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URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2009/7269/


Interkulturelle Gesundheitsversorgung für die indianische Bevölkerung im Kanton Loreto in Ecuador

Intercultural healthcare for the Indigenous People in Loreto/Ecuador

Göttle, Franziska Simone


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Interkulturalität , interkulturelle Medizin , Indigene Bevölkerungen , Ecuador , Amazonasgebiet
Freie Schlagwörter (Englisch): intercultural healthcare , Ecuador , indigenous people , paju , yachak
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Geschichte und Ethik der Medizin
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 09.11.2009
Erstellungsjahr: 2009
Publikationsdatum: 25.11.2009
Kurzfassung auf Deutsch: International wird die Entwicklung von Strategien zur Verbesserung des desolaten Gesundheitszustandes, in dem sich viele indigene Völker weltweit befinden, als eine zentrale Herausforderung der Medizin gewertet. Eine interkulturelle Öffnung der Medizin wird als mögliche Lösung diskutiert, die Ansätze hierbei differieren jedoch erheblich.
Diese Thematik aufgreifend, wird in dieser Arbeit exemplarisch die gesundheitliche Situation einer bestimmten indigenen Gruppe, nämlich der Kichwa - Bevölkerung im Kanton Loreto im Amazonasgebiet des lateinamerikanischen Landes Ecuador, untersucht. Im Zentrum der Untersuchung stand dabei erstens die Frage nach dem lokalen Verständnis von interkultureller Gesundheitsversorgung aus der Sicht sowohl der indigenen Bevölkerung als auch der Vertreter der in der Region tätigen Organisationen sowie des medizinischen Personals. Die zweite Leitfrage der Studie befasste sich mit den konkreten Möglichkeiten und Bedingungen zur Entwicklung kulturell angepasster medizinischer Versorgungsstrukturen in der Region Loreto.
Methodisch basiert die Arbeit auf einer fünfmonatigen medizinethnologischen Feldforschung im Kanton Loreto, wobei verschiedene qualitative Untersuchungsmethoden (teilnehmende Beobachtung speziell in der Gesundheitsversorgung und verschiedene Interviewtechniken) zur Anwendung kamen. Im Rahmen der Feldforschung konnten vier thematische Schwerpunkte für eine interkulturelle Gesundheitsversorgung in Loreto identifiziert werden:

Der erste Punkt ist das Thema „Gesundheit der Frau“, besonders in Bezug auf Schwangerschaft und Geburt, wobei auch Risikostrukturen identifiziert werden. Außerdem wird die fehlende Resonanz in der indigenen Bevölkerung auf ein kürzlich erbautes Geburtshaus, dem einzigen, explizit als interkulturell klassifizierten Projekt vor Ort, mit Hilfe des lokalen Verständnisses von Schwangerschaft und Geburt analysiert. Dabei spielen auch die Funktionen, die den traditionellen indigenen Hebammen in den Dörfern zukommen, eine entscheidende Rolle.

Einen weiteren thematischen Schwerpunkt stellt paju dar. Dieser Kichwa -Begriff bezeichnet eine besondere Fähigkeit seines Besitzers bzw. Trägers, welche von den Kichwa - Indianern in den Händen lokalisiert wird. Obgleich paju im Forschungsgebiet unter anderem ein vielfach genutztes „Hausmittel“ bei den unterschiedlichsten Beschwerden war, erfahren seine Träger in den lokalen Gesundheitsprojekten bzw. auf nationaler und internationaler gesundheitspolitischer Ebene bisher kaum Anerkennung als wichtige Ressource der Gesundheitsversorgung.

Ein dritter Schwerpunkt ist die Rolle und Bedeutung des lokalen Schamanismus, bzw. seiner Vertreter, die von den Kichwa yachak genannt werden, was soviel wie „Wissender“ bedeutet. Auf nationaler und internationaler Ebene werden Schamanen, im Sinne der „Förderung” traditioneller Medizin, oft als Heiler bzw. sogar als indigener Arzt klassifiziert. Betrachtet man jedoch die spezifischen Funktionen und Fähigkeiten der yachak im Forschungsgebiet, so ergibt sich ein von dieser Einteilung durchaus abweichendes Bild.

Die Kenntnisse der indianischen Bevölkerung in Bezug auf Heilpflanzen und jüngste Initiativen der lokalen indianischen Organisation FONAKIN, diese systematisch zu erfassen und zu klassifizieren, stellt den vierten thematische Schwerpunkt dar. International gilt die Anwendung von Pflanzen zur Heilung und Linderung von Beschwerden seit Jahrzehnten als typische „traditionelle indigene Medizin“. Im Rahmen der Feldforschung zeigte sich jedoch, dass sich das indigene Verständnis von Heilpflanzen, ihren Wirkprinzipien und Anwendungsformen nur zum Teil mit westlichen Vorstellungen auf diesem Gebiet deckt.

