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Freiheit und Determinismus in der stoischen Philosophie

Gasser, Cornelia



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URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-83410
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8341/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Chrysipp , Fatumtheorie
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Fachgebiet: Zentrum für Philosophie
DDC-Sachgruppe: Philosophie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 28.06.2011
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 05.09.2011
Kurzfassung auf Deutsch: Wir halten zunächst fest, dass der stoische Determinismus ursprünglich nicht als kausaler Determinismus eingeführt wurde, sondern mit einem stark teleologischen Element und dass er fest in der Kosmologie verankert ist.
Die Welt der Stoiker ist ein ununterbrochenes Ganzes, in dem es keine noch so kleine Lücke gibt. Sie wird aus zwei Prinzipien gebildet, dem aktiven und dem passiven Prinzip.
Das aktive Prinzip bezeichnen sie als Gott, Logos, Weltvernunft, und als Fatum ist für jegliche Veränderung in der Welt verantwortlich. Es verleiht jedem Objekt die ihm gemäße Grundbeschaffenheit, die mit zunehmender Vielschichtigkeit komplexer wird. Physikalisch gesehen ist das aktive Prinzip pneuma von unterschiedlicher Feinheit. Das feinste pneuma ist die Vernunft, die sich als Gottes herrschendes Prinzip manifestiert.
Das passive Prinzip nennen sie Materie, ὕλη. Es initiiert zwar keinerlei Bewegung, aber es ist die Grundlage jedes Gegenstands, wobei Gott und die Materie zusammen die Grundlage der Welt bilden. Beide Prinzipien bilden für sie eine vollständige Durchmischung und beide Prinzipien sind für sie körperlich.
Für diese Arbeit ist es bedeutsam, dass die Stoiker zwischen einer globalen und einer innerweltlichen Perspektive unterscheiden.
Der kausale Determinismus der Stoiker wird im Hinblick auf Ursachen definiert. In diesem Zusammenhang lernen wir Chrysipps umstrittene Behauptung kennen, dass es keine Veränderung ohne vorab bestehende Ursachen gibt. Ursache und Wirkung gehören für sie unterschiedlichen ontologischen Kategorien an, das heißt, dass sie die Ursache für ‘körperlich’ halten, die Wirkung hingegen als unkörperlich. Die Voraussetzung für jedes Beispiel von Kausalität ist die Interaktion zwischen Körpern und sie ist immer ’doppelgesichtig’. Das hängt davon ab, ob eine aktive oder eine passive Perspektive eingenommen wird. Damit unterscheiden die Stoiker zwischen Ursachen und qualitativen Zuständen und Ursachen und Veränderungen. Ihre Theorie des ununterbrochenen Zusammenhangs führt zu der Feststellung, dass es für jede Bewegung eine Bewegung gibt, die ein Teil von ihr ist; und dass es für jeden qualitativen Zustand einen qualitativen Zustand gibt, der ein Teil von ihm ist, wobei Chrysipp Bewegung als Veränderung von Raum, Form und Körper definiert. Daraus kann er ableiten, dass Kontinuität ein Mangel an Bewegung sein muss.
Eine weitere These Chrysipps besagt, dass jede Bewegung und jeder qualitative Zustand eines beliebigen Objekts in Übereinstimmung mit der allgemeinen Natur sei muss, ’die in ihrer Gesamtheit alles umfasst. Diese These lässt sich auf die Unterscheidung zwischen der weltumfassenden und der innerweltlichen Perspektive zurückführen. Sie manifestiert sich in Chrysipps Unterscheidung der allgemeinen und der individuellen Natur. Die allgemeine Natur ist dasselbe wie das aktive Prinzip oder Gott. Da sich diese allumfassende Natur in alle Dinge erstreckt ist sie verantwortlich für die Organisation des Universums in seiner Ganzheit und sie lässt sich durch nichts behindern.
Diese Behauptungen führen zu der Vermutung, dass Chrysipp einer Art von universellem Determinismus vertritt, weil es genau einen Verlauf der Vorkommnisse und Zustände gibt, der in Übereinstimmung mit der vernünftigen alles umfassenden Natur ist.
