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"Eigen", "unser" und "fremd" in Russland : eine Studie zu gesellschaftlichen Deutungsmustern von Selbst- und Fremdverständnis in einer postsowjetischen Gesellschaft

Schor-Tschudnowskaja, Anna


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Russland , Solidarität , sozialer Wandel , postsowjetische Gesellschaft , gesellschaftliches Selbstbewusstsein
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung
Fachgebiet: Soziologie
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 08.11.2010
Erstellungsjahr: 2010
Publikationsdatum: 29.11.2010
Kurzfassung auf Deutsch: Die vorliegende Arbeit widmet sich drei zentralen gesellschaftlichen Deutungsmustern im postsowjetischen Russland, nämlich ‚eigen’, ‚unser’ und ‚fremd’. Sie gibt einen systematischen Einblick in das neue Selbstbewusstsein der Alltagssubjekte fast zwei Jahrzehnte nach dem Zerfall der Sowjetunion. Die erhobenen Daten werden im Lichte der psychologischen und soziologischen Theorien des ‚Eigenen’ und ‚Fremden’ sowie entsprechender politischer Demokratiemodelle interpretiert. Den gewonnenen Erkenntnissen sind wichtige Charakteristika der politischen Kultur sowie der Prinzipien der sozialen Integration (und Desintegration) im gegenwärtigen Russland zu entnehmen.
Das reife Individuum (aus der Sicht der Entwicklungs- bzw. Identitätstheorien) und das demokratisch mündige Subjekt sind erstaunlicherweise identisch. Beide – psychologische Reife und demokratische Mündigkeit – zeichnen sich durch folgende (normativ formulierte) Charakteristika aus: Selbsterkenntnis und -bestimmung mittels Reflexivität und Perspektivenübernahme. In der Anerkennung der Notwendigkeit der Vielfalt von Erkenntnisperspektiven verbirgt sich eine bemerkenswerte Haltung der Demut, die das moderne Denken kennzeichnet: Vertiefen sich die Zweifel an den überkommenen ‚magischen’ Weltbildern und gewinnt zunehmend die Erkenntnis den Vorrang, dass es keine universellen und allumfassenden Ordnungen gibt, stößt man auf die Grenzen der eigenen Erkenntnisleistung wie auch auf die eigene Angewiesenheit auf kognitive Perspektiven anderer Menschen. Die moderne ‚Entdeckung des „Fremden’ führt zur Anerkennung seiner wichtigen Rolle in der Konstruktion der eigenen Identität und dem Aufrechterhalten eigener Fähigkeit der Reflexivität wie auch Entwicklungschancen.
Eine der wichtigsten Herausforderungen für das postsowjetische Russland war und bleibt, ein neues Bild seiner selbst auszuarbeiten, das inhaltlich mehr bieten kann als nur das Präfix post und damit nicht lediglich auf die Vergangenheit verweist. Die gegenwärtige Diagnose für Russland fällt nicht positiv aus: Auf verschiedenen Ebenen des politischen, gesellschaftlichen, aber auch kulturellen Lebens wird (1) eine wahre produktive Auseinandersetzung mit der Erfahrung als solcher und somit ein Lernprozess gehemmt sowie (2) den innovativen Kräften und einem kreativen politischen Prozess der Weg versperrt. Diese Faktoren spannen den sozialen und politischen Raum auf, in dem sich Fragen des ‚Eigenen’ und ‚Fremden’ im gegenwärtigen Russland entscheiden.
Soziologisch gesprochen besteht die Eigenart der untersuchten Deutungsmuster in Russland darin, dass sie trotz des integrativen Anspruchs, den sie in der Öffentlichkeit repräsentieren bzw. erheben, allein keine gesellschaftliche Integrationsleistung erfüllen können, sofern kein erkennbares Selbstverständnis der Gemeinschaft vorliegt. Die drei untersuchten Deutungsmuster lassen sich – sobald sie jenseits des Bereichs der privaten Beziehungen Anwendung finden – auf die Unterscheidung zwischen ‚Loyalen’ und ‚nicht Loyalen’ reduzieren. Politische Loyalität in diesem Sinne hat mit einer freiwilligen Unterstützung von Wählern für eine politisch tätige Person oder eine Partei aufgrund der von ihnen vertretenen politischen Inhalte nichts zu tun. Gefragt ist stattdessen blinde Unterordnung, ohne dass dabei greifbare Konsolidierungsinhalte erarbeitet würden.
Vor diesem Hintergrund lässt sich formulieren, dass im gegenwärtigen Russland die Deutungsmuster ‚eigen’ (also auch ‚unser’) und ‚fremd’ (auch ‚nicht unser’) von jeglicher ideologischer Vision bereinigte Machtinstrumente geworden sind, der Sinn für Alternativen fehlt und ein primär konfrontatives bzw. sogar gewaltsames Verhältnis zu allem, was als ‚fremd’ bzw. ‚nicht unser’ etikettiert wird, vorherrscht. Dies greift das ‚Eigene’ der Gesellschaft, ihr Selbstbewusstsein, ihre Fähigkeit, mit der Erfahrung adäquat und produktiv umzugehen, sowie ihre Entwicklungsfähigkeiten entscheidend an.
Zwischen ‚eigen’ und ‚fremd’ besteht ein Spannungsverhältnis, das eine konstruktive Balance erfordert, um sowohl das ‚Eigene’ als auch das ‚Fremde’ zu wahren. Diese Balance bedeutet einen ausgewogenen Umgang mit der Erfahrung im Sinne eines Lernprozesses. Störungen dieser Balance können dazu führen, dass das ‚Eigene’ nicht mehr produktiv handlungsfähig, lern-, veränderungs- und entwicklungsfähig ist und das ‚Lernen’ auf Imitation beschränkt wird. Dabei leidet entscheidend auch das Politische, das unter Bedingung des fehlenden bzw. unzureichenden Einbeziehens des ‚Fremden’ nicht mehr den kritischen Realitätsbezug herstellen und sich somit auch keine langfristige Zukunftsausrichtung leisten kann. Eine politische Kultur, die das autoritäre Erbe nicht reflexiv verarbeitet hat und Politik auf die Kontrolle von Loyalität und das korrupte Ringen um manipulativ gebrauchte Etiketten der ‚Zugehörigkeit’ reduziert, steht dem Aufbau eines entwicklungsfähigen gesellschaftlichen Selbst im Wege.