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Mit Bildern beten: Bildrosenkränze, Wundenringe, Stundengebetsanhänger (1413-1600): Andachtsschmuck im Kontext spätmittelalterlicher und frühneuzeitlicher Frömmigkeit

Praying with Images: picture rosary beads, five wounds rings and a pendant of hours (1413-1600) : devotional jewellery in late medieval and early modern piety

Jäger, Moritz


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-109104
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2014/10910/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Schmuck , Andachtsbild , Rosenkranz
Freie Schlagwörter (Englisch): jewellery , devotional image , beads, rosary
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Kunstgeschichte
Fachgebiet: Kunstgeschichte
DDC-Sachgruppe: Zeichnung, Kunsthandwerk
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 05.06.2012
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 03.06.2014
Kurzfassung auf Deutsch: Religiöse Schmuckstücke sind ein bedeutender Teil der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bildkultur. Neben Hausaltären, illustrierten Büchern und druckgrafischen Blättern gehörten auch bebilderte Schmuckstücke zum Bildarsenal der privaten Frömmigkeit. Einige dieser Schmuckstücke, die zum Teil ein sehr reiches und komplexes Bildprogramm aufweisen, lassen einen Bezug zu einem konkreten Gebet oder einer konkreten Andachtsform erkennen. So dienen Rosenkranzketten zum Abzählen der Ave-Maria-Gebete beim Rosenkranzgebet. Bei einer Reihe kostbarer Rosenkränze aus der Zeit zwischen 1413 und 1600 sind die Perlen reich bebildert, weshalb diese Objekte als „Bildrosenkränze“ bezeichnet werden. Bei näherem Hinsehen erweist sich jedoch der Zusammenhang zwischen den Bilder auf den Bildrosenkränzen und den Bildern, die in den in das Ave Maria eingeflochtenen Meditationen, den so genannten „Geheimnissen“ oder „claussula“ aufgerufen werden, als recht komplex. Die Bilder auf den Perlen zeigen zum Teil Szenen aus dem Marienleben und von der Passion, die mit den Rosenkranz-Meditationen thematisch übereinstimmen, andere stellen in vielen Bildern die im Credo angesprochenen Themen dar, was damit zu erklären ist, dass das Credo in zeitgenössischen Quellen als „das reifflein“ oder „dy schyne“ des Rosenkranzes bezeichnet wird. Wieder andere zeigen Heilige, die Leidenswerkzeuge oder Rosen und ein besonders reich bebildertes Exemplar aus Elfenbein präsentieren die Schöpfungsgeschichte und die alttestamentarischen Karsamstagsprophetien, die ergänzt um die darüber gesprochenen Rosenkranz-Geheimnisse, typologische Beziehungen herstellen und die ganzen Heilsgeschichte in den Rosenkranz einschließen. Auch dort, wo sich die Bilder nicht als Darstellungen der Rosenkranz-Meditationen verstehen lassen, bieten sie eine Vielzahl von Verweisen auf das Rosenkranzgebet: etwa in Gestalt der Rosenkranzmadonna oder von Rosen, die Betonung des Rings, bzw. des Fingers, an dem spätmittelalterlichen Gebetsanweisungen folgend, die Meditationsbilder festgemacht werden sollten, aber auch die haptischen und materiellen Qualitäten der Gebetsketten, soweit sie mit Bedeutung aufgeladen wurden. Auch der Corpus Christi und der mystische Leib der Kirche, Jenseitsvorsorge und Memento mori, Typologie, Gebetstext ist im Bild und die Bebilderung des Herzens, die das Ideal der Beherzigung und Verinnerlichung der Gebete verkörpert, sind Themen, die in den Bildprogrammen auf diesen Rosenkränzen verhandelt werden.
Rosenkränze sind jedoch nicht die einzigen Schmuckstücke bei denen sich direkte Bezüge zwischen dem Objekt mit seinen Bildern und einem bestimmten Gebet nachweisen lassen. Dies ist auch bei Wundenringen möglich, einer Gruppe englischer Ringe aus Gold mit Darstellungen der Fünf Wunden Christi, einem Bild Christi sowie Inschriften in denen die Fünf Wunden als well of pitty, well of merci, well of confort, well of gracy und well of ewerlastingh lyffe bezeichnet werden. Genauso werden die Wunden in englischen Fünf-Wunden-Gebeten bezeichnet; und wie auf den Ringen stehen auch dort diese mystischen Namen im Zusammenhang mit Bildern von den Wunden. Unter einer Reihe von Anhängern, die die Gestalt von winzigen Flügelaltären haben, ist einer für meine Fragestellung besonders interessant: ein von der Forschung fast gänzlich übersehener Anhänger, der im Schrein, genau die acht Szenen zeigt, die im Stundenbuch, die acht Gebetsstunden des Marienoffiziums einleiten. Die Tatsache, dass dieses Triptychon mit Darstellungen zu den acht Gebetsstunden des Marienoffiziums versehen ist, wie sie uns gewöhnlich in Stundenbüchern begegnen, ist bisher niemandem aufgefallen. Dabei weist dieses Bildprogramm so deutlich auf eine Gebetspraktik, nämlich das Stundengebet, hin, die sehr umfassend überliefert ist und bei der das Gebet ganz eng mit einem bestimmten Bildprogramm verbunden ist, wobei das Verhältnis von Bild und Gebet wieder ein ganz anderes ist als bei den Rosenkränzen oder den Wundenringen.
