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Bildungsstandards : Der Blick von Experten auf die Entwicklung von Bildungsstandards in der Schweiz und die Folgen für die Akteurkonstellation im Schulsystem

Annen Hochuli, Luzia


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-83361
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8336/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Governance , Bildungsstandards , Implementation , Schweiz
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Soziologie
Fachgebiet: Soziologie
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 22.06.2011
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 02.09.2011
Kurzfassung auf Deutsch: 2004 hat die Schweizerische Konferenz der kantonalen Erziehungsdirektoren (EDK) im Rahmen des Projekts HarmoS (Harmonisierung der obligatorischen Schule) beschlossen, gesamtschweizerische Bildungsstandards (Mindeststandards) in den Fächern Mathematik, Erstsprache, Fremdsprache und Naturwissenschaften für die Klassenstufen 4, 8 (Ende der Primarstufe) und 11 (Ende der obligatorischen Schule) zu entwickeln. Der Auftrag ging an vier Konsortien und wurde von einem Beirat begleitet. Der Beirat HarmoS setzte sich aus Vertreterinnen und Vertretern der Regionen, der Lehrervereine und aus Fachpersonen der Forschung zusammen.
Die Arbeit verfolgte eine doppelte Fragestellung: Einerseits wurden die Einschätzungen der im Beirat vertretenen Fachpersonen zur Entwicklung von Bildungsstandards sowie andererseits der Einfluss des Beirats auf die Umsetzung in der Schweiz untersucht.
Im Zentrum steht der Blick auf die Akteurkonstellation im Schulsystem. Ausgehend von der Sichtweise der Governance, internationalen Erkenntnissen zur Umsetzung von Bildungsstandards sowie Erkenntnissen aus der Implementationsforschung wurde ein Modell der Implementation entwickelt. Dieses beschreibt die zur Umsetzung bedeutsamen Aspekte. Das Modell bildete die Grundlage für Gespräche mit neun Mitgliedern des Beirats HarmoS. Alle Gespräche wurden nach Grounded Theory ausgewertet.
Mit dem Projekt HarmoS wird ein für die föderalistische Schweiz bisher einzigartiges Projekt angegangen. Die befragten Mitglieder des Beirats schätzten die Entwicklung und Umsetzung der Mindeststandards realistisch ein. Ihre Aussagen deckten sich in der Gesamtheit mit dem entwickelten Modell der Implementation. Doch wurden neben den einzelnen Aspekten des Modells auch die kritischen Punkte genannt. Vor allem wurde deutlich, dass die Komplexität der Umsetzung gerade in der Koordination der verschiedenen Ebenen des Schulsystems und somit zwischen den einzelnen Aspekten des Modells liegt. Da zur Befragungszeit aber noch viele Fragen auf verschiedenen Ebenen ungelöst waren – oder gar unklar war, wer diese anzugehen hätte, herrschte eine hohe Zielunklarheit neben gleichzeitig hohen Erwartungen an die Standards. Eine präzise Prognose zur Umsetzung war unter diesen Voraussetzungen schwierig.
Die Auswertung der Gespräche zeigte deutlich, dass sich die Mitglieder des Beirats HarmoS im Spannungsfeld der Funktionselite bewegen. Einerseits brachten sie ihre Expertise in die Gespräche und in die Diskussionen im Beirat ein, andererseits waren sie ihrer Institution verpflichtet. Die auf Konsens ausgerichteten Abstimmungsprozesse innerhalb des Beirats führten dazu, dass individuelle Vorstellungen redimensioniert werden.
Den Nutzen und die Nutzung von Daten („die Verheißung evidenzbasierter Daten“), die auf der Grundlage der Mindeststandards erhoben werden könnten, wurden von den befragten Mitgliedern sehr unterschiedlich eingeschätzt. Es wurde ersichtlich, dass innerhalb des Beirats HarmoS keine Einigkeit darüber vorlag, was Mindeststandards bewirken und wie die Daten genutzt werden sollen. Im Gegensatz dazu sahen alle Befragten in der Unterstützung der Lehrpersonen einen wesentlichen Gelingensfaktor: Die Lehrpersonen sind es, die mit einer kompetenzorientierten Förderung der Schülerinnen und Schüler letztlich die Bildungsstandards in die Praxis bringen können. Ihre Akzeptanz der Bildungsstandards ist für die Umsetzung entscheidend.
Einigkeit herrschte bei den Befragten auch darüber, dass die Umsetzung der Bildungsstandards unter einem hohen Erfolgsdruck stehe. Ein strategisches, koordiniertes, konsequentes und transparentes aber auch außerordentlich umsichtiges Alignment der einzelnen Umsetzungsschritte und -instrumente ist notwendig. Voraussetzung dafür sind klare Ziele, permanente Abstimmungsprozesse über die Ebenen des Schulsystems hinweg und eine bedachte Zeitplanung. Die Umsetzung der Bildungsstandards ist jedoch nicht mehr Teil des Projekts HarmoS. Obwohl zwar die im Juni 2011 verabschiedeten Mindeststandards in den Lehrplan einfließen, droht der Umsetzungsprozess am Föderalismus, bildungspolitischen Entscheiden oder konkurrenzierenden Projekten zu scheitern.
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