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URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-76451
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2010/7645/


Psychoimmunologische und psychoendokrinologische Aspekte der Affektverarbeitung am Beispiel des psychodynamischen Konstrukts der Alexithymie

Psychoimmunological and psychoendocrinological aspects of affect processing associated with the psychodynamic construct of alexithymia

Wölfelschneider, Mathias


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Freie Schlagwörter (Deutsch): alexithymie , emotionen , immunsystem , affekt , endokrinum
Freie Schlagwörter (Englisch): alexithymia , emotions , immune system , affect , endocrinology
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Medizinisches Zentrum für Psychosomatische Medizin, Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 08.06.2010
Erstellungsjahr: 2009
Publikationsdatum: 21.06.2010
Kurzfassung auf Deutsch: Hintergrund: Der Begriff der Alexithymie umschreibt Schwierigkeiten eines Individuums, Emotionen adäquat bei sich wahrzunehmen, Affektqualitäten zu differenzieren und diese sprachlich auszudrücken. Die vorliegende Arbeit versteht Alexithymie als entwicklungsbedingte, ätiologisch in den Interaktionen mit den primären Bezugspersonen begründete Funktionsweise der emotionsregulierenden Systeme, die dazu führt, dass affektive Spannungen nicht symbolisch repräsentiert und als dem Selbst zugehörige emotionale Zustände identifiziert und ausgedrückt werden können. Befunde aus der neurobiologischen Affektforschung untermauern diese Konzeptualisierung und weisen auf plausible Vermittlungswege zu den regulatorischen Systemen des Gesamtorganismus hin. Das Ziel der vorliegenden Arbeit war, den dynamischen Verlauf zweier immunologischer bzw. endokrinologischer Parameter in Wechselwirkung mit Änderungen von Qualität und Intensität affektiver Spannungen nachzuzeichnen und zu überprüfen, inwieweit eine Einschränkung der Fähigkeit zur Symbolisierung dieser Spannungen für die Verläufe von Relevanz sein kann. Methoden: Um eine Vergleichbarkeit zu bereits vorliegenden Befunden zu ermöglichen, wurde versucht, eine Studie zur Emotionsspezifischen Reaktivität des sekretorischen Immunglobulin A im Speichel, die als Nebenparameter zudem das Cortisol im Speichel untersuchte (Hennig, 1994), zu replizieren und dann um alexithymiespezifische Fragestellungen zu erweitern. Aus einer Population von 151 Medizinstudierenden wurden zur Bildung von hoch- und niedrigalexithymen Subgruppen die 43 Probanden mit den höchsten und niedrigsten Scores in der fragebogenbasierten Selbstbeurteilung der Alexithymieausprägungen ausgewählt und randomisiert zu einer Kontroll- und einer Experimentalgruppe zugeteilt. Den Probanden der Experimentalgruppe wurden ausgewählte Sequenzen aus Schlöndorffs Verfilmung von Günther Grass „Die Blechtrommel“ vorgeführt, die sich in Voruntersuchungen als Induktoren der Emotion Ekel erwiesen haben. Der Kontrollgruppe wurden affektneutrale Filmszenen präsentiert. Neben Kennwerten für Ängstlichkeit und Depressivität sowie habituellen Persönlichkeitsmaßen zu Beginn des Experiments, wurden durch die Probanden nach den Filmszenen jeweils eine sprachgebundene sowie eine nonverbale Selbsteinschätzung des reizbezogenen emotionalen Erlebens durchgeführt sowie zu definierten Zeitpunkten eine Speichelprobe zur Untersuchung der sIgA- und Cortisolkonzentrationen entnommen. Die Hypothesen erwarteten 1.) eine Replizierbarkeit der Ergebnisse der Untersuchung, an die das Design der vorliegenden Studie angelehnt war (d.h. trotz einiger Modifikationen im Design ein gelingen der Ekelinduktion in der Experimentalgruppe und einen im Vergleich zur Kontrollgruppe im zeitlichen Verlauf supprimierten Anstieg des sIgA bzw. sich nicht signifikant verändernde Cortsiolkonzentrationen im Speichel), 2.) eine bei Hochalexithymen im Vergleich zu Niedrigalexithymen veränderte Einschätzung des reizbezogenen emotionalen Erlebens, sowie 3.) eine bei Hochalexithymen im Vergleich zu Niedrigalexithymen veränderte Reaktivität der biologischen Parameter auf das affektinduktive Filmmaterial. Erwartet wurden eine stärkere Suppression der sIgA-Konzentrationen sowie ein Anstieg des Cortsiol bei Alexithymen in der Experimentalgruppe. Ergebnisse: Die Ergebnisse der Untersuchung von Hennig (1994) waren nur unter Ausschluss der hochalexithymen Subgruppe replizierbar. Hochalexithyme schätzten ihr reizbezogenes emotionales Erleben weder in der Experimental- noch in der Kontrollgruppe anders ein als Niedrigalexithyme. Sie zeigten allerdings ein differentes psychobiologisches Reaktionsmuster: In der Experimentalgruppe waren die Verlaufskurven der beiden Alexithymie-Subgruppen weitgehend deckungsgleich, in der Kontrollgruppe reagierten Hochalexithymie jedoch mit einer relativen Erhöhung der Cortisol- und nur geringeren Anstiegen der sIgA-Konzentrationen. Wenn, statt einer Verwendung des Medians der vorliegenden Stichprobe, der Grenzwert für die Zuteilung zu den Alexithymiegruppen in Richtung „klinischer Relevanz“ angehoben wurde, zeigte sich in einer zweifaktoriellen Kovarianzanalyse mit Messwiederholung für die Cortisolkonzentrationen ein signifikanter Haupteffekt der Alexithymie-Gruppenzugehörigkeit sowie eine signifikante Dreifachinteraktion Zeit x Gruppe x Alexithymie (HA/NA). Diskussion: Wenngleich die Ergebnisse in weiten Teilen zunächst nicht hypothesenkonform sind, konnten doch Unterschiede in den Mustern der psychobiologischen Reagibilität von Hoch- und Niedrigalexithymen aufgezeigt werden. Diese scheinen sich weniger in der reizspezifischen Reaktion auf emotionale Inhalte zu manifestieren als vielmehr unter Bedingungen einer affektiv unspezifischen Situation, die wenig Anhalt zur Orientierung an sozialen Bewertungskonventionen bietet, deshalb als stresshaft erlebt werden und entsprechende somatische Reaktionen nach sich ziehen könnte.
