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Der "Herr der Tiere" in europäischen Volksmärchen : Ein Beitrag zur vergleichenden Erzählforschung

Siegmund, Edelgard


Originalveröffentlichung: (2009) Giessen : VVB Laufersweiler
pdf-Format: Dokument 1.pdf (24.946 KB)

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Geschichte der Medizin
Fachgebiet: Veterinärmedizin
DDC-Sachgruppe: Ethnologie
Dokumentart: Dissertation
Zeitschrift, Serie: Edition scientifique
ISBN / ISSN: 978-3-8359-5559-2
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 16.11.2009
Erstellungsjahr: 2009
Publikationsdatum: 12.01.2010
Kurzfassung auf Deutsch: Die vorliegende Arbeit hat die Aufgabe, aufgrund kulturgeschichtlicher Befunde
die Beziehung zwischen Mensch und Tier von ihren Anfängen bis in die Gegen-
wart darzustellen und zu analysieren. Um im Besonderen die Verantwortung des
Menschen für das Tier zu veranschaulichen, ist der "Herr der Tiere" in den euro-
päischen Volksmärchen ein gut geeignetes Leitbild.
Die Arbeit beginnt mit Gedanken über die Herkunft des Wortes "Tier" und
einer Annäherung an die Definition des Begriffes "Tier" anhand der vielfältigen
Erklärungen abendländischer Philosophen seit dem klassischen Altertum.
Es folgt eine Abgrenzung des Volksmärchens von Mythos, Sage und Legende
und ein kurzer Abriss seiner Herkunft und lebendigen Weiterentwicklung, seiner
Struktur und Form sowie seines Wesens und seiner Bedeutung. Mit Auszügen aus
dem Gilgameschepos und dem Etanamythos wird darauf hingewiesen, dass Ges-
talt und Funktionen des Herrn der Tiere dort schon ca. 2000 v. Chr. dokumentiert
sind.
Ausführlicher werden dann die Glaubensvorstellungen, Riten und Bräuche der
frühzeitlichen Jägerkultur und der darauf folgenden viehbäuerlichen Lebensweise
sowie die heutige Tierwirklichkeit ins Blickfeld gerückt. Dabei wird dargelegt,
inwiefern sich die Einstellung des Menschen gegenüber dem Tier im Verlauf der
Jahrhunderte veränderte. In Verbindung mit der Jägerkultur wird auch der Scha-
mane mit seiner Stellung und Erlebniswelt beschrieben und gedeutet. Beispiels-
weise werden seine Initiation, seine Suchwanderungen, seine Zaubertiere, Tier-
verkleidungen, Tierverwandlungen, seine Totems und Tabus herausgestellt. De-
ren zahlreiche, mehr oder weniger umstrittene, "Survivals" in den europäischen
Volksmärchen werden jeweils mit aufgezeigt und diskutiert.
Des Weiteren werden die verschiedenen Tieraspekte speziell im Hinblick auf
die Volksmärchen vorgestellt und kommentiert: Mächtiges Tier – Tierparlament –
hilfreiches, dankbares Tier – Tiersprache – Tierschwager – Tierehe – Tierkind –
Tierverkleidung – Tierverwandlung – Untier – Beutetier – Opfertier – Haustier.

Im Hauptteil der vorliegenden Untersuchung wird der Herr der Tiere, gleich-
viel ob Herr oder Herrin, in den Vordergrund gestellt und mit seiner Gestalt und
Funktion, seinen Eigenschaften und Beziehungen eingehend geschildert. Abbil-
dungen archäologischer Fundstücke und Auszüge aus vormals oral überlieferten
Texten bezeugen seine lange Geschichte und nachhaltige Rezeption.
Danach folgt eine Abhandlung über die volkstümlichen Vorstellungen von der
Gleichheit zwischen der Seele des Menschen und der Seele des Tieres. Dabei
zeigt sich, dass die Märchengestalt des Herrn der Tiere in dem allgegenwärtigen
Tiertöter- und Tierschädigerskrupulantismus wurzelt: Sie hat den Sinn, das prob-
lematische Verhältnis zwischen Mensch und Tier zu entlasten und den Menschen
zu einem verantwortlichen Umgang mit den Tieren zum Vorteil für beide Seiten
hinzuleiten. Zum Abschluss der vorliegenden Arbeit wird auf die Bedeutung des
Herrn der Tiere für das menschliche Handeln im Hier und Heute hingewiesen.
Den wesentlichen Gesichtspunkten ist jeweils ein passendes Märchenbeispiel
zur Seite gestellt, der Übersichtlichkeit wegen allerdings nur in signifikanten Ausschnitten.
Im Anhang findet der Leser noch fünf Originalvolksmärchen in voller Länge,
damit er nach Belieben durch eigenes Erleben den Herrn der Tiere für sich entde-
cken kann.
Kurzfassung auf Englisch: Based on findings of the history of civilization, this dissertation performs the task of describing and analyzing the relationship between human being and animal, right from the start to the presence. The "Master of animals" in the European fairytales is a suitable model particularly appropriate to illustrate the responsibility of human-being for the animal.
The study starts by cogitations about the derivation of the word "animal" and
an approach towards the definition of the expression "animal" by means of occi-
dental philosophers’ statements from the classic antiquity.

It moves along by delimitating the fairytale from myth, saga and legend, and
by a short outline of its origin and vivid further development, its structure and form, as well as its character and its significance. With excerpts taken from the Gilgamesh Epic and from the Etana Myth it is pointed out, that the shape and the function of the master of animals were documented already approximately 2.000 before Christ.
The beliefs and values and the rites and customs of the early hunters civiliza-
tion and of the subsequent rural livestock civilisation, as well as the reality for animals in our days are moved into focus a little more in detail. During this survey it is demonstrated, in how far the attitude of human being towards the animal changed in the course of the centuries. When describing the early ways of hunting, the shaman’s position and his sensory spectrum are illustrated and interpreted. For example his initiation, his "Suchwanderungen" (journeys in search), his magic animals, disguises as animal, transformations into animal, his totems and taboos are emphasized. Also their numerous more or less debated “survivals” in the European fairytales are presented and discussed.
Further on the different aspects of an animal especially with regard to fairy-
tales are presented and commented: powerful animal – animal parliament – help-
ful, grateful animal – animal language – animal brother in law – animal marriage
– animal child – animal disguise – animal transformation – monster – prey animal
– sacrificial animal – domestic animal.
In the main part of this dissertation the master of animals, including also the
mistress of animals, is highlighted and depicted thoroughly with his figure and
function, his qualities and contacts. Pictures of archaeological finds and excerpts from formerly oral told texts testify his long history and sustainable reception.
Thereupon follows a disquisition concerning the popular ideas of the equality
of the human soul and the animal soul. Thereby it is revealed, that the fairytale shape of the master of animals is rooted in the omnipresent scrupulantism of animal slayer and animal harmer. The fairytale figure “Master of animals” aims at disburdening the problematic relationship between human being and animal and at leading man to a responsible way, how to deal with the animal for the benefit of both. Finally the master of animals’ importance for the human acting in the present time is emphasized. Each essential aspect is followed by an adequate example of a fairytale, however, for a better clarity only in significant extracts.
The reader is going to find five original fairytales in complete length in the appendix. This enables him to experience and to discover the master of animals for himself.