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URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/6545/


Entdeckung von Täuschung : Von Alltagsvorstellungen zu empirisch fundiertem Wissen

Detection of deception : From lay persons intuitive beliefs to empirically based judgments

Breuer, Maike Miriam


pdf-Format: Dokument 1.pdf (846 KB)

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Subjektive Annahmen , Täuschung , Urteilsgüte , Inhaltskriterien , Training
Freie Schlagwörter (Englisch): deception , beliefs , content criteria , training, accuracy
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Abteilung für Sozial- und Rechtspsychologie
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 14.10.2008
Erstellungsjahr: 2008
Publikationsdatum: 23.10.2008
Kurzfassung auf Deutsch: Die Unterscheidung wahrer und erfundener Aussagen ist in vielen Lebensbereichen von Bedeutung und stellt zudem eine wesentliche Voraussetzung für eine faire Rechtssprechung dar. Allerdings liegt die Urteilsfähigkeit von Laien und ExpertInnen nach metaanalytischen Befunden nur geringfügig über dem Zufallsniveau. Eine mögliche Erklärung besteht darin, dass subjektive Annahmen über Lügenindikatoren nicht mit objektiven Indikatoren von Täuschung korrespondieren. Ebenso wäre es möglich, dass Personen die kontextuellen Besonderheiten von Aussagen nicht ausreichend berücksichtigen. Die ersten beiden Studien untersuchten diese Erklärungsansätze.

In der ersten Studie wurden die Alltagsvorstellungen von Laien bezüglich einer Vielzahl non- und paraverbaler Indikatoren erfasst. Dabei wurden die Täuschungssituation und die Gelegenheit zur Vorbereitung als kontextuelle Determinanten manipuliert. Es zeigten sich nur geringe Unterschiede in den subjektiven Annahmen in Abhängigkeit vom variierten Aussagekontext, doch große Diskrepanzen zu objektiven Täuschungsindikatoren.

Im Vergleich zu nonverbalen Merkmalen erlauben es inhaltliche Aussagemerkmale besser zwischen wahren und erfundenen Aussagen zu unterscheiden. Daher wurden in der zweiten Studie Alltagsvorstellungen zu inhaltlichen Glaubhaftigkeitsmerkmalen erfasst, den sogenannten Aberdeen Report Judgment Scales (ARJS, Sporer, 1996/1998/2004). Erneut wurden die Täuschungssituation und die Gelegenheit zur Vorbereitung variiert. Die meisten inhaltlichen Aussagemerkmale wurden gemäß ihrer objektiven Differenzierungskraft als Wahrheitsindikatoren aufgefasst. Während sich vereinzelt Unterschiede in Abhängigkeit von der Täuschungssituation zeigten, waren keine Effekte der Vorbereitung auf die subjektiven Täuschungsannahmen festzustellen.

Beide Studien verwiesen auf eine Tendenz von Laien, die Validität verschiedener Indikatoren zu überschätzen. Zudem wurden bedeutsame Moderatoren der objektiven Differenzierungskraft kaum beachtet.

In der dritten und vierten Studie wurden theoretisch fundierte inhaltliche Glaubhaftigkeitsmerkmale hinsichtlich ihrer Inter-Rater-Reliabilität und Validität evaluiert. Dazu wurden wahre und erfundene freie Berichte und Interviews zu persönlich bedeutsamen Lebensereignissen anhand der ARJS (Studie 3) und anhand einer Kurzform derselben, der Aberdeen Report Judgment Scales--Short Training Version--German (ARJS-STV-G, Sporer & Masip, 2007) analysiert (Studie 4). Zudem wurde überprüft, ob die Vorbereitung einer Aussage und die Valenz des geschilderten Ereignisses die Validität dieser Glaubhaftigkeitsmerkmale moderieren.

In der dritten Studie wurden die transkribierten Aussagen von vier intensiv trainierten Raterinnen anhand der ARJS beurteilt. Für die meisten Skalen ergaben sich zufrieden stellende Inter-Rater-Reliabilitäten. Zudem ließen sich diese durch die Zusammenfassung mehrerer unabhängiger Beurteilungen substantiell verbessern. Erwartungsgemäß erzielten wahre Aussagen höhere ARJS-Beurteilungen als erfundene. Die Validität der ARJS war unabhängig von der Valenz der geschilderten Ereignissse und der Vorbereitung nachweisbar. Dies unterstützt die Zielsetzung eines breiten Anwendungsbereichs dieser Kriterien.

