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Facetten von Autorschaft : Hans-Christian Kirsch zwischen Phantastik und Biographik

Ratajczak, Marta


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Autorschaft , Kirsch, Hans-Christian
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Germanistik
Fachgebiet: Germanistik
DDC-Sachgruppe: Deutsch
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 12.02.2009
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 20.02.2009
Kurzfassung auf Deutsch: Der Autor Hans-Christian Kirsch, der unter seinem Pseudonym Frederik Hetmann bekannter ist als unter seinem bürgerlichen Namen und der jahrzehntelang zu den anerkannten Jugendliteraturautoren zählte, hat in einem Zeitraum von etwa 45 Jahren ein beachtliches Werk geschaffen. Dabei hat er im Handlungssystem Literatur in unterschiedlichen Handlungsrollen agiert und verschiede Facetten von Autorschaft ausgefüllt. Kirsch ist als Autor, Übersetzer, Herausgeber, Lektor, Kulturmanager und Preisstifter bekannt geworden.

Die in der Arbeit vorgenommene Untersuchung des Werkes von Hans-Christian Kirsch zeigt, dass man die Gesamtheit der von ihm produzierten Texte folgenden Gruppen zuordnen kann: 1. Geschichte und Mythen des amerikanischen Kontinents; 2. indianische wie auch englisch-keltische Märchen; 3. phantastische Literatur; 4. Biographien; 5. zeitkritisch-realistische Texte; 6. Märchenkunde und Theorie der phantastischen Literatur.

Im Handlungssystem Kinder- und Jugendliteratur kann Hans-Christian Kirsch als Vorreiter einer modernen deutschen Kinder- und Jugendliteratur nach 1968 gelten. Der Autor hat mit Anteil an der thematischen Öffnung der KJL in Hinblick auf aktuelle gesellschaftliche Probleme. Zudem versucht Kirsch in diesem Kontext Darstellungsweisen der modernen Erwachsenenliteratur zu nutzen. Insofern hat das 'Was' der Texte, die 'story', Konsequenzen für das 'Wie' der Darstellung, den 'discours'. Dies zeigt sich u.a. in einer Montage von authentischen historischen Quellen und Kommentaren des Erzählers wie auch in der Montage verschiedener Textsorten. Beispielhaft dafür sind Kirschs Sachbuch die 'Amerika-Saga'(1964) und die Biographie ’Ich habe sieben Leben. Die Geschichte des Ernesto Guevara, genannt Che'(1972), für die der Autor mit dem renommierten Deutschen Jugendbuchpreis ausgezeichnet wurde.

Kirschs erster Erfolg als Schriftsteller setzte schon zu Beginn der 1960er Jahre mit dem Erscheinen seines Romans 'Mit Haut und Haar'(1961) ein, der eigentlich für ein erwachsenes Publikum konzipiert war. Der Text kann jedoch als ein Exempel für den modernen Adoleszenzroman gelten. Der Autor brachte mit dem Roman einen neuen Ton in die Literatur der 1950er Jahre ein und wurde zur Stimme einer jungen Generation. In dem Roman, der die Geschichte junger Tramper erzählt, geht es u.a. um das Erproben neuer Formen der Suche nach der eigenen Identität jenseits vorgegebener Regeln. Als Indikatoren einer Protesthaltung stehen – wie für den Adoleszenzroman kennzeichnend – Kleidung, lange Haare, Musik und Sexualität. Die Phase ihrer Identitätskrise wird im Text auch durch den Discourse, deutlich zum Ausdruck gebracht. Die Protagonisten sind als Individualitäten angelegt, die selbstreflexiv ihre innere Zerrissenheit (z.B. die Bewusstseinsspaltung des Ich-Erzählers) und ihre krisenhafte Entwicklung bedenken (zahlreiche innere Monologe des Ich-Erzählers).

Seine Popularität verdankt Hans-Christian Kirsch insbesondere seinen etwa 30 literarischen Biographien. Die Biographien funktionieren für ihn als Mittel zur Erziehung der nachfolgenden Generationen. Eine Sichtung der Biographien zeigt, dass sie nach wiederkehrenden Grundprinzipien gebaut sind und eine Mischung aus den Quellenmaterialien (u.a. Zitate aus der Primärliteratur, Erinnerungen von Zeitzeugen, Briefe) und ausgesprochen einfachen Kommentierungen des Biographen bilden. Am Beispiel der Biographie über die Schriftstellerin Elisabeth Langgässer 'Schlafe, meine Rose. Die Lebensgeschichte der Elisabeth Langgässer', die wegen ihrer Herkunft unter der Naziherrschaft diskriminiert wurde, konnte nachgewiesen werden, dass die Struktur des Textes – wie bei den anderen Biographien – wesentlich durch umfangreiche Zitierungen von Selbstaussagen der Autorin bestimmt wird. Die Rolle des Biographen reduziert sich auf ein Kompilieren und Arrangieren des Materials.

Als Autor phantastischer Texte bewährt sich Hans-Christian Kirsch vor allem durch Romane wie 'Wagadu'(1983), 'Madru oder der große Wald'(1984). Am Beispiel des Romans 'Wagadu', der an der Grenze zwischen Kinderliteratur und Erwachsenenliteratur liegt und als moderne Phantastik bezeichnet werden kann, wurde Exemplarisches für Kirschs Phantastik gezeigt. Die Ich-Erzählung des phantastischen Binnenteils des Textes akzentuiert die innerseelische Bedeutung der Reise des Protagonisten und ist von der real-fiktionalen Rahmenhandlung abgesetzt. Die Erzählerstimmen fungieren hier als Träger des Phantastischen.

Einen Neuansatz stellt Kirschs autobiographisch geprägter Roman 'Die polnische Hochzeit'(2004) dar. Es ist dies der Versuch, im Abstand von mehr als 40 Jahren der eigenen Erinnerung sowie der Familiengeschichte aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs auf die Spur zu kommen. Eine besondere Rolle kommt den Tagebuchaufzeichnungen des Vaters von Kirsch zu, die die Struktur des Textes in besonderer Weise kennzeichnen.

In der Arbeit wurde gezeigt, dass Hans-Christian Kirschs Rolle innerhalb des Literatursystems sukzessive abnimmt. Es hängt dies mit einem literarischen und kulturellen Wandel zusammen. Der Autor Hans-Christian Kirsch hat die damit in Verbindung stehenden Veränderungen des Literaturbegriffs sehr wohl erkannt, gleichwohl hält er insgesamt an der einmal entworfenen Poetologie fest.