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Entwicklung der Zootiermedizin im deutschsprachigen Raum

Lamp, Benjamin Jakob Joachim


Originalveröffentlichung: (2009) Giessen : VVB Laufersweiler
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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Geschichte der Medizin
Fachgebiet: Veterinärmedizin
DDC-Sachgruppe: Landwirtschaft
Dokumentart: Dissertation
ISBN / ISSN: 978-3-8359-5504-2
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 04.11.2009
Erstellungsjahr: 2009
Publikationsdatum: 21.12.2009
Kurzfassung auf Deutsch: Die Wildtierhaltung zu Schauzwecken hat in Europa eine lange Tradition.
Schon in der frühen Neuzeit entstanden artenreiche Wildtierhaltungen an den
fürstlichen Höfen. Bis ins 19. Jahrhundert hinein präsentierten ambulante
Tierschauen einem großen Publikum auf Messen und Jahrmärkten exotische
Tiere.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstanden im Zuge der
Popularisierung naturkundlicher Bildung auf Anregung des Bürgertums die
ersten Zoologischen Gärten. Tiermediziner waren nur selten aktiv an diesen
Initiativen beteiligt. Anfangs besuchte vor allem das Bürgertum die Zoos.
Durch die gesellschaftlichen Veränderungen des 19. Jahrhunderts
entwickelten sich die Tiergärten aber bald zu beliebten Ausflugszielen der
arbeitenden Bevölkerung. In fast allen Großstädten entstanden in den
folgenden Jahrzehnten artenreiche Tiergärten. Obwohl die Zoos der
Rechtsform nach als Aktiengesellschaften gegründet worden waren, konnten
sie nicht allein durch die Eintrittsgelder unterhalten werden. Zunehmend
abhängig von der finanziellen Hilfe der Städte, mussten sie ihre Ausgaben
stark einschränken. Im deutschsprachigen Raum unterbrachen die beiden
Weltkriege die Entwicklung der Zoos.
Die Lebensdauer der Schautiere war im 19. Jahrhundert meist sehr kurz und
Zootier-Nachzuchten waren selten. Durch die stetige Nachfrage der Zoos
nach neuen Tieren entstand ein Absatzmarkt für Wildtiere in Europa. In den
Hafenstädten kauften Händler anfänglich nur von Seeleuten mitgebrachte
Tiere. Später gaben sie bei Besatzungsmitgliedern von Fernhandelsschiffen
Bestellungen auf und schickten auch eigene Ankäufer auf Fernreisen. Diese
Ankäufer erwarben vor allem zahme, als Jungtiere eingefangene und
künstlich aufgezogene Wildtiere. Schon in den Herkunftsländern litten die
Tiere häufig an Infektionskrankheiten. Durch professionelle
Tierfangmethoden konnten die international agierenden Tierhandelsfirmen
den Zoos ab dem 20. Jahrhundert größere Tiergruppen anbieten. Der
Tierbedarf der Zoos konnte auch durch Verbesserungen in Tierhaltung und
Tierernährung gesenkt werden. Ab Mitte des 20. Jahrhunderts schränkten
lokale Gesetze den kommerziellen Tierfang zunehmend ein. Als Folge des
Washingtoner Artenschutzübereinkommens von 1973 wurden schließlich alle
großen Tierhandlungen geschlossen.
Im Jahr 1923 begann mit dem Erhaltungszuchtprogramm für den
europäischen Wisent das erste Artenschutzprojekt der europäischen Zoos, die
sich bis in die 1970er Jahre allerdings nur um die Zucht einiger weniger
gefährdeter Arten bemühten. Die Artenschutzgesetzgebung zwang die Zoos,
überlebensfähige Populationen aller bedrohten Tierarten aufzubauen, die sie
weiterhin ausstellen wollten. Weltweit entstanden im Zuge dieser
Bemühungen hunderte regionaler und überregionaler Zoo-Zuchtprogramme.
In einigen Fällen konnten überzählige Tiere aus den Reservepopulationen der
Zoos wieder in ihren Herkunftsländern ausgewildert werden. Seit Mitte des
20. Jahrhunderts engagieren sich die Zoos auch für den Artenschutz in den
natürlichen Lebensräumen. Mit Informationskampagnen und
zoopädagogischen Einrichtungen nehmen sie heute eine wichtige
Bildungsfunktion im Natur- und Umweltschutz wahr.
