Giessener Elektronische Bibliothek

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Einfluss vorschulischer exekutiver Funktionen auf die Entwicklung von Lesen, Rechtschreiben und Rechnen in der Schuleingangsphase

Influence of preschool executive functions on the development of reading, writing, and mathematics across the transition to school

Simanowski-Schulz, Stefanie


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-111055
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2014/11105/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Exekutive Funktionen , Zahl-Größen-Kompetenzen , Mathematik , Schriftsprache , kombinierte Lernschwächen
Freie Schlagwörter (Englisch): executive functions , numerical abilities , reading , writing , combined learning disabilities
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Entwicklungsorientierte Lernförderung
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 15.09.2014
Erstellungsjahr: 2014
Publikationsdatum: 02.10.2014
Kurzfassung auf Deutsch: Exekutive Funktionen gehören zu den psychologischen Konstrukten, auf die sich viele aktuelle Forschungsbemühungen konzentrieren, da exekutive Funktionen wie Updating, Shifting und Inhibition höchst relevant für viele höhere geistige Fertigkeiten wie zum Beispiel das Planen und Überwachen von neuartigen, nicht-automatisierten und komplexen Handlungen und Problemlöseschritten sind (Miyake et al., 2000). So werden sie auch mit komplexen Lernprozessen wie dem Erwerb des Lesens, Schreibens und des Rechnens assoziiert (z.B. Best et al., 2011; Bull & Sherif, 2001; Roethlisberger, Neuenschwander, Michel & Roebers, 2010). Allerdings führen unterschiedliche Definitionen exekutiver Kontrolle und entsprechend unterschiedliche Operationalisierungen sowie die voranschreitende Entwicklung in der Kindheit zu heterogenen Befunden in Form differierender Faktorenstrukturen und uneinheitlicher Einschätzungen der Bedeutsamkeit einzelner exekutiver Funktionen für numerische und schriftsprachliche Kompetenzen. Unter Berücksichtigung der Entwicklung exekutiver Funktionen im Vorschulalter wurde für die vorliegende Untersuchung ein großer Nutzen darin gesehen, ausschließlich die von Miyake und Kollegen (2000) definierten basalen exekutiven Funktionen Inhibition, Shifting und Updating zu betrachten. Inhibition stellt dabei die Fähigkeit zur bewussten und absichtsvollen Unterdrückung dominanter Reaktionen dar; Shifting ist die Fähigkeit, den Aufmerksamkeitsfokus flexibel zwischen verschiedenen Aufgaben, Informationen oder Mental sets zu wechseln; Updating beinhaltet das Überwachen von Arbeitsgedächtnisinhalten und das Prüfen deren Relevanz für die aktuelle Aufgabe sowie darauf folgend das schnelle Hinzufügen oder Verwerfen dieser Information im Arbeitsgedächtnis.
Die vorliegende Untersuchung hatte zunächst zum Ziel, die Struktur basaler exekutiver Funktionen von Vorschulkindern durch konfirmatorische Faktorenanalysen zu prüfen. Im Folgenden sollten die spezifischen Einflüsse von Inhibition, Shifting und Updating auf basale numerische Fertigkeiten, das Zahlverständnis und die Rechenperformanz sowie auf schriftsprachliche Vorläuferfertigkeiten, die Lesegeschwindigkeit, das Leseverständnis und die Rechtschreibleistung mit Hilfe von Strukturgleichungsmodellen detailliert aufgezeigt werden. Zuletzt wurde geprüft, ob vorschulisch schwach ausgeprägte exekutive Funktionen neben bekannten Prädiktoren wie beispielsweise der phonologischen Bewusstheit, basalen Zahl-Größen-Kompetenzen und Komponenten des Arbeitsgedächtnisses ein typisches Merkmal im kognitiven Profil von Kindern mit kombinierten Schwierigkeiten im Lesen, Schreiben und Rechnen darstellen und frühzeitige sensitive und spezifische Prädiktoren für das Auftreten kombinierter Lernschwächen sind.
Die Daten zur vorliegenden Untersuchung entstammen einer Längsschnittstudie, die Kinder vom Kindergarten bis zum Ende der ersten Klasse an insgesamt sechs Messzeitpunkten begleitete. Zum ersten Messzeitpunkt rund zwei Jahre vor Schuleintritt nahmen 262 Kinder teil, die durchschnittlich 4;8 Jahre alt waren. Die weiteren Messzeitpunkte fanden in halbjährlicher Folge statt; am Ende der ersten Klasse nahmen noch 220 Kinder im Alter von durchschnittlich 7;3 Jahren teil.
Die Faktorenanalyse ergab eine zweifaktorielle Struktur exekutiver Funktionen: Updating erwies sich als abgrenzbar von den auf einem Faktor ladenden exekutiven Funktionen Inhibition und Shifting. Ein Kernergebnis der vorliegenden Untersuchung ist der Befund, dass Updating mehrheitlich von Relevanz für numerische und schriftsprachliche Leistungen ist, die auf automatisiertem Abruf beruhen, nämlich dem Beherrschen der Zahlwortfolge, der Rechenperformanz und der Buchstabenkenntnis. Der Faktor Shifting und Inhibition nahm sowohl im numerischen als auch im schriftsprachlichen Bereich besonders starken Einfluss auf Inhalte, die ein tieferes Verständnis erfordern, wie dem Verständnis für die Verknüpfung von Zahlen mit Größen und dem Verständnis für die Sprachstruktur in Form phonologischer Bewusstheit. Bei Berücksichtigung wichtiger schriftsprachlicher Prädiktoren nahmen die exekutiven Funktionen keine direkten Einflüsse auf das Lesen und Schreiben. Hingegen erwiesen sich sowohl das im Vorschulalter erfasste Updating als auch der Faktor Shifting und Inhibition als spezifische und sensitive Prädiktoren für kombinierte Schwächen in Lesen und Schreiben und Rechnen am Ende der ersten Klasse. Rund 50% der Kinder mit schwachen exekutiven Funktionen im Vorschulalter entwickelten allerdings keine kombinierten Lernschwächen, so dass nicht davon auszugehen ist, dass schwache exekutive Funktionen im Vorschulalter per se zu Lernschwierigkeiten führen. Dass sich die Wahrscheinlichkeit kombinierte Lernschwächen zu entwickeln beim Vorliegen schwacher Updating- als auch Shifting- und Inhibitionsleistungen um das rund 7-fache erhöht, spricht dennoch für eine bedeutsame Beteiligung exekutiver Funktionen an der Entwicklung schulischer Fertigkeiten.
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