Im Ergebnis konnten mit dieser Studie zum einen gezeigt werden, dass der Begriff „interkulturelle Gesundheitsversorgung“ für die indigene Bevölkerung bisher weitgehend bedeutungslos ist, und selbst die professionell im Gesundheitsbereich Tätigen haben bisher, und trotz erster konkret so identifizierter Initiativen vor Ort, nur eine sehr vage Vorstellung dazu. Darüber hinaus zeigte sich, dass das Schlagwort der „kulturellen Öffnung“ mit Blick auf die Bedürfnisse der Indigenen vor allem mit zwei Aspekten identifiziert werden kann: Erstens, dem Wunsch nach einer qualitativ möglichst hochwertigen und zuverlässig verfügbaren medizinischen Basisversorgung (einschließlich Geburtshilfe). Zweitens, der Notwendigkeit eines respektvollen Umgangs mit der indigenen Bevölkerung, was die Möglichkeit einer zumindest basalen sprachlichen Kommunikation auf Kichwa ebenso einschließt wie den Respekt vor einheimischen medizinischen Ressourcen („Heiler“ wie solche mit paju, Schamanen, Heilpflanzen) und regelmäßige Präsenz von medizinischem Personal selbst in abgelegenen Gebieten. Grundsätzlich sind derartige Überlegungen nicht neu und wurden auch im Kontext der WHO - Strategie „Primary Health Care“ bereits diskutiert. Die ausdrückliche Betonung der interkulturellen Dimension von Medizin beinhaltet jedoch die Aufforderung, neben der indianischen auch die Seite der medizinischen Institutionen und die darin handelnden Akteure in den Blick zu nehmen. Gerade in deren Bereitschaft und Fähigkeit zur differenzierten Wahrnehmung der komplexen soziokulturellen Aspekte von Medizin und Gesundheitsversorgung in einer Region wie Loreto entscheidet sich, ob eine interkulturelle Öffnung mehr ist als ein neuer, wohlklingender Begriff.
Kurzfassung auf Englisch: Internationally, the development of strategies to improve the desolate state of health in which many indigenous people are worlwide, is considerd as one of the central challenges of medicine. An intercultural opening of medical structures is discussed as a potential solution, the ways of approaching this though, vary widely. Raising this topic, this survey investigates the health situation of a definite indigenous group, namely the Kichwa - population living in the canton of Loreto in the Amazon Basin of the Latin - American country of Ecuador.
The center of this investigation was firstly the subject of local comprehension of what intercultural health care means from the point of view of the indigenous population as well as the representatives of organisations working in that area and also from the point of view of the medical staff.
Another central question concerns with considering specific posibilities and conditions for developing culturally adapted patterns of medical care in the region of Loreto.
Methodically, this survey is based on a five – month - long medical - antropological field study in the canton of Loreto, during which different methods of investigation (participant observation especially in health care and different kinds of interview - techniques) had been used.
Within the field study four key aspects of an intercultural health care in Loreto could be identified:

The first core theme is the issue of „woman´s health“ especially in reference to pregnancy and birth, where also risk structures can be identified. Furthermore, the lack of response in the indigenous population to a recently built birth center, which is the only explicitly as intercultural classified project in the area, is analysed, taking the local coprehension of pregnancy and delivery into consideration. Thereby, also the work of the traditional indigenous midwives of the villages plays a crucial part.

An other key aspect is the topic of paju. This Kichwa - term describes a special skill of it´s „owner“ or „bearer“, which to the Kichwa is localised in the hands of a person. Although paju is a frequently used as a domestic remedy for all sorts of different discomforts, it´s bearers are not accepted as an important ressource of health care, neither in local health care projects, nor on national and international levels of health policy.

A third focus is on the importance and the meaning of local shamanism, respectively it´s agents, who are called yachak by the Kichwa, wich translates into „person who knows“. In national an international settings shamans, in terms of „promoting“ traditional medicine, are often considered as healers or even as indigenous physicians. But looking at the specific functions and skills of the yachak in the area of investigation, a picture is revealed that quite differs from this classification.

The knowledge of the indigenous population in terms of medical plants and recent initiatives of the local indigenous organisation FONAKIN to systematically list and classify this knowledge, is the fourth key aspect of this survey. In an international context the use of plants to heal and soothe discomforts has been considerd as the typical traditional indigenous medicine for decades. However, during the field study it was shown, that the indigenous understanding of medical plants, their active principle and their form of usage only partly coincide with western perceptions of this topic.
As a result this study proofed that the term „intercultural health care“ doesn´t have a meaning to the indigenous population so far, and even the people working professionally in the health care sector have, despite some specific local initiatives, only vague ideas concerning this topic exist. Moreover it was shown, that the catchphrase of an „intercultural opening“ by looking at the needs of the Indigenous can above all be identified with two aspects:
First of all, the desire for basic health care (including obstetrics) of high quality that is also reliably available.
Second of all, the necessity of treating the indigenous people with respect, which does include the possibility of at least basic comunication in Kichwa as well as respecting local medical ressources („healers“ such as those with paju, shamans, medical plants) and frequent attendance of medical staff even in isolated areas.
In general, considerations of this kind are not new and have been discussed already in the context of the WHO - strategy of „Primary Health Care“.
The explicite emphasis of an intercultural dimension of medicine though includes the request to consider not only the indigenous point of view , but also that of the medical institutions and their acting agents
Especially in their willingness and ability to sophistically comprehend the complex socio – cultural aspects of medicine and health care in a region such as Loreto, it will be determined if an intercultural opening will finally be more than a merely new and harmonious sounding term.