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Die Versorgung von HIV-Patienten im ländlichen Raum Mittelhessens : Eine monozentrische Datenerhebung zur Darstellung der aktuellen allgemeinen und medizinischen Versorgung von HIV Patienten in Mittelhessen. Aufzeigen von Zukunftsperspektiven aufgrund der zu erwartenden Morbiditätsentwicklungen

Health care of HIV-positive patients in rural Middle-Hesse

Viehmann, Matthias


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-89142
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2012/8914/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): HIV , Integrierte Versorgung , Mittelhessen , Stigmatisierung , Versorgungsforschung
Freie Schlagwörter (Englisch): HIV , AIDS , Middle Hesse , health services research , stigmatisation
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Medizinisches Zentrum für Innere Medizin
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 24.04.2012
Erstellungsjahr: 2010
Publikationsdatum: 13.08.2012
Kurzfassung auf Deutsch: HIV hat in den letzten 15 Jahren durch einen Prozess der medizinischen (nicht gesellschaftlichen) Normalisierung ein anderes Gesicht bekommen. Die modernen Medikamente bewirken eine deutliche Zunahme der Lebenserwartung von HIV-Infizierten. Die Viruslast lässt sich regelhaft unter die Nachweisgrenze reduzieren, die begleitenden Nebenwirkungen der HAART sind zunehmend geringer.
Zukünftig wird daher ein höherer Bedarf an ambulanten Pflegediensten, stationärer / tagesklinischer Pflege sowie Altenheimplätzen bestehen.
In der „Vor-DRG-Ära“ war es möglich, Patienten so lange stationär zu versorgen, bis diese in einem hinreichend guten körperlichen Zustand in die ambulante Weiterbetreuung nach Hause entlassen werden konnten. Die Stabilisierungsphase auf Station bot Gelegenheit sich mit dem neuen Krankheitsbild auseinanderzusetzen („Coping“), depressive Verstimmungen konnten erkannt und anbehandelt werden. Es war möglich Perspektiven zu entwickeln und die Voraussetzungen für Therapietreue zu schaffen. Dies könnte im DRG-Zeitalter nicht ohne finanzielles Defizit geleistet werden. Die HIV-Infizierten müssen daher aktuell deutlich früher und unvorbereiteter entlassen werden.
Immer häufiger ist außerdem die Verlagerung der Behandlung nicht HIV-assoziierter Erkrankungen des älter werdenden Patientenklientels in die infektiologische Spezialambulanz zu beobachten, was personelle, apparative und finanzielle Ressourcen bindet.
Defizite bei der Behandlung HIV-Infizierter in Mittelhessen:
• Gefühl mangelnder Qualität und Expertise bei Haus- und Fachärzten sowie ambulanten Pflegediensten.
• In ländlichen Gebieten unzureichende Infrastruktur der HIV-Versorgung, dies bedroht Compliance / Adhärenz.
• Stigmatisierung und Diskriminierung im Gesundheitswesen.
• Angst vor Outing in Beruf und gegebenenfalls Familie. Ansätze zur Lösung sind Reduktion von Stigmatisierung und Diskriminierung im Alltag sowie gesteigerte Lebensweisenakzeptanz.
• Nicht existent sind aktuell adäquate Nachsorgeeinrichtungen stationärer oder kurzstationärer Art.
• Unzureichende medizinische und verkehrstechnische Infrastruktur. Im ländlichen Raum mangelt es an einer qualitativ angemessenen haus- und fachärztlichen insbesondere aber auch einer psychosozialen Versorgung.
Folge sind Outing-Angst der Betroffenen, mangelnde Compliance und häufigere stationäre Aufenthalte sowie eine Zunahme der Zahl der late presenter, da hinweisende Symptome nicht wahrgenommen oder fehlinterpretiert werden.
Besondere Schwierigkeiten werden bei HIV-Patienten auftreten, die eine sozialpsychiatrische Betreuung benötigen, hierauf sind die aktuellen Versorgungsstrukturen nicht ausreichend vorbereitet. Durch den Wandel der HIV-Infektion zu einer lebenslangen Infektion mit begleitenden Multiorganerkrankungen nimmt die Komplexität der medikamentösen, sozialen und psychiatrischen Betreuung der Infizierten zu. In Kombination mit den erwarteten steigenden Zahlen entsprechender Krankheitsbilder wie HIV-Demenz, Depression oder kognitiven Dysfunktionen resultiert ein steigender Bedarf an spezialisierten Psychotherapeuten und stationären wie ambulanten / tagesklinischen Behandlungseinrichtungen.
Das Management der HIV-Infektion erfordert vom spezialisierten Behandler eine hohe Expertise was das Spektrum der Infektion anbelangt. Die Versorgung der Infizierten durch HIV-Behandler, Fach- und Hausärzte, Pflegedienste und weitere involvierte Berufsgruppen muss vorbehaltlos und ohne Ängste erfolgen.
Eine vernetzte Versorgungsstruktur würde somit nicht nur eine qualitative Verbesserung der Behandlung und Begleitung der Patienten, sondern auch Kosteneinsparungen durch Nutzen von Synergien und neu geschaffenen Schnittstellen im Versorgungsnetzwerk ermöglichen.
Als Zielgruppen einer integrierten oder vernetzten Versorgung kommen alle HIV-Patienten in Frage, da alle von der zunehmenden Komplexizität des Krankheitsbildes, altersbedingten Einschränkungen und Strukturschwächen in der medizinischen Regelversorgung betroffen sind.
Durch bestehende sowie künftige Defizite ist im Vergleich zu Regionen mit optimierter Versorgung eine schlechtere Lebensqualität und schlechtere gesundheitliche und Lebens-Perspektive der Infizierten zu erwarten. Es ist damit zu rechnen, dass HIV-Infizierte in Mittelhessen dadurch eine geringere Lebenserwartung haben werden, als zum Beispiel Betroffene in besser strukturell ausgebauten Regionen wie z.B. dem Rhein-Main Gebiet.
