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„Die Dinge sind in Fluss geraten …“ : Die Friedensinitiative der Regierung Erhard 1966

Behnecke, Jens


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-92485
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2013/9248/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Deutsche Frage , Gewaltverzicht , Münchener Abkommen , Oder-Neiße-Linie , Ostpolitik
Freie Schlagwörter (Englisch): German question , Munich Agreement , Oder-Neisse line , Ostpolitik , renunciation of force
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Historisches Institut
Fachgebiet: Geschichte
DDC-Sachgruppe: Geschichte
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 02.12.2011
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 13.03.2013
Kurzfassung auf Deutsch: Wie neu war die „Neue Ostpolitik“ der Regierung Brandt? Stellte sie einen völligen Neuanfang dar oder knüpfte sie an die ostpolitischen Maßnahmen früherer Bundesregierungen an? Da es sich bei den in den frühen siebziger Jahren geschlossenen Ostverträgen im Kern um Gewaltverzichtsabkommen handelte, rückt bei der Beantwortung dieser Fragen die „Friedensnote“ der Regierung Erhard vom 25. März 1966 in den Blick. Mit dieser Note – gerichtet an alle Staaten, mit denen die Bundesrepublik diplomatische Beziehungen unterhielt, sowie an die osteuropäischen und arabischen Länder - suchte die Bundesregierung den Anschluss an die Entspannungspolitik des Westens, ohne darüber ihre deutschland- und ostpolitischen Grundpositionen aufzugeben. So erhielt sie ihren Anspruch, das gesamte deutsche Volk in internationalen Angelegenheiten zu vertreten, ebenso aufrecht wie die Behauptung, Deutschland bestehe völkerrechtlich in den Grenzen vom 31. Dezember 1937 fort, solange keine freigewählte gesamtdeutsche Regierung andere Grenzen anerkenne; auf der anderen Seite – und darin kam die Bonner Entspannungsbereitschaft zum Ausdruck − unterbreitete sie eine Reihe von Vorschlägen zur Abrüstung und Sicherung des Friedens, darunter das Angebot, mit den Regierungen der Sowjetunion und der osteuropäischen Staaten Gewaltverzichtserklärungen auszutauschen.
In der vorliegenden Arbeit wird zunächst die Entstehung der Friedensinitiative nachgezeichnet, an der, neben dem federführenden Auswärtigen Amt, d. h. dem Außenministerium, auch andere Bundesministerien, das Bundeskanzleramt, die parlamentarische Opposition im Deutschen Bundestag sowie amerikanische und britische Diplomaten beteiligt waren. Darauf folgt eine Darstellung der vielfältigen Reaktionen, die der Notenvorstoß im In- und Ausland hervorrief. Anschließend werden weitere Maßnahmen geschildert, welche die Regierung Erhard in Fortsetzung ihrer Friedensinitiative ergriff, um eine politische Annäherung an die Sowjetunion und die osteuropäischen Staaten herbeizuführen. Dabei wird unter anderem deutlich, dass in Bonn die Bereitschaft wuchs, den Alleinvertretungsanspruch bzw. den Grundsatz der Nichtanerkennung Ost-Berlins flexibler auszulegen. Während die Friedensinitiative noch darauf abgezielt hatte, die DDR im Ostblock zu isolieren – Ost-Berlin hatte kein Exemplar der Friedensnote erhalten und war in dem Dokument nicht erwähnt worden –, entwickelte das Auswärtige Amt nunmehr Pläne, die DDR indirekt in Gewaltverzichtsvereinbarungen einzubeziehen.
Die während Brandts Kanzlerschaft geschlossenen Verträge mit der Sowjetunion und Polen waren schließlich dadurch gekennzeichnet, dass sich die Vertragsparteien nicht nur zu einem abstrakten, sondern auch zu einem spezifischen Gewaltverzicht verpflichteten, indem sie die europäischen Grenzen, darunter die innerdeutsche und die Oder-Neiße-Grenze, für unverletzlich erklärten. Außerdem schloss die Bundesrepublik ein entsprechendes Abkommen mit der DDR. Zu beiden Schritten waren die Regierung Erhard und die zwischen 1966 und 1969 amtierende Regierung der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger nicht bereit gewesen. Festzuhalten bleibt jedoch, dass der in der Friedensnote der Sowjetunion und den osteuropäischen Staaten angebotene Gewaltverzicht letztlich das Mittel darstellte, um einerseits der Forderung nach einer Respektierung des territorialen Status quo in Europa zu entsprechen, andererseits aber eine formale „Anerkennung“ bzw. definitive Festschreibung der Grenzen zu verhindern. Die Möglichkeit einer Grenzänderung auf friedlichem Wege und damit der Wiedervereinigung blieb also gewahrt.
Kurzfassung auf Englisch: How new was the “New Eastern Policy” of the Brandt government? Did it represent a completely new beginning, or did it build on the eastern policy measures of earlier federal governments? As the agreements signed between Germany and eastern bloc countries in the early 1970s essentially had to do with the renunciation of force, in answering these questions the "Peace Note” of the Erhard government of 25 March 1966 comes into view. With this note − directed to all states with which the Federal Republic maintained diplomatic relations, as well as to eastern European and Arabic countries − the Federal Government sought to connect to the policy of détente of the West, without giving up its basic German and eastern policy positions. In this way, it maintained its aspiration to represent the entire German nation in international affairs and the assertion that Germany would continue to exist under international law within the borders of 31 December 1937, as long as no freely elected all German government recognised other borders; on the other hand – and here is where the Bonn government’s readiness for détente found expression – it submitted a series of proposals for disarmament and securing peace, including the offer to exchange renunciation of force declarations with the governments of the Soviet Union and countries of Eastern Europe.
In this work, the origin of the peace initiative is first traced, in which, besides the “Auswärtiges Amt”, that is Germany’s foreign office, which was in overall charge, other ministries, the German Chancellery, the parliamentary opposition in the German Bundestag, plus American and British diplomats were involved. This is followed by a description of the varied reactions which the note proposal led to in Germany and abroad. Subsequently, further measures are described which the Erhard government took in continuing its peace initiative to bring about a political rapprochement with the Soviet Union and the countries of Eastern Europe. Within this it becomes clear that in Bonn, preparedness was growing to construct the claim of sole representation/the policy of not recognising East Berlin more flexibly. While the peace initiative was still geared to isolating the GDR in the eastern bloc – East Berlin had received no example of the Peace Note and was not mentioned in the document – the “Auswärtiges Amt” now developed plans to include the GDR indirectly in the renunciation of force agreements.
The agreements with the Soviet Union and Poland concluded during Brandt’s chancellorship were ultimately marked by the fact that the parties to the agreements were not merely committing to an abstract non-aggression pact, but to a specific one, in that they declared the European borders, including the inner German and Oder-Neisse border, to be inviolable. In addition, the Federal Government concluded a corresponding agreement with the GDR. The Erhard government and the government of the “Große Koalition” (grand coalition) in power under Chancellor Kiesinger between 1966 and 1969 were not prepared to take either of these steps. What can be said, however, is that the renunciation of force offered in the Peace Note to the Soviet Union and countries of Eastern Europe ultimately represented the means, on the one hand, of meeting the demands for respect of the territorial status quo in Europe, while on the other, preventing formal “recognition” or the definitive setting of the borders. The possibility of peaceful border change and, with it, reunification was thus retained.
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