Tierärzte versahen neben der rein kurativen Tätigkeit auch Aufgaben im
allgemeinen Zoobetrieb und in der Verwaltung. In vielen Zoos wurde die
Qualität, Lagerung und Zubereitung der Futtermittel vom Zootierarzt
überwacht. Die deutschen Tiergärten untersagten die unkontrollierte
Fütterung durch Zoobesucher erst Mitte des 20. Jahrhunderts. Ungeeignete
Futtermittel, Vitamin- und Mineralstoffmangel waren ursächlich an der
Genese vieler Zootiererkrankungen beteiligt. In den 1920er Jahren führten die
Zoos eine kombinierte Fütterung aus Grundfutter- und
Ergänzungsfuttermitteln ein, die sich am Bedarf der Tiere orientierte.
Tiermediziner hatten wesentlichen Anteil an der Verbesserung der Ernährung
von Zootieren.
Tierärzte wirkten bei der Gestaltung und Planung der Gehege und
Tierunterkünfte mit, weil die Zooarchitektur das Wohlbefinden der Tiere
wesentlich beeinflusst. Ungenügender Sichtschutz, ungeeignete Bodenbeläge,
unfallträchtige Einrichtungen, rußende Kohleöfen oder zu dunkle Räume
gefährdeten die Gesundheit der Tiere. Die Tierpflege ist bis heute von
zentraler Bedeutung für die Zootiermedizin. Bei der Überwachung der
Therapie und der Verabreichung von Medikamenten helfen Tierpfleger den
Tierärzten. Um Erkrankungen der Tiere frühzeitig zu entdecken, sind
Zootierärzte ebenfalls auf die Beobachtungen der Tierpfleger angewiesen, die
täglich viele Zeit mit den Tieren verbringen.
Tiermediziner übernahmen häufig leitende Positionen in den Tiergärten und
konnten so alle Bereiche der Tierhaltung beeinflussen. Obwohl Veterinäre als
Zoodirektoren nur selten selbst eine kurative Tätigkeit ausübten, förderten sie
die Entwicklung der Zootiermedizin.
Im Zoo treten fast alle Erkrankungen auf, die bei den entsprechenden
Tierarten auch in ihren natürlichen Habitaten vorkommen. Zusätzlich wurden
regelmäßig bestimmte haltungsbedingte Krankheitsbilder beobachtet. Eine
qualitativ und quantitativ ungeeignete Ernährung bewirkte
Verdauungsstörungen und Enteritiden. Von Zoobesuchern mitgeführte
Gegenstände gelangten häufig in die Gehege, wurden von den Tieren
aufgenommen und führten zu gefährlichen Fremdkörpererkrankungen.

Parasiten vieler Arten konnten sich unter Zoobedingungen stark vermehren,
so dass besonders Jungtiere klinisch apparente Parasitosen entwickelten.
Fang, Transport und Unterbringung der Schautiere führten zur Ausbildung
zoospezifischer Technopathien. Durchschnittlich lag der jährliche Tierverlust
der Zoos im 19. Jahrhundert deshalb bei 10 bis 15 % des Tierwertes.
Bereits Aristoteles beschäftigte sich mit den Krankheiten der Wildtiere und
berichtete auch über deren Therapie. Eine regelmäßige Betreuung der
Schautiere durch veterinärmedizinisch ausgebildete Fachkräfte war weder in
fürstlichen Menagerien noch in Wandermenagerien üblich. Nur in der
Schönbrunner Menagerie stellte man schon 1851 einen Tierarzt ein und
unterhielt Verbindungen zur Wiener Tierarzneischule. Auch die bürgerlichen
Zoologischen Gärten beschäftigten keine eigenen Tierärzte, sondern
bestellten im Bedarfsfall Praktiker aus der Umgebung in den Zoo. Im 20.
Jahrhundert schlossen die Zoos dann meist feste Verträge mit Tiermedizinern,
um die tierärztliche Versorgung ihrer Tiere zu sichern.
Die wissenschaftliche Veterinärmedizin beschäftigte sich traditionell fast
ausschließlich mit den Erkrankungen von Nutztieren. In den Lehrplänen von
Tierarzneischulen und tiermedizinischen Fakultäten fanden selbst die
Erkrankungen von Hund, Katze und Hausgeflügel erst ab Mitte des 19.
Jahrhunderts Berücksichtigung. Die ersten Zootierärzte hatten keine
Informationen über Ernährungsweise, Verhalten und Anatomie der exotischen
Tiere. Behandlungserfolge waren vergleichsweise selten. Eine klinische
Untersuchung der Tiere war häufig nicht möglich und Medikamente konnten
nur unter Zwang eingegeben werden. Das therapeutische Spektrum der
Zootierärzte umfasste vor allem Purgation, Aderlass, traditionelle
anorganische und pflanzliche Arzneimittel. Neben Tierärzten beteiligten sich
auch Humanmediziner und medizinische Laien an der Therapie von
Zootieren.