Erhalt und/oder Wiedergewinn an Lebensqualität nimmt daher mehr und mehr eine zentrale Rolle ein und stellt neben der Reduktion der Virusvermehrung eines der wichtigsten Therapieziele dar.
Kurzfassung auf Englisch: During the last 15 years HIV had a change of face due to a process of medical normalization (not social). Modern drugs cause a significant increase in life expectancy of HIV patients. As a rule, it is possible to reduce the viral load below detection limit, the accompanying side effects of HAART are increasingly lower.
Hence in the future there will be a higher demand of ambulatory nursing services, inpatient care / hospital day care as well as places in retirement homes.
During the “Pre-DRG-Era” it was possible to treat inpatients until an adequate physical condition was achieved and then release the patient into ambulatory care at home. The phase of stabilisation on ward gave a chance to deal with the new clinical picture (“Coping”), depressive moods could be detected and a treatment could be lead in. It was possible to develop perspectives and to create the requirements for compliance. In the age of DRG all of this can not be accomplished without a financial deficit. Therefore currently HIV patients have to be discharged considerably earlier and unprepared.
Also increasingly common is a shift of the treatment of non-HIV associated illnesses in aging patients toward the outpatient clinics specialized in infectious diseases, binding human, technical and financial ressources.
Deficiencies in the treatment of people with HIV in Middle-Hesse:
• The persons concerned feel the lack of quality and expertise of general practicioners, medical specialists and ambulatory nursing services.
• In rural areas the infrastructure of the care for HIV patients is only inadequately developed. This threatens compliance and adherence.
• A significant part of respondends had to experience stigmatisation and discrimination in the public health sector.
• Fear of being outed in the workplace and family (where applicable) is a serious problem for people living with HIV. Methods for resolutions are the advancement of availability and accessibility of the HIV care staff/HIV therapists, enhancement in the quality of care, economically working, reduction of stigmatisation and discrimination in everyday life as well as enhanced lifestyle acceptancy.
• In the supply areas of Middle- and North-Hesse adequate aftercare facilities, especially of the stationary and short-time stationary kind are non existent at the present time.
• The supply areas of the region of middle and northern Hesse which is supposed to be supplied covers a relatively large area with an insufficient medical and traffic infrastructure. Rural areas in particular lack acceptable quality of care from general practioners and medical sprecialists.
Outcomes of these deficits are on one hand fear of outing of persons concerned, a lack in compliance and increasing inpatient stays, which could have been prevented under different circumstances. On the other hand an increase in the number of late presenters, because of misinterpretation or non-recognition of indicative symptoms.
Specific difficulties will occur with HIV patients, who are in need of psycho-social-care due to multiple handicaps. The current care structures are ill-prepared and inappropriate. Due to the change of HIV-infections into lifelong infections with accompanying multi-organ diseases, the complexity of the medical, social, and psychiatric care of the infected increases. In combination with the expected rise in numbers of corresponding illnesses like HIV-dementia, depression or cognitive dysfunction, the result will be an increasing need of specialised psychotherapists and stationary as well as ambulatory / day-care treatment facilities. With a good psycho-social care there is a chance of controlling and economizing effects where applicable.
The management of the HIV infection demands high expertise of the specialised therapist concerning the spectrum of the infection. The care of the infected through HIV therapists, medical specialists, General Practioners, nursing-services and other involved professions must happen unconditionally and without fears.
Consequently, a networked structure of care would not only make a qualitative improvement of the treatment and attendance of patients possible, but would also enable cost cutting due to the use of synergies and newly created gateways in the care-network.
A target group of an integrated or networked care are all HIV-patients, because all are affected of the increasing complexity of the illness, of limitations caused by age and of structural weaknesses of the general medical care.
Due to existing and future deficits, HIV-infected people can expect a lower quality of life and a worse perspective of health and of life in general in comparison to regions with an optimised care. It is to be expected that patients in Middle-Hesse will thus have a lower life-expectancy, compared to persons concerned living in structurally better developed regions, an example being the Rhine-Main area.
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