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Zwischen Klassiker und Bestseller : erfolgreiche Kinder- und Jugendliteratur in evolutionspsychologischer Perspektive

Between classic and bestseller : Successful children’s and young adult literature in evolutionary psychological perspective

Schneider, Bettina Franziska


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Kinder- und Jugendliteratur , Bestseller , Klassiker , evolutionäre Psychologie , literarischer Erfolg
Freie Schlagwörter (Englisch): children’s and young adult literature , bestsellers , classics , evolutionary psychology , literary success
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Germanistik
Fachgebiet: Germanistik
DDC-Sachgruppe: Literatur, Rhetorik, Literaturwissenschaft
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 30.06.2010
Erstellungsjahr: 2009
Publikationsdatum: 04.11.2010
Kurzfassung auf Deutsch: Zentrale These der Arbeit ist, dass Klassiker und Bestseller der Kinder- und Jugendliteratur im Wesentlichen ihren Erfolg generieren, weil sie auf der Symbolebene Inhalte verarbeiten, die sich auf evolutionspsychologische Prinzipien rekurrieren lassen. Ihre Langlebigkeit und ihren zum Teil hohen universellen Verbreitungsgrad verdanken sie daher – bewusst oder unwissentlich herbeigeführt – entscheidend der Nutzung von evolutionär verankerten Topoi nicht nur in ihrer zentralen „Histoire“ (Story/Plot), sondern auch in ihren detaillierten Handlungen und Geschehnissen, in ihrer Figurenkonstellation und -zeichnung und in ihren Räumen.
Da die Arbeit zwei methodologische Untersuchungsansätze zusammenbringt, den literaturwissenschaftlich-hermeneutischen mit dem evolutionspsychologischen, bestand die Notwendigkeit, sich vor dem textanalytischen Teil dem Gegenstand zu nähern. Im Einzelnen wird zu Beginn Fragen über literarischen Erfolg nachgegangen, wie Bestseller und Klassiker nach dem heutigen Forschungsstand zu definieren sind, und welche Rolle das Handlungssystem für den literarischen Erfolg eines Textes spielt. Dabei werden die zentralen konstituierenden Faktoren zwischen Theorie und Praxis aufgezeigt und erläutert. Es konnte u.a. auf bisher unveröffentlichte Marktdaten zurückgegriffen werden, die z.T. fest etablierte Vorstellungen der Literaturwissenschaft in Frage stellen. Am Ende dieses ersten Abschnitts steht dann die Auswahl und Begründung der analysierten Primärliteratur.
Das sich anschließende Kapitel über die evolutionäre Psychologie führt komprimiert in die Eckpfeiler dieses Ansatzes ein: Replikation als treibende evolutive Kraft, Entwicklung des Homo sapiens und seine neurologische Ausstattung, natürliche Selektion, Spezialisierung und Geschlechterunterschiede, sexuelle Selektion und Partnerstrategien, elterliche Fürsorge und Familienselektion und soziale Gemeinschaften mit den Unterbereichen Sprache, reziproker Altruismus sowie Gewalt und Aggression. Das vierte Kapitel „Kunst, Literatur und Evolution“ schafft dann den Brückenschlag zwischen den theoretischen Vorüberlegungen zum literari-schen Handlungs- und Symbolsystem sowie zu den evolutionspsychologischen Grundlagen einerseits und den drei darauf folgenden Textanalyseblöcken „Märchen“, „Klassiker“ und „Bestseller“ der Kinder- und Jugendliteratur andererseits. Dem Märchen-Kapitel vorangestellt sind allgemeine, besonders in der Kinder- und Jugendliteratur immer wiederkehrende übergreifende inhaltliche Aspekte wie die Bedeutung bestimmter Zahlen, die physische wie charakterliche Darstellung der Protagonisten sowie die Relevanz des Happy Ends einer Geschichte.
An jeden der selegierten Texte wurde die Fragestellung gelegt, welche ultimaten Erkenntnisse transportiert oder welche ultimaten Bedürfnisse befriedigt werden und auf welche anthropologischen Grundmuster sich der Plot und dessen detaillierte Umsetzung beziehen. Als Raster diente die Evolutionspsychologie, die sich als integrative Disziplin unter anderem der Erkenntnisse der Archäologie, Paläontologie, Genetik, Neurologie, Endokrinologie, Psychologie, Ethologie und Soziologie bedient. Im Gegensatz zu der Individualpsychologie interessieren nicht spezielle lebensgeschichtliche, sondern ausschließlich universelle, ultimate Ursachen, die einen Großteil der Menschen betreffen oder betreffen könnten, (nahezu) unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit und unabhängig von ihrem kulturellen Umfeld.
Bei den kürzeren der untersuchten Texte wurden alle handlungstreibenden zentralen Aspekte betrachtet, bei den umfangreichen Roman-Beispielen fand zugunsten eines größeren Detaillie-rungsgrads eine Konzentration auf einen oder zwei Aspekte statt. Die ausgewählten Texte zei-gen ein breites Repertoire urmenschlicher Verhaltensmuster: Leben und Überleben in bekannten und unbekannten Umwelten, familiäre Konstellationen, Geschwister- und Eltern-Kind-Konflikte, Abgrenzung und Aggression innerhalb einer Gruppe sowie gegen Fremde, soziale Hierarchien mit dem Aushandeln von Machtpositionen, reziproker Altruismus und das Erkennen und Bestrafen von Betrügern und Trittbrettfahrern einer Gesellschaft sowie Partnerselektionsstrategien.

