Doch zunächst wurde in einem ersten Teil der Arbeit die Rolle von Peter Härtling im Handlungssystem Literatur erfasst. Es konnte gezeigt werden, dass Härtling in der Zeit von 1950 bis in die 1970er Jahre in verschiedenen Handlungsrollen erfolgreich war, als Kritiker, Herausgeber, Lektor, Verlagsleiter agiert. Bei der Analyse der Zeitungsbeiträge Härtlings in der Zeitschrift "Der Monat" zeigt sich, dass sich dieser bereits in den 1950er Jahren dem Thema "Erinnerung" erstmals theoretisch auf die Spur zu kommen versucht. Auf dieser Grundlage wurde sodann im Hauptteil der Arbeit Härtlings Werk seit Mitte der 1970er Jahre als eine konsequente und fortschreitende Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung bzw. dem autobiographischen Gedächtnis eingeordnet. Der erste Versuch, den eigenen Erinnerungen auf die Spur zu kommen, ist die Erzählung "Janek. Porträt einer Erinnerung" von 1966. Aus der autobiographischen Ausgangsepisode gestaltet Härtling hier einen fiktionalen Text, in dem die Erinnerung ein zentrales Thema bleibt. Auf eine vergleichbare Art und Weise funktioniert die Inszenierung von autobiographischer Erinnerung in Härtlings Entwicklungs- und Frauenroman „Eine Frau“ (1974). Die Biographien, in denen Härtling den Lebenswegen bekannter Persönlichkeiten auf die Spur kommen will, bilden hingegen eine Mischform zwischen Stufe 1 und Stufe 2 – den Fictions of memory. Während die Romane "Janek" und "Eine Frau" auf einer zeitlichen Ebene erzählt werden, werden die Biographien "Hölderlin" (1976) und "Schumanns Schatten" (1996) nämlich auf zwei zeitlichen Ebene realisiert: der Ebene der Basiserzählung und der Analepse. Damit entsteht in den Texten eine Art vielstimmiges Erzählen oder Polyphonie. Mit dem Roman "Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung" von 1982 gelangt Härtling zu einer zweiten Stufe bei der Inszenierung der eigenen Erinnerung. Man kann von einem Durchbruch sprechen, denn sukzessive nähert sich der Autor jenen traumatischen Ereignissen in der eigenen Biographie, die bis dahin wie im Gefängnis verschlossen blieben: Es sind die Flüchtlingszeit in Zwettl, Deportation wie Tod des Vaters, Vergewaltigung der Mutter durch russische Soldaten und ihr qualvoller Selbstmord. Vergleichbar geht Härtling mit der eigenen Erinnerung im folgenden Roman "Nachgetragene Liebe" (1908). Hier evaluiert der Ich-Erzähler die eigene Erinnerung an den Vater und konfrontiert diese mit den Erinnerungen der Zeitzeugen und Familienangehörigen. In den späteren Texten "Der Wanderer" (1988) und "Herzwand. Mein Roman" (1990) zeichnet sich die Tendenz ab, die Basiserzählung, also die Gegenwartsebene, zur systemprägenden Dominante Im Medium des Romans erfolgt eine Neuaushandlung von Erinnerung auf der Gegenwartsebene.
Mit dem Blick auf "Leben lernen. Erinnerungen" (2004) wird einmal mehr klar, was sich im Vergleich zu Härtlings früheren Texten verändert hat. Zunächst war die Erinnerung als eine Art Gefängnis bezeichnet worden, die Rede war von einer "Beule Erinnerung" ("Janek"). Nunmehr werden die schmerzhaften und unsicheren Erinnerungen, die in "Zwettl" und "Nachgetragene Liebe" dominieren und durch die Vielstimmigkeit als unzuverlässig erscheinen, mit der fast schon affirmativen Erinnerung in "Leben lernen" konfrontiert. Für Härtling waren also fast sechzig Jahre notwendig, um den Erinnerungen auf die Spur zu kommen und das eigene Ich zu finden. Zusammengefasst lässt sich sagen: Zunächst tritt der Autor hinter die Figuren zurück, er vertraut ihnen die eigene Erinnerung an, um diese später aus der Sicht der Figuren (field memory) nochmals zu wiederholen. Die letzte Stufe der Erinnerungsarbeit stellt die nüchterne Beschreibung des eigenen Erinnerten aus der Perspektive des erinnernden Ichs (observer memory) dar, die zwar bewertet und kommentiert, aber nunmehr mit den erinnerten traumatischen Erlebnissen die eigene Identität nicht mehr in Frage stellt. Offensichtlich ist es dem Autor Peter Härtling mit seinem 75. Geburtstag nach einem langen literarischen Weg gelungen, "das geschlossene Tor des Gedächtnisses" zu öffnen. Der Autor Peter Härtling ist bei sich selbst angekommen. ">
 

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Zur Inszenierung von Erinnerung im Werk von Peter Härtling

Hernik-Mlodzianowska, Monika


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Erinnerung , Härtling, Peter
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Germanistik
Fachgebiet: Germanistik
DDC-Sachgruppe: Deutsch
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 12.02.2009
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 18.02.2009
Kurzfassung auf Deutsch: Peter Härtling gehört zu den namhaftesten deutschen Gegenwartsautoren. Dennoch existieren in der germanistischen Literaturwissenschaft nur vereinzelt Beiträge, die seinem Werk auf den Grund gehen. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit erfolgte mit der Untersuchung der Inszenierung von Erinnerung eine Konzentration auf das Zentrum von Peter Härtlings Schaffen. Härtling geht nämlich davon aus, dass Erinnern und Erzählen in einem direkten Zusammenhang stehen, was er pointiert auf den Punkt bringt, wenn er sagt: "Wer erinnert, erzählt. Wer erzählt, erinnert."