Die Bildrosenkränze, die Wundenringe und dieser Stundengebetsanhänger stammen aus einer Zeit in der Kostbarkeit und äußere Pracht nicht als Widerspruch zu einer andächtigen inneren Haltung empfunden wurde. Ihre Bildprogramme beziehen sich in ganz unterschiedlicher Weise auf die Funktion des Objekts als Gegenstand für die Andacht und hatten doch zugleich in den fürstlichen Schätzen, wie etwa der Sammlung des Duc de Berry, auch die Aufgabe als Schaustücke der Repräsentation des Fürsten zu dienen. Ende des 16. Jahrhunderts scheinen diese beiden unterschiedlichen Funktion nur noch schwer vereinbar zu und einige der Objekte finden in dieser Zeit den Weg in die entstehenden Kunstkammern, in denen ihr Kunstwert bestaunt werden kann, ihr religiöser Wert aber nicht mehr wahrgenommen wird. Dies führt dazu, dass derartige Schmuckstücke, insbesondere das Phänomen der Bildrosenkränze, zu dieser Zeit ebenso verschwinden, wie die reich illuminierten Stundenbuchmanuskripte.
Kurzfassung auf Englisch: Devotional Jewellery is an important part of medieval and early modern visual culture. Besides domestic altar pieces, illustrated books and engravings, jewels depicting saints and religious scenes are part of the imagery of private piety. Some of these jewels, partly showing a comprehensive and luxurious iconographic program, manifest their connection with a certain prayer or devotional exercise. This is for example obvious for prayer beads, which were used to count the Aves-prayers forthe rosary. Several precious rosary beads, dating between 1413 and ca. 1600, are richly illuminated. For this reason, Gislind Ritz established the term Bildrosenkränze (picture rosary beads) for these kind of objects. Having a closer view of the objects, the relation between the pictures in the prayer beads and the imagery of the rosary – invoked by meditations called mysteries or claussula – turns out to be quite complex. The pictures in the beads show in part scenes of the life of the virgin and the passion of Christ, which are thematically correspond to the rosary meditations. Others represent the Creed in numerous pictures, for the Creed is called the hoop (“das reifflein”; “dy schyne”) of the rosary, allegorically understood as a chapletj of roses. Other beads display saints, the instruments of the passion, roses or, in one case, the Creation and scenes of the Old Testament Holy Saturday prophecies, which are shown on a particular precious piece of ivory. Supplemented by the imagery of the mysteries said on the beads, typological relations are produced and the Salvific history as a whole is inserted into the rosary. Also beads that do not show representations of the mysteries of the rosary provide numerous links to the rosary prayer by figuring the Virgin of the Rosary or roses, by accentuating the ring respectively the finger on which, according to late medieval prayer instructions, the mental images should be fixed or by gaining significance thanks to the haptic and material qualities of the beads. Other topics evoked by the imagery in the beads and the prayers are the Corpus Christi and the mystical body of the Church, afterlife insurance and memento mori, typology, inscripted prayers and the picturing of the heart, which was the ideal of compassion.
Rosary beads are not the only kind of devotional jewellery closely linked to a certain prayer. This is also true for a group of English gold rings with representations of the Five Wounds of Christ, an image of the man of sorrows and inscriptions indicating the Wounds as well of pitty, well of merci, well of confort, well of gracy and well of ewerlastingh lyffe. In the same way, the wounds are addressed in English prayers to the Five Wounds, and these notions are connected to images on the rings in the same way as they are in the prayer books. Amongst the devotional pendants having the shape of tiny winged altar pieces, one is extraordinary significant with regard to the interconnection between pictures and prayers: a nearly unnoticed pendant triptych representing in the shrine exactly the same eight scenes commonly used in the Book of Hours to introduce the eight Hours of the Virgin. Until now, nobody recognized this coincidence, although the iconographic program of the pendant points clearly to a devotional practice, the prayer of the Hours, which is comprehensively recorded. Like the rosary, these prayers of the Hours are closely related to particular images, but the character of this interconnection differs a lot looking at the rosary beads, the Five Wounds Rings or the pendant of Hours.
These devotional jewels originate from a time when external splendours are not considered to be opposite to internal piety. The iconographic programs of these objects are linked to their function as devotional artefacts, but at the same time these objects, being part of noble treasuries – for instance of the collection of the famous Duc de Berry –had to serve princely representation. At the end of the 16th century these two different functions seem to be hardly reconcilable and some of the objects found their way to the Kunstkammer, where they were venerated for their artificial value whereas their religious value lost its significance. This is probably the reason why around 1600 the production of picture rosary beads came to an end, as it happened to the preciously illuminated manuscripts of the Book of Hours at around the same time.
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