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Krankheits- und behandlungsrelevante Besonderheiten türkischer Migranten mit Gesundheitsstörungen : Anregungen zur Optimierung der Versorgung

Ilness- and therapy-relevant characteristics of Turkish immigrants suffering from health disorders : suggestions for improvement of care

Lujic, Claudia


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Arbeitsgruppe Versorgungsforschung / Sozialpsychiatrie
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 18.02.2009
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 26.05.2009
Kurzfassung auf Deutsch: Türkische Migranten stellen eine sehr wichtige Zielgruppe in der medizinischen, psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung dar, weil sie von körperlichen wie psychischen Erkrankungen häufiger und stärker betroffen sind als Personen deutscher Herkunft. Ihre momentane gesundheitsbezogene Versorgungssituation in Deutschland weist eine Vielzahl an Defiziten auf, obwohl sie die größte Migrantengruppe darstellen. Ein wichtiger Grund dafür ist unzureichendes Wissen und die mangelhafte Beachtung krankheitsrelevanter Besonderheiten in der Behandlung. Das Ziel der vorliegenden Arbeit bestand darin, diese Besonderheiten zu analysieren, ihre Bedeutsamkeit für Behandlungsergebnisse zu bewerten und daraus Anregungen zur Optimierung der Versorgung abzuleiten. Dazu wurden Patienten türkischer Herkunft und eine Kontrollgruppe deutscher Patienten (parallelisiert nach Alter, Geschlecht, Diagnose und Behandlungsort) mittels muttersprachlicher standardisierter Interviews befragt. Für die Auswertung wurden 4 Gruppen gebildet (türkische Patienten mit koronaren Herzerkrankungen, deutsche Patienten mit koronaren Herzerkrankungen, türkische Patienten mit psychiatrischen Diagnosen aus dem F3/F4-Bereich der ICD-10 und deutsche Patienten mit psychiatrischen Diagnosen aus dem F3/F4-Bereich der ICD-10). Patienten türkischer Herkunft gaben im Vergleich zu deutschen Patienten pessimistischere subjektive Krankheitskonzepte, eine stärkere Somatisierungsneigung, eine maladaptivere krankheitsspezifische Stressverarbeitung, eine größere Anzahl kritischer Lebensereignisse und migrationsassoziierter Belastungen, eine andere Ausprägung auf Persönlichkeitsfaktoren, eine geringere Zufriedenheit mit der außerfamiliären sozialen Unterstützung, eine geringere fremdeingeschätzte Behandlungsmotivation trotz Vorliegens einer stärkeren Änderungsbereitschaft und stärkere Rentenwünsche an. Sie wiesen nicht nur schlechtere Behandlungsergebnisse am Ende der Behandlung auf, sondern fühlten sich bereits zu Behandlungsbeginn stärker beeinträchtigt als deutsche Patienten. Obwohl es Unterschiede bezüglich des Ausmaßes und der Signifikanz der Prädiktionskraft einzelner krankheitsrelevanter Faktoren zwischen deutschen und türkischen Patienten der jeweiligen Diagnosegruppen gab, hatten sie immer die gleiche Beeinflussungsrichtung auf die Parameter des Behandlungsergebnisses. So wirkten sich ein hoher Neurotizismuswert und eine hohe Anzahl an migrationsassoziierten Belastungen bzw. vergleichbaren Belastungen über alle 4 Gruppen negativ auf die Behandlungsergebnisse aus. Bei den beiden psychiatrischen Gruppen zeigten sich zudem herkunftsunabhängig pessimistische Krankheitsvorstellungen, eine niedrige Extraversion, eine hohe Anzahl kritischer Lebensereignisse, eine niedrige Behandlungsmotivation und hohe Rentenwünsche als Prädiktoren schlechter Behandlungsergebnisse, während bei den beiden KHK-Gruppen ebenso herkunftsunabhängig starke maladaptive Stressverarbeitung, niedrige Ausprägungen auf Gewissenhaftigkeit, eine Unzufriedenheit mit der Unterstützung durch Freunde und eine schwache Änderungsbereitschaft hinsichtlich präventiven Verhaltens zu schlechten Behandlungsergebnissen beigetragen haben. Es fiel auf, dass die bei Patienten türkischer Herkunft gefundenen Besonderheiten krankheitsrelevanter Faktoren durchweg schlechte Behandlungsergebnisse prädizierten. Entsprechend dem Stressverarbeitungs-Mediator-Modell wurden bei türkischen und deutschen Patienten unterschiedliche Effekte der Persönlichkeit und subjektiver Krankheitskonzepte über Stressverarbeitung auf verschiedene Behandlungsergebnis-Parameter vermittelt, wobei fast ausschließlich Parameter des ersten