of the people in a plebiscite and in a referendum,
- By the social basic rights, enabling equal opportunities for each citizen, the basic right to work, the right of abode and the right to take part in all institutions of education, regardless of the social origin or position,
- By the formation of property ownership, where influences of the GDR constitution are visible, and the different treatment of the rights of property (personal property, property of a cooperative society, property of enterprises, and property of the society) which is the most remarkable attribute,
- By the aim of the state to defend the environment, and the regulations to reach it,
- And by the aim of the state to keep peace; the reformer wing of the PDS proposed the use of the symbol of the peace movement “swords to ploughshare”, which had been suppressed by the State for many years, as a state symbol.
Due to a two-third-majority in the common constitutional commission the CDU/CSU could prevent all changes of the constitution because they had more than one third of the seats in the common constitutional commission. They argued, that the German constitution (Grundgesetz) shouldn´t be changed, and social rights expectations would arise, which couldn’t be fulfilled. On the federal level the CDU/CSU could use her veto power to prevent further changes of the German constitution (Grundgesetz), especially the implementation of social basic rights, for example the right to work and the right for an accommodation, and the right of social security.
After the contract of unification the new countries became part of the German Federal Republic. The newly elected state parliaments (which were also constitutional assemblies) had to elaborate new constitutions. The decision needed a majority of two / third of the Members of Parliament. Although the CDU (with an exception of Brandenburg) had the veto power, a lot of rights which had their origin in the draft of the round table and in the draft of the Kuratorium, where added to the consititutions of the new countries, for example the implementation of referenda and plebiscite, and the implementation of basic social rights.
The constitution draft of the round table worked as a catalysator for the implemention of new civil rights, for example the protection of data privacy, social and ecological aims of the state, and for the implementation of elements of direct democracy. These topics were put on the agenda of the constituent processes during the German unification in the Federation and in the new federal states, up to the Charta of Civil Rights of the European Union.
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