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Wolfgang Lutz: die höhenphysiologischen Experimente im Konzentrationslager Dachau 1942 und deren Auswirkungen auf seine Biographie

Neumann, Andrea


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-110085
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2014/11008/

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Geschichte der Medizin
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 28.04.2014
Erstellungsjahr: 2013
Publikationsdatum: 08.08.2014
Kurzfassung auf Deutsch: Die Arbeit untersucht das Leben von Dr. Wolfgang Lutz, der am 27.5.1913 in Linz geboren wurde. Aufgrund der Diskussion in der Medizin- und wissenschaftsgeschichte zu den Handlungsspielräumen der Mediziner in Zusammenhang mit den Menschenrechtsverstößen während der Humanexperimente in der Zeit des Nationalsozialismus erfolgte die Forschung. Ausgangspunkt der Recherche bildet seine Arbeit nach Kriegsende. Daran anschließend wurde Lutz’ Arbeitsumfeld im Münchener Institut für Luftfahrtmedizin bis 1945 nachvollzogen. Mittels Archivrecherche konnte Wolfgang Lutz als Mitarbeiter der Ludwig-Maximilian-Universität in München verifiziert und Teile seiner
veröffentlichten Arbeit eingesehen werden. Wolfgang Lutz wurde aufgrund der Bombardierung Münchens nach Freising versetzt und dort 1945 von dem amerikanischen Ermittler und Psychiater Dr. Leo Alexander aufgefunden. Aufgrund seiner Aussagen gegenüber Alexander, die dieser als Miscellaneous Aviation Medical Matters Report zusammenfasste, begannen die Alliierten wegen der Menschenversuche im Konzentrationslager Dachau zu ermitteln und Lutz wurde zu einem der Hauptzeugen in diesem Teil des Nürnberger Ärzteprozesses. In Zusammenhang mit den Prozessakten des Verfahrens ergab sich eine zusammenhängende Übersicht über Lutz´ Ausbildung und Arbeit während des Krieges. Lutz’ Aussage, er habe das Angebot bei den KZ-Versuchen in Dachau mitzuarbeiten abgelehnt, lässt sich nur aus den eben genannten Prozessakten entnehmen. Andere Zeugen im Prozess negieren sowohl das Angebot als auch die Ablehnung. Trotz der nicht stattgefundenen Teilnahme an den höhenphysiologischen Experimentenin Dachau wurde Lutz’ wissenschaftliche Karriere nicht beeinträchtigt. Es lassen sich allerdings auch keine signifikanten Vorteile gegenüber anderen Mitgliedern seines Institutes eruieren. Aus den Dokumenten, die er Leo Alexander überreichte, gehen seine Forschungsthemen und seine Reisen zu Frontverbänden und Fabriken hervor, die seine Forschung um die verschiedenen Probleme des Fluges im Kriegseinsatz und die Rettungsmöglichkeiten der Piloten bei Abschuss aufzeigen. In ihnen wird eine ständige Beschäftigung von Wolfgang Lutz zwischen Oktober 1942 und Mai 1945 als wissenschaftlicher Mitarbeiter des Institutes für Luftfahrtmedizin in München deutlich. Eine Unterbrechung seiner Tätigkeit oder Herabstufung seiner wissenschaftlichen Arbeiten ist nicht erkennbar. Ebenso wenig scheint er Probleme mit der Finanzierung seiner Reisen gehabt zu haben. Unsicher ist weiterhin seine Tätigkeit zum Zeitpunkt der KZ-Versuche in Dachau. Es existiert ein Patentantrag vom 10. Oktober 1942, der nahelegt, dass Lutz sich 1942 mit diesem Projekt beschäftigt hat. Weiterhin sind viele Berichte aus dem Miscellaneous Aviation Medical Matters Report nicht datiert. Ein beweisendes, unabhängiges Dokument für Lutz’ Tätigkeit während der Versuchszeit in Dachau wurde jedoch während der Recherche nicht aufgefunden. Lutz´ Betätigung im Rahmen des NS-Regimes (z.B. seine SS-Mitgliedschaft) führte nach der Begegnung mit Leo Alexander zur Inhaftierung im Kriegsgefangenenlager Marcus W. Orr in der Nähe von Salzburg. Über den Zeitpunkt seiner Entlassung ist nichts bekannt. Erst die Veröffentlichungen „Kranker Magen, kranker Darm“ und „Leben ohne Brot“ bilden weitere Anhaltspunkte in seiner Biografie. Aufgrund der Veröffentlichung und Berichte in mehreren Internetforen sowie des Stammbaums seiner ersten Frau Lilli Nordegg konnte Kontakt mit Lutz’ Nichte Cecilé Nordegg hergestellt werden. Sie gab einige Hintergrundinformationen zu Lutz’ Familie und der bis dahin nicht nachzuweisenden Behauptung, Lilli Nordegg sei „Halbjüdin“ gewesen. Demnach wurden Lilli Nordegg und ihr Bruder mittels gefälschter Papiere als „Arier“ getarnt und überlebten so die NS-Zeit. Über den weiteren Verlauf der Ehe ist nichts bekannt. Ein Kontakt mit Lutz’ Töchtern wurde abgelehnt. Auf Anfrage wurde seine Identität von Lutz’ dritter Ehefrau Helen bestätigt. Nach seinem Tod am 17.09.2010 wurde Dr. Wolfgang Lutz in Graz beigesetzt.