Messzeitpunkts t0 prädiziert wurden. Die vom Arzt eingeschätzte Behandlungsmotivation war jedoch nur bei deutschen Patienten Mediator der Effekte des Glaubens an den eigenen persönlichen Einfluss und des Rentenwunsches auf Behandlungsergebnisse. Im Rahmen des Stress-Modells eigneten sich herkunftsunabhängig eher (migrationsassoziierte) Belastungen und soziale Unterstützung als Mediatoren der Effekte von Persönlichkeit, Stressverarbeitung und (sozialer Unterstützung) als kritische Lebensereignisse. Akkulturation wirkte sich nicht nur direkt positiv auf die Arzteinschätzungen aus, sondern entfaltete im Rahmen des Akkulturations-Modells auch eine puffernde Wirkung auf das Leiden unter migrationsassoziierten Belastungen.
Kurzfassung auf Englisch: Turkish immigrants are a very important target group in medical, psychiatric and psychosomatic care, because they suffer more often and more severely from somatic and mental disorders compared to persons of German origin. At the moment their health-centred care-situation in Germany can be described as insufficient, although they are the largest group of migrants. An important reason therefore is a lack of attention to illness-relevant specific characteristics of that target group in the treatment process. The aim of the present study was to analyse these illness-relevant specific characteristics, to evaluate their relevance for treatment outcome and to deduce suggestions for improvement of care. Patients of Turkish origin and a control group of German patients (matched on age, gender, diagnosis and hospital) were tested by standardized interviews in their native language. The following 4 groups were analysed: Turkish patients with coronary heart diseases, German patients with coronary heart diseases, Turkish patients with psychiatric diagnoses and German patients with psychiatric diagnoses. As compared to German patients, patients of Turkish origin reported more pessimistic illness beliefs, a stronger somatization, more maladaptive coping, more critical life events and more stressors due to migration, a different pattern of personality factors, worse satisfaction with extrafamilial social support, a lower physicians rated treatment motivation despite their higher motivation to change and a stronger desire for retirement pension. Turkish patients not only showed worse treatment outcomes but also felt more impaired at the beginning of treatment in comparison to German patients. Although there were differences concerning magnitude and significance of predictive power of several illness-relevant factors between German and Turkish patients, they tended to have the same direction of influence on outcome. So high neuroticism and many stressors due to migration or comparable stressors predicted poor treatment outcome in all 4 groups. In both psychiatric groups, independent of origin, pessimistic illness beliefs, low extraversion, a high number of critical life events, low treatment motivation and a strong desire for retirement pension were predictors of poor outcome, whereas in the two CHD-groups strong maladaptive coping, low conscientiousness, dissatisfaction with social support from friends and a low motivation to change with respect to preventive behaviour were predictors of poor treatment outcome. It was noticeable, that all specific characteristics of illness-relevant factors in Turkish patients were associated with poor treatment outcome. According to the Coping-Mediator-Model, in Turkish and German patients, coping mediated different effects of personality and illness beliefs on different outcome parameters, mostly on scores obtained at t0. The physicians rated treatment motivation, on the other hand, mediated effects of belief in personal influence on illness and of desire for retirement pension on outcome parameters only in German patients. Within the Stress-Model stressors due to migration or comparable stressors and social support, independent of origin, were better mediators of effects of personality, coping and (social support) on outcome measures than critical life events. Acculturation not only contributed to better doctor ratings of severity of illness and impairement, but also had a buffering effect on suffering from stressors due to migration within the Acculturation-Model.