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Ist das Gesicht ein besonderer Stimulus? : Frühe und späte Stufen der Gesichterverarbeitung bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus

Krebs, Julia Friederike


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URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-81577
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2011/8157/

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Autismus , Gesichterverarbeitung , N170 , emotionaler Ausdruck , Identität
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Abteilung Entwicklungspsychologie, Graduiertenkolleg NeuroAct
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 19.04.2011
Erstellungsjahr: 2010
Publikationsdatum: 25.05.2011
Kurzfassung auf Deutsch: Die vorliegende Arbeit untersuchte bei Kindern und Jugendlichen mit Autismus, inwieweit frühe und späte Stufen der visuellen Verarbeitung auf Gesichter spezialisiert sind.
Der Arbeit ging die wissenschaftlich fundierte Beobachtung voraus, dass die Stimulusklasse „Gesicht“ in der visuellen Verarbeitung von Objekten eine Sonderrolle einnimmt, die sich sowohl auf frühen als auch auf späten Stufen beobachten lässt. Bei Kindern und Erwachsenen mit Autismus zeigen sich hingegen Schwächen in der Verarbeitung sozial relevanter Informationen. Für sie wurden immer wieder Abweichungen von einer gesichtsspezifischen Verarbeitung dokumentiert. Die Befunde beziehen sich dabei bisher vornehmlich auf späte Verarbeitungsstufen.
Ziel der vorliegenden Arbeit war es, das Zusammenspiel von Defiziten und Kompetenzen auf frühen und / oder späten Stufen des Gesichterverarbeitungsprozesses genauer zu beleuchten. Dafür wurde in jeweils einer Gruppe autistischer und nicht-autistischer Kinder mit insgesamt drei Experimenten die Spezialisierung des gesichterverarbeitenden Systems auf frühen und späten Stufen des visuellen Verarbeitungsprozesses erfasst.
Um die frühen Verarbeitungsstufen zu untersuchen, wurde zunächst in einem Verhaltensexperiment die automatische Aufmerksamkeit für Gesichter angesprochen. Unter sehr kurzer Darbietungszeit sollten die Kinder Tiere in Bildern erkennen. Die autistischen Kinder zeigten bei dieser Aufgabe weniger Ablenkung durch gelegentlich dargebotene Gesichter als die nicht-autistische Kinder. Die Ergebnisse deuteten an, dass Gesichter für autistische Kinder auf frühen Verarbeitungsstufen weniger salient sind.
Dieser Befund wurde gestützt von der anschließenden Untersuchung auf neuronaler Ebene: mit Hilfe ereigniskorrelierter hirnelektrischer Potentiale wurde die früheste beobachtbare Reaktion auf visuelle Stimuli sichtbar gemacht. Insbesondere für die frühe Komponente N170, die die sehr frühe Verarbeitungsstufe der strukturellen Enkodierung repräsentiert, wurden deutliche Unterschiede zwischen den Gruppen offenbar. Zwar zeigten auch die autistischen Kinder stärkere Reaktionen auf Gesichter als auf Objekte. Ihre neuronale Reaktion auf verschiedene Arten von Gesichtern zeigte sich hingegen weniger differenziert. Zudem wies die Spannungsverteilung bei den autistischen Kindern nicht die für Gesichter übliche Rechtslateralisierung auf. Die Ergebnisse legen bereits für sehr frühe Verarbeitungsstufen grundlegende Unterschiede zwischen den Gruppen in den neuronalen Aktivierungsmustern nahe.
In einem Reaktionszeitexperiment wurden schließlich die späteren Stufen der Gesichterverarbeitung untersucht. Betrachtet wurde die komplexe Verarbeitung mehrerer Stimulusinformationen in Form von gleichzeitiger Verarbeitung von Identität und emotionalem Ausdruck eines Gesichts. Dafür sollten Gesichter anhand einer Stimulusinformation klassifiziert werden, wobei die andere Information ignoriert werden sollte. Bei gesunden Kindern bestätigte sich eine asymmetrische Verarbeitung der Informationen: die Verarbeitung des emotionalen Gesichtsausdrucks wurde von der Identität des Gesichts beeinflusst, aber nicht umgekehrt. Die autistischen Kinder zeigten hingegen eine voneinander unabhängige Verarbeitung für beide Informationen.
Insgesamt ließ sich für die autistischen Kinder bereits auf frühen Stufen eine deutliche Abweichungen von den Reaktionsmustern der nicht-autistischen Kinder feststellen, die sich auf späten Stufen zu manifestieren scheinen. Diese Ergebnisse wurden vor dem Hintergrund etablierter Gesichterverarbeitungsmodelle und verschiedener kognitiver Erklärungsansätze aus der Autismusforschung diskutiert.