Eine effektive veterinärmedizinische Versorgung von Zootieren konnte erst
nach Ende des Zweiten Weltkrieges etabliert werden. In den 1950er Jahren
wurden risikoarme Narkose- und Immobilisationsprotokolle für Wildtiere
entwickelt, die klinische Untersuchungen, chirurgische Behandlungen und die
Röntgendiagnostik erleichterten. Zur gleichen Zeit wurden Antibiotika und
hochwirksame Anthelmintika verfügbar und erlaubten erstmals eine kausale
Therapie vieler Infektionskrankheiten. Ab den 1970er Jahren fanden
Ultraschall-Geräte, Endoskope und Puls-Oximeter Eingang in die
Zootiermedizin. Die medizinischen Möglichkeiten in Diagnostik und
Therapie von Zootieren sind heute vergleichbar mit denen der
Kleintiermedizin, im Falle der Primaten mit denen der Humanmedizin.
Im Jahr 1902 stellte der Bronx-Zoo William Reid Blair als hauptberuflichen
Zootierarzt ein. Erst nach dem Ersten Weltkrieg entschlossen sich weitere
nordamerikanische Zoos, hauptberufliche Zootierärzte zu beschäftigen. Schon
1988 arbeiteten 55 Vollzeit-Zootierärzte in den USA und Kanada. Klaus-
Peter Jaksztien und Hans Brückner übernahmen 1958 eine Vollzeitstelle im
Tierpark Friedrichsfelde (Ostberlin) beziehungsweise im Berliner Zoo
(Westberlin). In den folgenden Jahren entstanden in vielen großen
Zoologischen Gärten des deutschsprachigen Raumes entsprechende
Arbeitsstellen. Im Berliner Zoo beschäftigte man seit 1972 sogar einen
zweiten Zootierarzt. Dennoch werden bis heute in vielen Zoos die Tiere von
Vertragstierärzten versorgt, die einmal wöchentlich im Zoo Sprechstunde
halten.
Zur postgradualen Ausbildung von Zootierärzten entwickelten sich
unterschiedliche Systeme. In den USA erhalten Zootierärzte nach einer
praktischen Ausbildung in den Zoos und einer Prüfung qualifizierende
„Board Certifications“, während im Vereinigten Königreich eigene
Studiengänge wie der „Master of Science Course in Wild Animal Health“
entstanden. In Deutschland erfolgte die Ausbildung bei erfahrenen Kollegen
in den Zoologischen Gärten. Die Landestierärztekammer Berlin vergab 1977
erstmals den Fachtierarzttitel für das Gebiet „Zoo-, Gehege- und Wildtiere“
als Anerkennung der Weiterbildung. Im Jahr 2007 gab es in Deutschland
insgesamt 69 Fachtierärzte mit vergleichbaren Gebietsbezeichnungen.
In veterinärmedizinischen Zeitschriften wurden im 19. Jahrhundert nur selten
Beiträge über Erkrankungen und Heilbehandlungen von Zootieren
veröffentlicht. Nur in den Mitteilungen und Zeitschriften der Zoologischen
Gärten erschienen regelmäßig Artikel über Zootierkrankheiten. Der
Frankfurter Zoodirektor und Tierarzt Maximilian Schmidt obduzierte alle
verstorbenen Tiere des Zoos und verfolgte aufmerksam die zeitgenössische
Fachliteratur. In den 1870er Jahren verfasste er das erste Lehrbuch der
Zootiermedizin als systematische Dokumentation der Zootiererkrankungen.
Er schilderte darin aber auch zweckmäßige Haltungseinrichtungen und gab
Fütterungshinweise. Erst 1923 veröffentlichte der Pathologe Herbert Fox das
nächste Lehrbuch über die Erkrankungen von Wildtieren in Gefangenschaft.
Obwohl nach dem Zweiten Weltkrieg noch einige weitere Übersichtswerke
erschienen, gaben erst das deutschsprachige Lehrbuch von Heinz-Georg Klös
und Ernst Lang aus dem Jahr 1976 und das englischsprachige Lehrbuch von
Murray E. Fowler von 1978 konkrete Therapieanweisungen. Seit den 1970er
Jahren erschienen im englischsprachigen Raum mehrere Fachzeitschriften für
Zootiermedizin.
Die nordamerikanischen Zootierärzte schlossen sich bereits 1946 in der
„American Association of Zoo Veterinarians” zusammen, die seit 1968 eine
jährliche Fachtagung organisiert. Das Berliner „Institut für Zoo- und
Wildtierforschung“ veranstaltete 1959 das erste „Internationale Symposium
über die Erkrankungen der Zoo- und Wildtiere“. Diese Tagung führte 1996
zur Gründung der „European Association of Zoo and Wildlife Veterinarians“.
