Giessener Elektronische Bibliothek

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Das Phänomen "Wohnungsleiche"

Merz, Marius


Originalveröffentlichung: (2014) Giessen : VVB Laufersweiler
Zum Volltext im pdf-Format: Dokument 1.pdf (2.626 KB)


Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-108920
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2014/10892/

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Rechtsmedizin
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Zeitschrift, Serie: Edition scientifique
ISBN / ISSN: 978-3-8359-6154-8
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 27.03.2014
Erstellungsjahr: 2014
Publikationsdatum: 28.05.2014
Kurzfassung auf Deutsch: Wird eine Wohnungsleiche aufgefunden, ist die Klärung der Identität oftmals erschwert, da bewährte Verfahren wie der DNA- oder Zahnschemavergleich authentisches Vergleichsmaterial benötigen, um eine belastbare Aussage treffen zu können. Dies ist in diesen Fälle oft schwierig bis unmöglich zu bekommen. Im vorliegenden Fall einer Wohnungsleiche ergab sich eine nur unzureichende Wahrscheinlichkeit für Geschwisterschaft zwischen der Leichen-DNA und der Vergleichsprobe des Bruders der gesuchten Person. Lediglich der Schädel-Bild-Vergleich mittels eines 24 Jahre alten Ausweisbildes konnte die Identität klären. In Zeiten zunehmender Portraitaufnahmen auf Ausweispapieren und Verbreitung von Fotographien in sozialen Netzwerken besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass zu einer gesuchten Person auch ein Foto zu finden ist, dass sich für einen Schädel-Bild-Vergleich eignet. Folglich stellt dieses Identifikationsverfahren bei "Wohnungsleichen" eine gute Alternative zu anderen etablierten Methoden wie der DNA-Analyse dar.
Es verwunderte in diesem Zusammenhang, dass der Begriff "Wohnungsleiche" lediglich in dem deutschsprachigen Lehrbuch "Basiswissen Rechtsmedizin" definiert wurde, obwohl er in Fachkreisen, aber auch in der Literatur und Presse, Verwendung findet. Eine umfangreiche Literaturrecherche ergab keinen Anhalt für den Ursprung der Definition. Anhand der Einschlusskriterien "Liegezeit von mindestens 24 Stunden" und "Auffindung in einer privaten Wohnung/Haus" konnten 37 Leichenfunde ermittelt werden, die mit der Definition aus "Basiswissen Rechtsmedizin" verglichen wurden. Die drei Kriterien "fortgeschrittene Leichenerscheinungen", "oftmals unklare Todesursache" und "häufige Identifikationsprobleme" wurden als hinweisgebende Charakteristika bestätigt. Die Einschlusskriterien "Liegezeit von mindestens 24 Stunden" und "Auffindung in einer privaten Wohnung/Haus" sind als allgemeingültige Kriterien zu empfehlen.
Auf Grund der hinweisgebenden Ergebnisse der Literaturstudie wurde im nächsten Schritt ein retrospektiver Vergleich der Definition aus "Basiswissen Rechtsmedizin" mit den Obduktionsdaten der Jahre 2005 bis 2011 (bis einschließlich Februar) aus dem Institut für Rechtsmedizin der Justus-Liebig-Universität Gießen durchgeführt. Unter Anwendung der Einschlusskriterien "Liegezeit von mindestens 24 Stunden" und "Auffindung in einer privaten Wohnung/Haus" fanden sich 211 Fälle, die den Einschlusskriterien entsprachen. Eine Übereinstimmung mit der Lehrbuchdefinition betraf die vier Kriterien "fortgeschrittene Leichenerscheinungen", "soziale Isolation", "oftmals unklare Todesursache" und "Schwierigkeiten bei der Identifikation". Das Kriterium "häufiger Alkoholismus" sollte eher in "häufiger Fremdstoffmissbrauch" abgewandelt werden, da dieser in mehr als 50% der Fälle beschrieben war, der Alkoholkonsum sich aber nicht wesentlich von dem der Allgemeinbevölkerung unterschied. Bei dem Grund der Auffindung zeigte sich ein deutlicher Anteil von Fällen, bei denen besorgte Bekannte oder Verwandte durch Nachschau die Leiche entdeckten. Dies sollte in einer neuen Definition Beachtung finden. Das Kriterium der "langen Liegezeit" war schwer zu definieren und zu überprüfen. Es kann allerdings empfohlen werden, das Einschlusskriterium "Liegezeit von mindestens 24 Stunden" als Definition der "langen Liegezeit" zu verwenden. Weiterhin sind Männer im Verhältnis zu Frauen drei mal häufiger betroffen. Beide Geschlechter verstarben deutlich vor ihrer statistischen Lebenserwartung. Das durchschnittliche Sterbealter lag in der 5. bis 6. Lebensdekade. Es zeigte sich weiterhin in der Mehrzahl der Leichenfunde mit dokumentierter Gesichtsfäulnis, dass keine Angabe zur Identifikationsmethode gemacht wurde. Hier ist ein sorgfältigeres Vorgehen zu empfehlen, um den Ansprüchen einer eindeutigen Identifikation gerecht zu werden.