Einen weiteren Hinweis auf eine totale Determiniertheit lässt sich aus Chrysipps Vorstellung der Tugenden und Laster ableiten. Beide sind für ihn Teil des aktiven Prinzips in uns, weil sie Veranlagungen sind. Würde das zutreffen, wäre unserer Willensfreiheit jedoch der Boden entzogen und wir wären nicht frei in unseren Entscheidungen und Handlungen. Da Chrysipp aber keinen totalen Determinismus zugeben möchte führt die Existenz eines ’von innen heraus erfolgenden’, freiwilligen, spontanen Antriebs und einer korrespondierenden Kraft im Geist ein. Damit gibt er dem Handlungsträger ein Mittel an die Hand, wie er das Dilemma lösen kann, zwischen zwei gleich wünschenswerten Dingen eine willentliche Entscheidung herbeizuführen, denn er ist der Überzeugung, dass diese Kraft im Geist von sich aus eine Neigung zu einer der beiden Alternativen ergreifen wird. Das trifft aber nur auf diejenigen Fälle zu, in denen sich die Dinge in nichts voneinander unterscheiden. Die von innen heraus erfolgende Bewegung wird hier nicht als ’kausal nicht bestimmt’ eingeführt, sondern als ’nicht- vorherbestimmt’.
Chrysipp vertritt die Ansicht, dass weder das nicht Verursachte noch die Selbstbewegung existiert. Es kann für ihn keine nicht zu unterscheidenden Situationen geben. Ein Unterschied besteht immer. Er liegt entweder im Objekt selbst oder in der Umgebung und er ist für den Unterschied im Ergebnis verantwortlich und damit, ob er im stoischen Sinn kausal ist oder nicht.
Erkennen wir diesen Unterschied nicht, heißt das nicht, dass es ihn nicht gibt; es heißt nur, dass es nicht erkennbare, verborgene Faktoren geben muss, die dafür verantwortlich sind, dass wir die eine und nicht die andere Alternative ergreifen. Da es das nicht Verursachte für Chrysipp nicht gibt, gibt es folglich auch keine spontane Bewegung. Diese Behauptung bringt das ’allgemeine Kausalprinzip’ (AKP) mit sich: ’Nichts geschieht ohne Ursache’. Dieses allgemeine Prinzip gewährleistet bislang aber keine umfassende Gesetzmäßigkeit oder Übereinstimmung zwischen Ursache und Wirkung. Chrysipps Determinismus ist nur dann ein alles umfassender ’kausaler’ Determinismus, wenn wir eine Erweiterung dieses ’allgemeinen kausalen Prinzips’ annehmen und das ’spezifizierte Kausalprinzip’ (SKP) hinzufügen. Damit liegt uns in eine vollkommene Formulierung des kausalen Determinismus in ’neuzeitlichem’ Sinn vor, denn das Prinzip führt dazu, dass jede Bewegung vollständig durch eine vorausgehende Situation festgelegt ist. Wäre das Ergebnis in der geringfügigsten Einzelheit anders, dann wäre auch die vorausgegangene Situation anders gewesen.
Chrysipps Determinismus ist darum ’strenger’, weil er zusätzlich zur Einheitlichkeit und Übereinstimmung (des gesamten Weltzustands, seiner Ausgangssituation und seiner Wirkungen) die aktive Verursachung setzt, die im stoischen Sinn in jeder Bewegung einbezogen ist und die als wichtigster determinierender Faktor gilt.
Wie sich Chrysipps kausaler Determinismus mit dem teleologischen Determinismus vereinbaren lässt, hängt von seiner Vorstellung vom Fatum ab. Bislang bestimmen zwei Aspekte Chrysipp Vorstellung von Determinismus:
Zunächst die Behauptung, dass jeder qualitative Zustand und jeder Antrieb bis ins kleinste Detail mit der rationalen allumfassenden, alles durchdringenden Natur der Welt besteht und durch sie gestaltet wird und dass das nicht anders sein kann. Das bezeichnen wir als die teleologische Komponente. Dann die Behauptung, dass es keine Bewegung ohne eine Ursache gibt. Das bezeichnen wir als kausale Komponente. Beide Aspekte ergänzen einander in einer umfassenden Theorie. Die Verbindungen zwischen beiden Aspekten (den teleologischen und den kausalen) ist Chrysipps Fatumstheorie.