In der vierten Studie wurde dasselbe Stimulusmaterial von acht Raterinnen anhand der ARJS-STV-G beurteilt. Durch die Zusammenfassung mehrerer unabhängiger Beurteilungen wurden auch für die meisten Merkmale der Kurzform zufrieden stellende Inter-Rater-Reliabilitäten erzielt. Erwartungsgemäß wiesen wahre Aussagen im Vergleich zu erfundenen eine höhere inhaltliche Qualität auf. Es war kein moderierender Effekt der Vorbereitung auf die Validität der ARJS-STV-G festzustellen. Insgesamt könnte es nützlich sein, Laien anhand der ökonomischen Kurzform über inhaltliche Glaubhaftigkeitsmerkmale zu informieren.

Die fünfte Studie überprüfte die Effekte einer ARJS-STV-G-Anleitung auf die Urteilsgüte. Dazu wurden die subjektiven Glaubhaftigkeitsurteile von Beurteilerinnen analysiert, die jeweils einen Teil des Stimulusmaterials naiv und unter Anleitung der ARJS-STV-G beurteilten. Für die naiven Urteile zeigte sich eine rein zufällige Urteilsrichtigkeit. Hingegen ergab sich für die ARJS-STV-G-angeleiteten Beurteilungen der Interviews eine überzufällige Urteilsrichtigkeit. Diese war auf eine verbesserte Einschätzung der wahren Aussagen zurückzuführen. Allerdings verstärkte sich auch die Tendenz, Aussagen als glaubhaft zu beurteilen.
Kurzfassung auf Englisch: This dissertation reports five studies adressing the following research questions: (1) which behaviors do lay persons believe to be associated with deception (subjective indicators), (2) what behaviors are actually associated with deception (objective indicators), and (3) are judges who are briefly guided with content criteria able to successfully discriminate true and false statements (accuracy of deception judgments)?

Both lay persons and professionals have been repeatedly shown to be barely above chance in detecting deception. One of the reasons for this may be the use of common sense assumptions about potential indicators of deception which do not correspond to objective cues to deception. Another reason may be that lie detectors do not adequately take situational determinants of cues to deception into account.

The beliefs of lay persons about a large number of indicators of deception were assessed in two studies. The content of the lie (everyday lie, affair, crime situations) and the preparation of the liar (short, long) were manipulated as determinants of subjective cues to deception. While the first study investigated beliefs about nonverbal and paraverbal behaviors, the second study focused on beliefs about content criteria.

For beliefs about nonverbal and paraverbal indicators only small differences across situations but rather large discrepancies with objective cues to deception were observed. Though subjective and objective cues to deception were less discrepant for verbal content criteria, the amount of preparation had no effect on subjective indicators of deception. Consequently, ignorance for situational determinants of cues to deception may contribute to lay persons’ low judgmental accuracy.

The second research question which was adressed in two studies focused on social-cognitive content criteria for evaluating the truthfulness of accounts. The third study investigated the inter-rater-reliability and validity of the Aberdeen Report Judgment Scales (ARJS; Sporer, 1996), while the fourth study evaluated a more economic version, the Aberdeen Report Judgment Scales--Short Training Version--German (ARJS-STV-G; Sporer & Masip, 2007). Therefore, statements of 176 participants about personally significant life events were content analyzed. All participants firstly delivered a free report and were interviewed about the same event one week later. They either provided true or false (freely invented) accounts on both occasions. Additionally, they were either given 2 or 15 minutes to prepare their free reports. All accounts were transcribed verbatim and analyzed by four extensively trained raters using the ARJS and by eight shortly guided raters using the ARJS-STV-G.

For most ARJS criteria good inter-rater reliabilities emerged. Application of the Spearman-Brown formula demonstrated that reliability was enhanced considerably by combining the assessments of four raters. Inter-rater reliabilities for the ARJS-STV-G criteria were comparably lower which may be due to the short amount of guidance raters received. However, combining the assessments of four raters yielded satisfactory results for the short version as well.

As predicted, truthful accounts received higher ARJS and ARJS-STV-G ratings than deceptive ones. Comparable effect sizes emerged for both the long and the short version. Though there was a main effect of preparation on content criteria for the free reports, validity of criteria was not impaired by preparation. Furthermore, ARJS criteria discriminated successfully between true and false accounts about events despite their differences in emotional valence.

Finally, in a fifth study credibility ratings of judges before and after ARJS-STV-G guidance were analyzed. Naive raters achieved 51.1% correct lie/truth judgments for the interviews which did not differ from chance. In contrast, their accuracy for the interviews was above chance after ARJS guidance (61.9%). This improvement was primarily due to an enhanced accuracy for truthful interviews after guidance, while accuracy for invented interviews remained unaffected. ARJS guidance also enhanced a truth bias, that is a general tendency to judge accounts as credible, which characterized judges already before guidance.