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Konstruktionsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung : Konstrukt, Diagnostik, Förderung

Kuhl, Jan


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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-81965
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8196/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Geistige Behinderung , Konstruktionsfähigkeit , Konstruktionsspiel , Training
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Pädagogische Psychologie mit dem Schwerpunkt schulische Prävention und Evaluation
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Erziehung, Schul- und Bildungswesen
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 05.05.2011
Erstellungsjahr: 2011
Publikationsdatum: 21.06.2011
Kurzfassung auf Deutsch: Ein wichtiger Teil des Curriculums für Schüler mit geistiger Behinderung ist die Vorbereitung auf eine sinnvolle Arbeitstätigkeit. Mit Blick auf mögliche Beschäftigungsfelder kommt der Förderung handwerklich-technischer Kompetenzen eine immense Bedeutung zu, da in den Werkstätten für behinderte Menschen (WfbM) häufig Tätigkeiten in diesem Bereich ausgeführt werden (Bundesagentur für Arbeit, 2010).
Dem Konstruktionsspiel werden erhebliche Potenziale bei der Förderung von Kindern mit und ohne Behinderung zugeschrieben (Fischer, 1992; Kreuser, 1995; Pfitzner, 1994; Wendeler, 1990). Auch wird ein direkter Zusammenhang zwischen handwerklichen Fähigkeiten und Konstruktionsspiel gesehen (Pitsch, 2003). Empirische Belege für diese Positionen existieren allerdings kaum. Dennoch ist der Zusammenhang von handwerklich-technischen Tätigkeiten und Konstruktionsspiel theoretisch gut begründbar und es kann angenommen werden, dass für beides eine spezifische, abgrenzbare Fähigkeit benötigt wird. Diese Fähigkeit kann als Konstruktionsfähigkeit bezeichnet werden.
Ein Training mit Konstruktionsspielzeug sollte sich positiv auf die Entwicklung der Konstruktionsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen mit geistiger Behinderung auswirken und eine sinnvolle Vorbereitung auf handwerklich-technische Tätigkeiten darstellen. Ziel der Arbeit ist es daher, ein im Unterricht häufig eingesetztes Material aufzubereiten und damit eine evidenzbasierte Förderung der Konstruktionsfähigkeit von Schülern mit geistiger Behinderung zu ermöglichen. Dazu muss nachgewiesen werden, dass Konstruktionsfähigkeit als eigenständiges Konstrukt betrachtet werden kann. Weiterhin ist ein Trainingsprogramm zu entwickeln und dessen Wirksamkeit nachzuweisen.
Um den Wirksamkeitsnachweis eines Trainings erbringen zu können, wurde in Vorstudien zunächst ein diagnostisches Verfahren zur Erfassung der Konstruktionsfähigkeit entwickelt und ein Förderprogramm pilotiert. Die Ergebnisse sind in Kuhl und Ennemoser (2010) veröffentlicht.
Auf den Ergebnissen der Pilotstudien aufbauend waren die Ziele der Hauptstudie 1) der Nachweis, dass Konstruktionsfähigkeit ein abgrenzbares Konstrukt ist und 2) die Evaluation eines Trainings der Konstruktionsfähigkeit in einem Prä-Posttest-Kontrollgruppendesign.
An der Studie nahmen 46 Schülerinnen und Schüler (26 weiblich, 20 männlich) mit geistiger Behinderung teil. Zur Erfassung der Konstruktionsfähigkeit wurden die in den Pilotstudien entwickelten Skalen zur Konstruktionsfähigkeit eingesetzt (Skala Bauklötze, Skala Lego, Skala Baufix). Zusätzlich wurden konstruktnahe und konstruktferne Außenkriterien erhoben. Nach dem Vortest wurde die Gesamtstichprobe in drei Gruppen eingeteilt. Die erste Gruppe (N = 17) erhielt ein Training der Konstruktionsfähigkeit mit dem Konstruktionsspielzeug Lego. Die zweite Gruppe (N = 13) erhielt ein Training des induktiven Denkens in Anlehnung an die Konzeption des Denktrainings für Kinder I von Klauer (1989). Die dritte Gruppe (Kontrollgruppe ohne Training; N = 16) erhielt keinerlei zusätzliche Förderung.
Nach sechs Monaten wurde eine Follow-up-Erhebung durchgeführt. Aus schulorganisatorischen Gründen konnte eine Schule an dieser nicht teilnehmen, so dass sich die Stichprobe zum Follow-up auf N = 16 verringerte.
Die Skalen zur Konstruktionsfähigkeit wiesen zufriedenstellende Item- und Skalenkennwerte auf und können daher als geeignetes Diagnoseverfahren angesehen werden. Korrelations- und Regressionsanalysen lieferten Evidenz für die These, dass Konstruktionsfähigkeit ein eigenständiges, abgrenzbares Konstrukt ist. Allerdings zeigte sich auch, dass nur die Skalen Lego und Baufix spezifisch Konstruktionsfähigkeit erfassen. Die Skala Bauklötze hingegen prüft stärker allgemeine räumliche Fähigkeiten.
Im Hinblick auf die Evaluation des Trainingsprogramms zeigte sich eine hochsignifikante Leistungsverbesserung der Konstruktionstrainingsgruppe im Vergleich mit den beiden Kontrollgruppen beim Bauen mit Lego und Baufix. Die Effektstärken lagen dabei im mittleren Bereich. Der Transfer auf Baufix belegt, dass die Leistungssteigerung nicht nur auf einer reinen Verbesserung der Performanz beruht, sondern es zu einer echten Kompetenzsteigerung gekommen ist. Bei der Skala Bauklötze konnte keine signifikant bessere Leistungsentwicklung der Konstruktionstrainingsgruppe beobachtet werden.
In fast allen Außenkriterien war die Leistungsentwicklung der drei Gruppen vergleichbar. Das ist ein Beleg für die spezifische Wirksamkeit der Trainingsmaßnahme. Ein tendenzieller Effekt zeigte sich beim Verständnis von Präpositionen. Da Präpositionen anhand des Materials explizit im Training behandelt wurden, spricht dies aber nicht gegen die Spezifität des Trainings.
Längerfristige Trainingseffekte konnten nicht abgesichert werden. Daher muss überlegt werden, wie die längerfristige Wirkung des Trainings verbessert werden kann. Mögliche Ansätze dafür werden diskutiert.

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