Untersuchte Texte:
Gebrüder Grimm: Aschenputtel, Der Froschkönig, Hänsel und Gretel
Hans Christian Andersen: Das hässliche junge Entlein
Wilhelm Hauff: Das kalte Herz
Janosch: Oh, wie schön ist Panama
Antoine de Saint-Exupéry: Der Kleine Prinz
Joanne K. Rowling: Harry Potter - Serie
Stephenie Meyer: Bis(s) – Serie
Kurzfassung auf Englisch: The central thesis of this dissertation is that classics and bestsellers of children’s and young adult literature primarily generate their success because they process within a symbolic system contents founded in evolutionary psychological principles. Their longevity and near universality is due to the fact that they – consciously or unconsciously — employ evolutionarily-rooted topoi not only on the level of story or plot, but also in the details of actions and events, in the constellation and composition of figures, and in their spatial coordinates.

As the dissertation combines two methodologies – literary hermeneutics with the evolutionary psychology – it was necessary to approach the object of inquiry before proceeding to the textanalytical section. The project begins with a discussion of questions concerning literary success, how contemporary research defines bestsellers and classics, and what role the action system plays for the literary success of a text. The central constitutive factors between theory and praxis are identified and explained. This discussion makes use of previously unpublished market information, which calls into question well-established ideas of literary studies. At the end of the first section, the selection of primary literature is presented and defended.

The subsequent chapter introduces the fundamental principles of evolutionary psychology: replication as the fundamental evolutionary force, development of the homo sapiens and his neurological equipment, natural selection, specialization and gender differentiation, sexual and partner strategies, parental care and kin-selection, formation of social collectivities, with the subtopics of language, reciprocal altruism as well as violence and aggression. The fourth chapter, “Art, Literature, and Evolution”, establishes the bridge between the theoretical considerations of the literary action and symbol system and the basic principles of evolutionary psychology on the one hand and the text-analytical fields of “Fairy Tales”, “Classics” and “Bestsellers” on the other. The chapter on fairy tales begins with the recurring motifs of children’s and young adult literature, such as the use of particular numbers, the physical constitution of protagonists, the portrayal of character, as well as the meaning of the happy end.

Each of the selected texts addresses the question, what ultimate knowledge is related, or which ultimate needs are satisfied. Equally, the analyses each deal with the anthropological patterns of the plot structure as well as its detailed rendering. Evolutionary psychology provides the theoretical grid, as includes among its integrated fields of knowledge archeology, paleontology, genetics, neurology, endocrinology, psychology, ethology, and sociology. Evolutionary psychology is not interested in the individual phenomena of a life history, but rather universal, final causes that are true of or could be true of the majority of human beings, (more or less) independent of their ethnic background and their cultural environment.

The analyses of shorter texts take into account all of the central plot-driving elements, whereas the greater complexity and detail of novels limited the analysis to one or two central aspects. The selection of texts evinces a broad repertoire of fundamental human patterns of behavior: living and surviving in familiar and unfamiliar environments; familial constellations; sibling and parental conflicts; differentiation and aggression within a social group and against foreign elements; social hierarchies and the negotiation of power; reciprocal altruism and the recognition and punishment of frauds and freeloaders in a society; and the strategies of partner selection.

Analyzed Texts:
Brothers Grimm: Cinderella, Frog King, Hansel and Gretel
Hans Christian Andersen: The Ugly Duckling
Wilhelm Hauff: The Cold Heart
Janosch: Oh, How Beautiful Panama is.
Antoine de Saint-Exupéry: The Little Prince
Joanne K. Rowling: The Harry Potter Series
Stephenie Meyer: The Twilight Series