Doch zunächst wurde in einem ersten Teil der Arbeit die Rolle von Peter Härtling im Handlungssystem Literatur erfasst. Es konnte gezeigt werden, dass Härtling in der Zeit von 1950 bis in die 1970er Jahre in verschiedenen Handlungsrollen erfolgreich war, als Kritiker, Herausgeber, Lektor, Verlagsleiter agiert. Bei der Analyse der Zeitungsbeiträge Härtlings in der Zeitschrift "Der Monat" zeigt sich, dass sich dieser bereits in den 1950er Jahren dem Thema "Erinnerung" erstmals theoretisch auf die Spur zu kommen versucht. Auf dieser Grundlage wurde sodann im Hauptteil der Arbeit Härtlings Werk seit Mitte der 1970er Jahre als eine konsequente und fortschreitende Auseinandersetzung mit der eigenen Erinnerung bzw. dem autobiographischen Gedächtnis eingeordnet. Der erste Versuch, den eigenen Erinnerungen auf die Spur zu kommen, ist die Erzählung "Janek. Porträt einer Erinnerung" von 1966. Aus der autobiographischen Ausgangsepisode gestaltet Härtling hier einen fiktionalen Text, in dem die Erinnerung ein zentrales Thema bleibt. Auf eine vergleichbare Art und Weise funktioniert die Inszenierung von autobiographischer Erinnerung in Härtlings Entwicklungs- und Frauenroman „Eine Frau“ (1974). Die Biographien, in denen Härtling den Lebenswegen bekannter Persönlichkeiten auf die Spur kommen will, bilden hingegen eine Mischform zwischen Stufe 1 und Stufe 2 – den Fictions of memory. Während die Romane "Janek" und "Eine Frau" auf einer zeitlichen Ebene erzählt werden, werden die Biographien "Hölderlin" (1976) und "Schumanns Schatten" (1996) nämlich auf zwei zeitlichen Ebene realisiert: der Ebene der Basiserzählung und der Analepse. Damit entsteht in den Texten eine Art vielstimmiges Erzählen oder Polyphonie.
Mit dem Roman "Zwettl. Nachprüfung einer Erinnerung" von 1982 gelangt Härtling zu einer zweiten Stufe bei der Inszenierung der eigenen Erinnerung. Man kann von einem Durchbruch sprechen, denn sukzessive nähert sich der Autor jenen traumatischen Ereignissen in der eigenen Biographie, die bis dahin wie im Gefängnis verschlossen blieben: Es sind die Flüchtlingszeit in Zwettl, Deportation wie Tod des Vaters, Vergewaltigung der Mutter durch russische Soldaten und ihr qualvoller Selbstmord. Vergleichbar geht Härtling mit der eigenen Erinnerung im folgenden Roman "Nachgetragene Liebe" (1908). Hier evaluiert der Ich-Erzähler die eigene Erinnerung an den Vater und konfrontiert diese mit den Erinnerungen der Zeitzeugen und Familienangehörigen. In den späteren Texten "Der Wanderer" (1988) und "Herzwand. Mein Roman" (1990) zeichnet sich die Tendenz ab, die Basiserzählung, also die Gegenwartsebene, zur systemprägenden Dominante Im Medium des Romans erfolgt eine Neuaushandlung von Erinnerung auf der Gegenwartsebene.

Mit dem Blick auf "Leben lernen. Erinnerungen" (2004) wird einmal mehr klar, was sich im Vergleich zu Härtlings früheren Texten verändert hat. Zunächst war die Erinnerung als eine Art Gefängnis bezeichnet worden, die Rede war von einer "Beule Erinnerung" ("Janek"). Nunmehr werden die schmerzhaften und unsicheren Erinnerungen, die in "Zwettl" und "Nachgetragene Liebe" dominieren und durch die Vielstimmigkeit als unzuverlässig erscheinen, mit der fast schon affirmativen Erinnerung in "Leben lernen" konfrontiert. Für Härtling waren also fast sechzig Jahre notwendig, um den Erinnerungen auf die Spur zu kommen und das eigene Ich zu finden. Zusammengefasst lässt sich sagen: Zunächst tritt der Autor hinter die Figuren zurück, er vertraut ihnen die eigene Erinnerung an, um diese später aus der Sicht der Figuren (field memory) nochmals zu wiederholen. Die letzte Stufe der Erinnerungsarbeit stellt die nüchterne Beschreibung des eigenen Erinnerten aus der Perspektive des erinnernden Ichs (observer memory) dar, die zwar bewertet und kommentiert, aber nunmehr mit den erinnerten traumatischen Erlebnissen die eigene Identität nicht mehr in Frage stellt. Offensichtlich ist es dem Autor Peter Härtling mit seinem 75. Geburtstag nach einem langen literarischen Weg gelungen, "das geschlossene Tor des Gedächtnisses" zu öffnen. Der Autor Peter Härtling ist bei sich selbst angekommen.