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Günter Elsässer: Von der Erbforschung zur Psychotherapie

Kaul, Marco Bernhard


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URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-95803
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/9580/

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Geschichte der Medizin
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 06.02.2013
Erstellungsjahr: 2012
Publikationsdatum: 04.06.2013
Kurzfassung auf Deutsch: Günter Elsässer hat, 1907 geboren, seine Ausbildung zum Arzt und Wissenschaftler in einer Zeit absolviert, in der nationalsozialistische Vorstellungen das gesellschaftliche und soziale Leben dominiert haben. Das hat dazu geführt, dass nicht mehr der einzelne Patient, sondern das Wohl des Volkskörpers in den Mittelpunkt des ärztlichen Handelns gestellt wurde. So war man bestrebt, durch rassenhygienische Maßnahmen das Auftreten von Erbkrankheiten zu verhindern. Zu nennen ist insbesondere die Zwangssterilisation, der tausende von Menschen, die an einer mutmaßlich genetischen Erkrankung litten, zum Opfer fielen. Die eugenische Programmatik fand in der „Euthanasie“, der systematischen Krankentötung, ihren traurigen Höhepunkt.
Der verbreiteten Ideologie folgend beschäftigte sich auch Elsässer vordringlich mit genetischen Fragestellungen. Die psychiatrische Erbforschung wurde zu seinem Hauptarbeitsgebiet. Daneben war er als ärztlicher Beisitzer im Erbgesundheitsgericht tätig. Während seinem militärärztlichen Einsatz entwickelte er ein Verfahren zur Behandlung der psychogenen Reaktionen unter Soldaten mittels schmerzhafter elektrischer Stromstöße. Auch hier stand weniger der einzelne Patient als das Wohl der Gemeinschaft, nämlich der Kampfkraft der eigenen Truppen, im Vordergrund jedes therapeutischen Handelns.
Nach 1945 fand in Elsässers beruflichen Tätigkeiten eine Umorientierung statt. Sein vorrangiges Interesse galt nun der Psychotherapie und der Frage, wie schicksalhafte und konfliktbesessene Erfahrungen des einzelnen Menschen den Verlauf von Krankheiten beeinflussen oder gar selbst Krankheiten auslösen können. Er war sogar 1958 an der Gründung eines Lehrinstituts für Psychotherapie beteiligt und leitete die Einrichtung bis 1969 als erster Vorsitzender.
Dieser deutliche Gegensatz wurde in der vorliegenden Arbeit untersucht und bewertet. An mehreren Stellen wird deutlich, dass Elsässer seine Biographie retrospektiv unterschiedlich beurteilt. So lässt er 1977 den Eindruck entstehen, er habe sich seit jeher vorrangig für psychotherapeutische Fragestellungen interessiert und einen entsprechenden Therapieansatz verfolgt. Nach der Analyse seiner Biographie ist nachvollziehbar, dass Elsässer im Rückblick ein schuldhaftes Verhalten im eigenen Handeln wahrgenommen hat und durch eine Umdeutung der eignen Lebensgeschichte versucht hat, dies zu verschleiern.
Kurzfassung auf Englisch: Günter Elsässer, born in 1907, studied to become a physician and scientist in a time which was dominated by Nazi ideas and ideology. Not the individual patient but the common welfare of the German people was in the center of medical attention. Eugenic measures were meant to reduce or even eliminate the occurrence of hereditary diseases and thus to improve the powers of society. One of the methods was forced sterilization of thousands of patients who, they presumed, suffered from hereditary disabilities. These cruel measures mounted in „Euthanasia“, the systematic killing of invalids.
Elsässer predominantly engaged in genetic research, following the prevailing Nazi ideology. Psychiatric genetics became Elsässer’s main field of research and work. He also acted as a medical assessor at the „Erbgesundheitsgericht“. During his military service in World War II Elsässer developed a practice treating soldiers suffering with psychogenic reactions using painful electric shock therapy. Again Elsässer didn’t care for the wellbeing of the individual patient but the entity of the German people. Strengthening the power of the German military forces became the focus of Elsässer’s medical work.
After 1945 Elsässer changed his field of work and developed an increasing in-terest in psychotherapy. Elsässer concerned himself with the question, how fateful experiences and individual conflicts could influence or even initiate the course of diseases. In 1958 Elsässer became involved in establishing an academy for psychotherapy and he was the president of the institute until 1969.
This distinct contrast between his work during and after World War II is analyzed and evaluated in this essay. In various passages it becomes clear that, looking back at his life, Elsässer assessed his own biography in a very positive light. In 1977 Elsässer claimed he had always been interested in psychotherapy and had considered the individual history of his patients since the beginning of his studies. After describing and analyzing Elsässer’s biography it is obvious that he tried to cover up his culpable conduct by simply rewriting his history.
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