Kurzfassung auf Englisch: The work was begun on account of the mention by Dr. Wolfgang Lutz as a scientific employee in the height-physiological institute of the university of Munich and the there given statement of his refusal to participate in the height-physiological experiments in the concentration camp Dachau. The biographical information taken from Internet sources according to that mention gave first references about his work after the end of the second world war which he carried out on a completely different domain and rather about the observation of a patient group. After visiting the archive of the Ludwig-Maximilians-University of Munich just this Wolfgang Lutz could be verified as an employee of the university and parts of his published work could be screened. Furthermore, bureaucratic activities and the development of the height-physiological institute were worked out there. The biographical data of Lutz could be completed by the use of information found in the archive of the university of Vienna and his doctoral thesis paper discovered there. Other publications on the subject of the digestion which Lutz took up later in his doctoral thesis were screened and taken up as references. By using documents of the Nuremberg doctors trial and the diary entries of Leo Alexander a coherent overview of Lutz´ work during the war arose. Lutz’ statement, he had rejected the offer to co-operate on the concentration camp attempts in Dachau, can only be taken from the mentioned case files. Other witnesses in the trial negated the offer as well as the refusal of the same. Despite the dropped chance of participation in the heigh-physiological experiments in Dachau, Lutz´ scientific career was not affected. However, no significant advantages towards other members of his institute could be investigated. Leo Alexander´s diary entries also refer to several official journeys and different research projects taken by Wolfgang Lutz. There is also given an application for a patent which can certainly be evaluated as a success. Lutz´ work within the scope of the Nazi regime (e.g. his SS membership) led, after meeting Leo Alexander, to the arrest in the prison of war camp Marcus W. Orr close to Salzburg. Nothing is known about the time of his dismissal. Only the publications „Kranker Magen, kranker Darm“ and „Leben ohne Brot“ are further reference points in his biography. Due to publications and reports in several Internet forums and because of the family tree of his first wife Lilli Nordegg, it was possible to contact Lutz´ niece Cecilé Nordegg. She gave some background information about Lutz, his family and the till then unprovable thesis of Lilli Nordegg being a half Jewish. Therefore, Lilli Nordegg and her brother were camouflaged as Aryans by using phoney papers and survived the Nazi era. Nothing is knowen about the following course of the marriage. A contact with Lutz´daughters was rejected. Lutz´ third wife Helen confirmed his identity after contacting her. Dr. Wolfgang Lutz died on 9/17/2010 and was buried in Graz. To sum up, a refusal of the participation in height-physiological attempts in the concentration camp Dachau by Dr. Wolfgang Lutz could not be proved, because different witness’s statements given during the Nuremberg doctors trials were influenced by personal motives. However, also without this participation a stable and successful career during the Nazi era could be reconstructed. After the end of the second world war and during his work in private practice Dr. Wolfgang Lutz could realise several popular-scientific publications, which are no longer of academic interest.
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