Kurzfassung auf Englisch: When domestic-setting corpses are found, it is often difficult to clarify the corpse’s identity, as best practices such as DNA-analysis or forensic odontostomatology need authentic reference material to enable a reliable statement. In these cases, this is often difficult or impossible to obtain. In the present case of a domestic-setting corpse, there was insufficient likelihood of sibling relationship between the corpse DNA and the reference sample of the brother of the person searched for. Merely a skull-photo superimposition using a 24 years old ID photograph enabled the identity to be clarified. In times of increasing portrait pictures on identity documents and dissemination of photographs in social networks, there is a high likelihood that a photograph can be found that is suitable for a skull-photo superimposition of the searched person. Consequently, this identification method is a good alternative in cases of "domestic-setting corpses" to other established methods such as DNA analysis.
It is astonishing in this context that the term "domestic-setting corpse" has only been defined in the German textbook "Basiswissen Rechtsmedizin" (Basics of Forensic Medicine), although it is used in professional circles as well as in the literature and press. An extensive literature search revealed no clue for the origin of the definition. Based on the inclusion criteria "post-mortem interval of at least 24 hours" and "discovery in a private apartment/house", 37 corpses could be determined which were compared with the definition of "Basiswissen Rechtsmedizin". The three criteria, "advanced decomposition", "often unclear cause of death" and "frequent problems in identification" have been confirmed as characteristics that point to such a definition. The inclusion criteria "post-mortem interval of at least 24 hours" and discovery in a private apartment/house" are to recommend as a universal criteria.
On the basis of the indicative results of literature study, a retrospective comparison of the definition of "Basiswissen Rechtsmedizin" with the autopsy data of the years 2005 to 2011 (up to and including February) from the Institute of Forensic Medicine of the Justus-Liebig University of Giessen was performed in a next step. By applying the inclusion criteria "post-mortem interval of at least 24 hours" and "discovery in a private apartment/house", 211 cases were found that met the inclusion criteria. The four criteria "advanced decomposition", "reclusiveness", "often unclear cause of death" and "difficulties in identification" matched the textbook definition. The criterion "frequent alcoholism" should be changed to "frequent general substance abuse", as this was described in more than 50% of the cases, whereas the consumption of alcohol did not differ substantially from that of the general population. The "cause of discovery" revealed a significant proportion of cases where worried friends or relatives discovered the corpse by looking them up. This should be considered in a new definition. The criterion of "long postmortem interval" was difficult to define and check. However, it can be recommended to use the inclusion criteria "post-mortem interval of at least 24 hours" as the definition for "long post-mortem interval". In addition, men are three times more frequently affected than women. Both sexes died significantly before their statistical life expectancy. The average age of death was between the 5th to 6th decade of life. The studies also revealed that no indication of the identification was made in the majority of the corpse discoveries with documented facial decomposition. Here a more thorough approach is to be recommended to meet the demands of unequivocal corpse identification.
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