Die Tierärzte der wissenschaftlichen Zoos treffen sich außerdem seit 1981
jährlich zur „Arbeitstagung der Zootierärzte im deutschsprachigen Raum“.
Tierärzte in Zoologischen Gärten müssen ein breites Spektrum an
tiermedizinischen Techniken beherrschen und Tiere verschiedener Gattungen
behandeln. Dennoch erlangten einige Spezialgebiete eine besondere
Bedeutung für die Entwicklung der Zootiermedizin. Vor Einführung von
Narkose, Sedation und Immobilisation war eine Behandlung von Zootieren
nur mit Hilfe von physischen Zwangsmaßnahmen möglich. Schon im 19.
Jahrhundert wurde über Morphium-, Äther, Chloralhydrat- und
Chloroformnarkosen bei Haustieren berichtet. Diese Narkotika konnten dem
Patienten nur nach Fixation verabreicht werden und die Steuerung der
Narkosetiefe war sehr schwierig. Weil es häufig zu Todesfällen kam,
vermieden die Zootierärzte den Einsatz von Narkotika, so dass bis zum
Zweiten Weltkrieg nur wenige Berichte über Allgemeinnarkose und Sedation
von Zootieren vorliegen. Barbiturate, Phenothiazin-Derivate, Phencyclidin,
Ketamin, Xylazin, Opioide und viele andere Substanzen wurden in
systematischen Testreihen untersucht. Die Zoo- und Wildtierärzte
entwickelten gleichzeitig Injektionsprojektile und geeignete Waffen zur
Distanzimmobilisation. Die größte Verbreitung erlangten Arzneimittel-
Kombinationen wie die Hellabrunner Mischung aus Xylazin und Ketamin, die
in den 1980er Jahren in München entwickelt wurde.
Außer Tiermedizinern, Humanmedizinern und Zoologen befassten sich
Künstler mit dem Studium der Anatomie von Wildtieren. Im 17. Jahrhundert

begannen Mitglieder der französischen „Académie Royal des Sciences“ die
verstorbenen Tiere der königlichen Menagerie zu untersuchen. Zur gleichen
Zeit stellte auch Edward Tyson in England vergleichende anatomische
Studien zum Körperbau von Wildtieren an. Humanmediziner, wie Samuel
Thomas Soemmerring und Pieter Camper, verglichen im 18. Jahrhundert die
Anatomie von Menschen und Tieren. In der Folgezeit entwickelte sich das
Studium der Morphologie zu einem Schwerpunkt der wissenschaftlichen
Biologie. Fast alle Zoologen, die im 19. Jahrhundert Zoodirektoren wurden,
hatten über morphologische Themen promoviert. Anatomische Studien
beeinflussten die Entwicklung der Tiermedizin in Zoologischen Gärten nur in
geringem Maß.
Im 20. Jahrhundert entwickelte sich die medizinische Parasitologie zu einer
eigenständigen Forschungsdisziplin. Erst in den 1920er Jahren wurden die
diagnostischen Nachweisverfahren optimiert, so dass die Lebenszyklen und
Infektionswege vieler Parasiten aufgeklärt werden konnten. Die
Parasitenbekämpfung gehörte zu den wichtigsten Aufgaben der
Zootiermedizin. Trotz verbesserter Hygiene waren in den Zoos bis 1945
Parasitosen die Ursache von ungefähr 10 % aller Todesfälle. Bis in die 1920er
Jahre wurden fast ausschließlich pflanzliche Anthelmintika und Insektizide
verwendet, die eine hohe Toxizität und ein eingeschränktes Wirkspektrum
aufwiesen. Die pharmazeutische Industrie entdeckte schon vor dem Zweiten
Weltkrieg das Potential synthetischer Anthelmintika. Diese Substanzen
dienten als Ausgangspunkt für die Entwicklung spezifischer, hochwirksamer
Medikamente. Bis heute bildet die Parasitenbekämpfung einen Schwerpunkt
der zootiermedizinischen Prävention.
