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Über die Reinton-Hörschwelle bei Schulkindern

Pure-tone auditory threshold in school children

Müller, Reinhard


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-83320
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8332/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Audiometrie , Entwicklung , Hörschwelle , Schulkinder , Tympanometrie
Freie Schlagwörter (Englisch): audiometry , auditory threshold , development , school children , tympanometry
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut und Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 14.07.2011
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 29.08.2011
Kurzfassung auf Deutsch: Hörschäden sind nicht heilbar und können nur durch präventive Maßnahmen vermieden werden. Da Hörtests bei Schulkindern häufig schlechtere Ergebnisse zeigen als bei jungen Erwachsenen, werden daraus regelmäßig düstere Prognosen für die weitere Zukunft abgeleitet. Aber sind diese negativen Prognosen berechtigt? Dieser Frage wurde nachgegangen und in vergleichenden Feldstudien untersucht. In der ISO 7029 wird die Hörfähigkeit als Funktion des Alters beschrieben, berücksichtigt aber nicht Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Die vorliegende Arbeit stellt einen Versuch dar, diese Lücke zu schließen.

197 otologisch unauffällige Schüler einer deutschen Grundschule (D) wurden mit Audiometern im Frequenzbereich von 125-16.000 Hz untersucht, nachdem eine standardisierte Befragung, ein Audiometrie-Training, eine Ohrinspektion und eine Tympanometrie vorangegangen waren. Dasselbe erfolgte im Rahmen einer Expedition in China mit 91 chinesischen Schulkindern (C). Die deutschen Kinder wurden in zwei: D1 (6-8 J., N=91) und D2 (9-12 J., N=106), die chinesischen in drei Altersgruppen: C1 (6-8 J., N=29), C2 (9-12. J., N=32) und C3 (13-16 J., N=30) aufgeteilt und miteinander verglichen.

Gruppe D2 zeigte ein signifikant besseres Hörvermögen als Gruppe D1. Die gemittelte Hörfähigkeit beträgt bei D1 7,1 dB HL und bei D2 3,6 dB HL. In einer anschließenden Längsschnittstudie mit den Erstklässlern (N=35 aus D1) wurden diese Verbesserungen 3 Jahre später bestätigt. Die gemittelte Hörfähigkeit von C1 ist 6,4 dB HL, von C2=4,7 dB HL und von C3=3,0 dB HL. Im ethnischen Vergleich zeigt sich die gleiche Tendenz mit etwas geringeren Verbesserungen bei chinesischen Kindern. Die Hörentwicklung scheint auch im Alter von 16 Jahren noch nicht ganz abgeschlossen zu sein.

Auffällig ist die bessere Hörfähigkeit der Kinder bei hohen Tönen verglichen mit tiefen Tönen. Zur Norm-Hörschwelle für Erwachsene in der ISO 389-7 sind die kindlichen Hörkurven deutlich gekippt. Strukturgrößen wie das Ohrkanal-Volumen sind für diesen Verlauf mit verantwortlich, da aus kleineren Volumen höhere Resonanzfrequenzen resultieren. Bei den deutschen Kindern wurden gemittelte Ohrkanal-Volumina von 1,05 ml bei D1 gemessen und 1,18 ml bei D2. Die chinesischen Kinder haben in Altersgruppe C1 ein gemitteltes Volumen von 0,78 ml, bei C2=0,92 ml und bei C3=0,97 ml. Im Vergleich zu deutschen Kindern sind diese etwa 25 % kleiner.

Neben der höheren Resonanzfrequenz des Gehörgangs, spielt auch das kleinere Mastoid-Volumen eine Rolle bei dem auffälligen Frequenzgang der kindlichen Hörschwelle.

Das Hörvermögen von Schulkindern erfährt bei allen Testfrequenzen eine deutliche Entwicklung im Altersverlauf, die mit der Ausreifung des Hörpfades und der Reizverarbeitung im Cortex in Zusammenhang stehen.

Bei der Beurteilung von kindlichen Audiogrammen sollte die Hörentwicklung durch eine Alterskorrektur berücksichtigt werden, um falsche Schlussfolgerungen aus schlechteren Testergebnissen zu vermeiden. Die klinische Relevanz einer solchen Alterskorrektur zeigt sich in einem nur geringen Verlust an Sensitivität von 3,8 % bei der Anwendung eines Schadenskriteriums von 20 dB. Dem steht aber ein deutlich größerer Gewinn von 12,7 % bei der Spezifität gegenüber, die bei Anwendung auf den vorliegenden Datensatz mit 250 deutschen Schülern auf über 85 % ansteigt.
Kurzfassung auf Englisch: Hearing impairments are preventable by effective precaution but not curable. Audiological test results of school children often are worse than found at young adults, frequently entailing a negative outlook on future developments. But are those bad predictions warranted? The ISO 7029 allows to calculate age-related decrease of hearing acuity up to 8~kHz. However, the effects of ageing on the development of children´s hearing are not taken into consideration. Three field studies have been conducted in order to research this subject. The present paper is an attempt to close this gap.

197 otological normal children of a German primary school (D) were tested by audiometry in the frequency range of 125-16.000 Hz. This has been preceded by a questionary, otoscopic examination, tympanometric screening and audiometric training. The same procedure was performed in China with 91 otological normal school children(C). The German children were devided in two age groups: D1 (6-8 y., N=91) and D2 (9-12 y., N=106) and the Chinese children in three age groups: C1 (6-8 y., N=29), C2 (9-12 y., N=32) und C3 (13-16 y., N=30) and have been compared thereafter.

The age group D2 had a significant better hearing acuity than D1. The average threshold of D1 was 7.1 dB HL and of D2 3.6 dB~HL (taking both ears into consideration). A subsequent study with 35 first graders of age group D1 confirmed this results three years later. The averaged threshold of C1 was 6.4 dB HL, of C2=4.7 dB HL and of C3=3.0 dB HL. The ethnical comparison shows the same tendencies, although the improvement of the hearing threshold with regard to the Chinese children was smaller. The development of the hearing acuity seems not to be finished at the age of 16 years.

One result is the fact that the hearing ability of children at high frequencies is better than at low frequencies. The audiograms of the children are tilted distinctly in relation to the adult reference zero line in ISO 389-7. Dimensions like the ear canal volume are also responsible for this finding since smaller volumes are inducing higher resonance frequencies. The averaged value of the ear canal volume of the younger German age group D1 was 1.05 ml and 1.18 ml at age group D2. For the Chinese children, age group C1 had an averaged value of 0,78 ml, at C2=0.92 ml and C3=0.97 ml. Compared to the Germans, these values are about 25 % lower.

Besides the higher resonance frequency of the ear canal, the samller volume of the mastoid cell system is resposible for this noticeable frequency responce of children at the hearing threshold.

The hearing ability of school children shows a remarkable age-dependend development at all test frequencies. This can be explained by the maturation of the primary auditory pathway as well as of the central (cortical) processing.

In order to evaluate children´s audiograms, developmental changes should be considered by using age-related normal threshold values to avoid incorrect conclusions in the case of diminished test results. When a 20 dB hearing loss criterion is applied to the present data set of 250 German pupils, an age correction shows diagnostic relevance by an only slightly decreasing sensitivity of 3.8 % but a relevant increasing specifity of 12.7 % up to more than 85 %.
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