Dass sich Chrysipps und Kleanthes’ Vorstellung vom Begriffsumfang des Fatums und der Vorsehung unterschieden, ist belegt. Während Chrysipp davon überzeugt ist, dass welches Ereignis oder welcher Zustand auch immer, aus der Sicht des Einzelnen schlecht ist, aus der weltumfassender Sicht aber gut ist und Gott dafür verantwortlich ist, steht für Kleanthes fest, dass die persönliche Schlechtigkeit und der Unverstand der Menschen nicht Gott zuzuschreiben sei, sondern dem uneinsichtigen Menschen. Beide aber stimmen darin überein, dass das Fatum einen besonderen Aspekt Gottes bezeichnet: es ist das aktive Prinzip, das die Welt strukturiert und bewegt und es wird als ewig während beschrieben. Es hat selbst zwar keinen Anfang, aber es war schon von jeher als das organisierende und verwaltende Prinzip der Welt da. Was auch immer geschieht, ist bereits von Ewigkeit her festgelegt, bevor es geschieht Es ist das unabänderliche Weltgesetz und es ist die vorausblickende Fürsorge Gottes.
Weil für die Stoiker der Verlauf der Welt zyklisch ist, führt die Vorstellung der Unabänderlichkeit des Fatums zur unbegrenzten Wiederholung aller Zustände und Ereignisse. Zu diesem unabänderlichen Weltgesetz gehört auch die stoische Vorstellung der ewigen Wiederkehr von Weltenbrand und Weltordnung.
Das ist nun ein ganz besonderes Thema, über das mehr gesagt werden müsste. Aus diesem Grund wurde es ausführlich behandelt und in den Anhang unter Punkt 11 gestellt.
Ein weiterer Aspekt des Fatums ist seine Unerbittlichkeit und Unvermeidlichkeit, was auf eine nicht vorhandene Freiwilligkeit hinweist. Die Unerbittlichkeit des Fatums lässt sich damit erklären, dass nichts, was von außen kommt oder unabhängig von seiner allumfassenden Natur ist, weder beinträchtigen noch verhindern kann, was geschieht, weil es nichts gibt, das von außen kommt oder unabhängig von ihm ist. Vor allem können Menschen in kein Geschehnis eingreifen, weil ihre Natur selbst Teil der gemeinsamen Natur bzw. des Fatums ist.
Für Chrysipp verknüpft das Fatum ferner qua pneuma in allen Dingen diese durch Zeit und Raum. Durch die Zeit auf dem Weg der vorausgehenden Ursachen, durch den Raum auf dem Weg der unterstützenden Ursachen und der sympatheia. Es kann im stoischen Sinn keine Verkettung von Ursache und Wirkung vorliegen, da Ursache und Wirkung ontologisch verschiedene Kategorien sind.
Ein anderer Aspekt betrifft das Fatum insofern, als es gemäß Chrysipp einzelne Dinge miteinander verflicht. Die Verflechtung wiederum erklärt er als ’Dinge, die auf andere Dinge folgen und die schon von jeher in anderen Dingen mit eingeschlossen sind und das von Ewigkeit her. Da jeder Körper, der eine Ursache in der Kette oder in einem partiellen Netzwerk ist, das zu einer späteren Wirkung führt, ist er kausal für diese Bewegung verantwortlich.
Das Prinzip, dass alles in Übereinstimmung mit dem Fatum geschieht, wurde in der Folge das ’Fatumssprinzip’ genannt wurde und kein Stoiker scheint von diesem Prinzip abgewichen zu sein.
Fasst man die bisherigen Ergebnisse zusammen, sieht man, dass die Stoiker das Fatum und sein Wirkweise auf zwei ontologisch unterschiedlichen Wegen konzipiert und beschrieben haben. Auf der Seite der körperlichen Dinge ist das Fatum verantwortlich für die Ausbildung der Individualität der Dinge, für ihre Beschaffenheit und ihre ununterbrochene Verknüpfung durch Raum und Zeit. Auf der Seite der unkörperlichen Dinge sind alle qualitativen Zustände und alle Veränderungen das Ergebnis oder die Wirkung des Fatums.
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