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August Friedrich Wilhelm Crome: Man kann nicht alles seyn, jeder muß seinen Beruf fühlen. Meiner liegt in der großen Welt : Zum Selbstverständnis eines umstrittenen Professors um 1800

Nees, Christa-Irene


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Universitätsgeschichte Gießen , Statistik/Kameralistik um 1800 , Hessen-Darmstadt Koalitionskriege , Neutralitätskonvention 1799
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Geschichte der Frühen Neuzeit
Fachgebiet: Geschichte
DDC-Sachgruppe: Geschichte
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 05.11.2010
Erstellungsjahr: 2010
Publikationsdatum: 25.01.2011
Kurzfassung auf Deutsch: Als Statistiker und Kameralist wirkte Crome von 1787 bis 1831 an der Universität Gießen. In dieser Zeit sind Umbrüche und Veränderungen im Bereich der Universitäts- und Landesgeschichte aber auch auf dem Gebiet der Wissenschaftsgeschichte auszumachen. Kriegsereignisse tangieren Hessen-Darmstadt, sowie Gießen und seine Universität direkt. Nach 1813 ist die Universität durch Unruhen in der Studentenschaft zwar nicht wirklich in ihrer Existenz gefährdet, aber doch nachhaltig gestört. Crome steht wegen seiner politischen Haltung und seinem persönlichen Agieren im Kreuzfeuer kritischer Angriffe. Professoren solidarisieren sich mit den studentischen Aktionen. Die von Crome betriebene Statistik (Einsatz von Karten und Tabellen in Verbindung mit beschreibender Darstellung) gilt zunehmend als überholt.
Ausgangspunkte der Untersuchung waren die vorliegenden Einordnungen von Cromes Leben und Wirken, wie sie etwa ab 1957 zu finden sind. Crome wird zum bedeutenden Rheinbundtheoretiker erklärt, man sieht in ihm einen erbitterten Feind der nationalen Bewegung. Sein Wirken für Hessen-Darmstadt, sein Einfluss an der Universität Gießen werden als entscheidend für die Universität in dieser Umbruchszeit angesehen. Die, wie sich zeigte, nicht durch die Quellen gedeckte aber bis in die Gegenwart übernommene Angabe einer 1799 von ihm und Bernadotte in Mainz zwischen Hessen-Darmstadt und der Französischen Republik abgeschlossenen Neutralitätskonvention fußt auf seinen darüber veröffentlichten Berichten. Crome schien als politisch aktiv Handelnder, aber auch durch seine Publikationen über die hessen-darmstädtische Landesuniversität hinaus in das Zeitgeschehen in besonderem Maße involviert.
Die Quellenaussagen erfordern eine Neubewertung Cromes. Weder sein Einfluss innerhalb der Universität noch in der Politik von Hessen-Darmstadt waren von Bedeutsamkeit. Sein zeitgenössisches Umfeld registrierte ihn lange als problematische, umstrittene Persönlichkeit. Eine Rückwirkung im Kontext von Cromes weitverzweigten Fachdisziplinen auf die Universität ist nicht fassbar. Faktisch lag sie vor allem in seinem auswärtigen Ruf.
In der Arbeit wird eine kritische Biographie Cromes mit einer Fallstudie verbunden, deren mentalitätsgeschichtlicher Schwerpunkt den im Umbruch befindlichen Status des Professorenstandes und Aspekte seiner Sozialisation näher umreißt. Crome, Spross eines aufgeklärten protestantischen Pfarrhauses, ist geprägt durch sein Studium in Halle. Sein Arbeits- und Leistungskonzept, seine am Erfolg in der Praxis ausgerichtete Lehrtätigkeit folgen den Vorstellungen des Halleschen Studienprogramms. An Hand seiner Publikationen werden u.a. Cromes Staatsverfassungskonzepte, die kameralistischen Positionen, seine Sicht der Französischen Revolution, von Rheinbund und Altem Reich, sowie seine Statistik vorgestellt. Die zeitgenössischen, in der Regel von Fachkollegen verfassten Rezensionen geben wenigstens punktuell Auskunft hinsichtlich der Qualität von Cromes statistischen Daten. Das temporär hohe Fachprestige Cromes basierte primär auf publizistischer Präsenz und werbewirksamen Aktivitäten. Seine Bekanntheit war zu Lebzeiten beachtlich und überstieg die vieler zeitgenössischer Fachkollegen, die sich allerdings in der Geschichte seiner Wissenschaften langfristig besser etablieren konnten. Die zunehmend kritischen Einwände in Fachrezensionen wirkten zu seinen Lebzeiten nicht meinungsbildend. Begründet ist das in der Leserwirksamkeit seiner Schriften, in der Macht seiner überzeugenden Feder. Crome war sich dieses Talentes bewusst, wollte es für seinen sozialen Aufstieg nutzen und setzte es, teilweise mit Erfolg, auch als Druckmittel ein.
Seine Autobiographie ist als Projektion idealer Lebensentwürfe auf das eigene Leben zu sehen. Ziel war, Nachruhm zu sichern und vorbildliches Leben zu präsentieren. Seine Wirklichkeit ist vielfach eine konstruierte, die sich nicht mit der Realität deckte. Gesehen unter ideen-, sozial- und kulturgeschichtlichen Aspekten der Zeit um 1800 ist Cromes Leben als Fallbeispiel eines Gelehrtenlebens zu sehen, aussagekräftig für die in seinem Stand virulenten Tendenzen. Er reagiert mit seinem Bemühen um Aufstieg, um soziale Exklusivität auf die als unbefriedigend empfundene gesellschaftliche Rangstufe des Gelehrten. Bis ins Alter sucht er dem Professorenstand zu entfliehen und möglichst in die höher bewertete Staatsdienerhierarchie aufzusteigen. Durch das bewusste Praktizieren von gesellschaftlichem Rang nimmt er gleichzeitig Habitusformen vorweg, die Mitte des 19. Jahrhunderts den Status des Professorenamtes prägten, wo sich das Bestreben der Kulturträger nach sozialer Nobilitierung allgemein artikulierte.