Wildtiere entwickelten in den Zoologischen Gärten häufig pathologische
Verhaltensweisen. Enger Kontakt zum Menschen, kleinräumigeHaltungseinrichtungen, mangelnde Sozialkontakte und eine allgemeine
Reizarmut begünstigten die Entstehung von Verhaltensstörungen. Einige
Ethopathien, wie zum Beispiel Stereotypien, beeinträchtigen nur den
Schauwert der Tiere. Für die Zootiermedizin war die Automutilation von
besonderem Interesse, weil diese Beschädigungshandlungen nicht selten zum
Tod der Tiere führten. Schon in den 1920er Jahren erkannten Tiermediziner,
dass eine medizinische Therapie der Selbstverstümmelungen nur gelingen
konnte, wenn sie von einer Beschäftigungstherapie begleitet wurde. Nach
dem Zweiten Weltkrieg setzte sich in den Zoos das „Behavioural enrichment“
durch.
Seuchenhafte Erkrankungen bei Wildtieren konnten bis zum Ende des 19.
Jahrhunderts häufig nicht näher bestimmt werden, weil man selten eindeutige
Symptome vorfand und die Erreger noch nicht identifiziert worden waren.
Das Krankheitsbild der Tuberkulose war seit dem Altertum bekannt. Unter
Menschen und unter den Tieren in den Zoos war die Tuberkulose bis ins 20.
Jahrhundert weit verbreitet. Obwohl fast alle Tierarten empfänglich sind,
galten Paarhufer, Raubtiere und Affen als besonders gefährdet. Robert Koch
entdeckte 1882, dass die Tuberkulose durch pathogene Bakterien ausgelöst
wird. Die Bekämpfung der Tuberkulose bildete einen Schwerpunkt der
Zootiermedizin. Durch Tuberkulin-Hauttests und Röntgenuntersuchungen
identifizierte man die infizierten Tiere und sanierte die Bestände durch
Ausmerzung. Nach dem Zweiten Weltkrieg ermöglichten Verbesserungen in
der allgemeinen Hygiene und neuartige Antibiotika den Aufbau
tuberkulosefreier Tierbestände. Da Übertragungen durch Personal und
Besucher möglich sind, hatten auch die humanmedizinischen
Bekämpfungsmaßnahmen Einfluss auf die Verbreitung der Krankheit unter
Zootieren. Der Rotz der Equiden gehört zu den gefährlichsten Zoonosen.
Diese für den Menschen tödliche Tierseuche war im 19. Jahrhundert weit

verbreitet und trat noch bis 1955 in Deutschland auf. In den Zoos erkrankten
vor allem Raubtiere, die infektiöses Pferdefleisch gefressen hatten. Während
des Ersten Weltkrieges und in der folgenden Notzeit waren die Zoos
gezwungen, ihre Tiere mit Kadaverfleisch zu versorgen, so dass
Rotzinfektionen zu dieser Zeit besonders häufig vorkamen. Auch die Maulund
Klauenseuche kam in Mitteleuropa endemisch vor. In Deutschland
startete 1966 eine flächendeckende Impfkampagne mit inaktivierten
Impfstoffen. Gleichzeitig wurden bei MKS-Ausbrüchen alle infizierten Tiere
gekeult. Die Kampagne war so erfolgreich, dass die Impfungen 1991
eingestellt werden konnten. Die Zoologischen Gärten wurden von den
staatlichen Bekämpfungsmaßnahmen eingeschlossen. Alle empfänglichen
Zootiere mussten bis 1991 geimpft werden. Die Seuchenzüge führten zwar
meist nur zu geringen Tierverlusten, aber die staatliche
Tierseuchenbekämpfung brachte in vielen Fällen den gesamten Zoobetrieb
zum Erliegen.
In den Menagerien hielt man häufig nur ein Tier jeder Art. Erst die
bürgerlichen Zoos bemühten sich, die Tiere paarweise vorzuführen, so dass
sich zwangsläufig erste Nachzuchterfolge einstellten. Durch Verbesserungen
der Tierhaltung gelang im 20. Jahrhundert bei immer mehr Tierarten eine
regelmäßige Zucht. Der Geburtsvorgang verläuft bei Wildtieren meist
komplikationslos. Geburtshilfemaßnahmen wurden in Ausnahmefällen bei
Raubtieren, Primaten, Klauen- und Huftieren geleistet. Zu den häufigen
tiermedizinischen Tätigkeiten im Zoo gehört dagegen die Durchführung der
Mutter- und Jungtierprophylaxe, die auch Schutzimpfungen umfasst. In
jüngster Vergangenheit begannen Tiermediziner, sich um die
Sterilitätsbehandlung und die künstliche Befruchtung gefährdeter Tierarten zu
bemühen. Einige Arten vermehrten sich in den Zoos so stark, dass man ihre
Fortpflanzung unterbinden musste. Die Kontrazeption gewann seit den
1980er Jahren an Bedeutung und entwickelt sich zu einer eigenen Disziplin
der Zootiermedizin.