Kurzfassung auf Englisch: Background: The concept of alexithymia describes an individuals difficulties to adequately perceive, differentiate, and verbally express emotions. This originally heuristic approach to a clinical phenomenon has been considered a possible aetiologic pathway between mental disorder and somatic phenomena. After suitable psychometric instruments became available, the concept stimulated numerous studies on the psychophysiology and neurobiology of emotion processing. The present study considers alexithymia a particular functioning of emotion-regulating systems, originating in early interactions with primary caregivers. As a result, the ability to identify and symbolically represent affective tension as self-related emotional states is presumed to be reduced. Findings from prior neurobiological research support this conceptualization, pointing out plausible pathways to regulatory systems of the organism. The purpose of the present study is to trace levels of two clinically relevant endocrinological and immunological parameters with regard to their dynamic interactions with alexithymia-dependend changes in quality and intensity of subjective affective experience. Furthermore it is supposed to determine to what extend the limited ability of (verbal) symbolization of affective experience, as presumed by the concept of alexithymia, can be of importance for these changes. Methods: To ensure comparability to existing findings in psychoimmunology and psychoendocrinology, the attempt was to replicate a study by Hennig (1994), which investigated emotion-specific reactivity of secretory immunoglobulin A and cortisol in saliva. The design has been extended in order to examine alexithymia-specific aspects of these parameters psychobiological reactivity. A population of 151 medical students were screened for alexithymic characteristics. Those 43 subjects with highest and lowest alexithymia scores participated in the investigation and were randomly assigned to a control or experimental group. Selected sequences of the movie „Die Blechtrommel“ were used to induce disgust in the experimental group, while subjects in the control condition were exposed to affect-neutral movie sequences. Subjects completed self-report measures of anxiety, depression and personality traits at the beginning of the trial. At defined timepoints after the movie scenes self-ratings of emotional states (verbal and nonverbal) and saliva samples for determination of sIgA and cortisol levels were obtained. We expected 1.) to replicate the results of Hennig (1994) (i.e. film-induced elevation of subjective disgust in the experimental group, suppressed increase in sIgA levels and no significant change of cortisol in saliva), 2.) differences in high- and low-alexithymic subjects regarding their self-reportings of stimulus-related subjective emotional experience, and 3.) different psychobiological reactivity in high and low alexithymic subjects in response to the emotion induction (i.e. stronger suppression of sIGA-levels and increased cortsiol secretion in high alexithymics). Results: Replicating the findings of Hennig (1994) was possible merely when the subgroup of high-alexithymics were excluded from the statistical analysis. As in the original study, however, there were no findings that would suggest a particular emotion specifity in the measured psychobiological reactions. Neither controls nor subjects undergoing the experimental condition showed differences between high and low alexithymics regarding self-reported emotional experience. Highalexithymic subjects, however, showed distinct patterns of psychobiological reaction to the stimuli: Within the experimental group high and lowalexithymics didn t differ with respect to their average progression in sIgA and cortisol levels. The control group however showed an increase of cortisol and reduced elevation of sIgA in the high alexithymic subgroup. A second analysis was calculated using a higher cut-off score for clinically relevant alexithymia. The repeated measures two-way analysis of covariance displayed a significant main effect for alexithymia (high/low alexithymic) and a significant three-way interaction of time x alexithymia x group on cortisol concentration. Post-hoc testing revealed significant differences in cortisol concentrations in the control group depending on the classification as high or low alexithymic whereas no such differences could be found in the experimental group. Discussion: While the results of the present study are not very consistent with its hypotheses there is, however, some evidence for different patterns of psychobiological reactivity in high- and low-alexithymic subjects. Rather than becoming relevant in response to specific emotional stimuli, these differences seem to evolve in situations characterized by unspecific affective valence accompanied by a relative absence of social appraisal conventions thus leading to stress and respective somatic reactions.