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Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-54704
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/5470/


Untersuchungen zum Transfusionsbedarf bei kieferorthopädisch-chirurgischen Eingriffen unter Berücksichtigung individueller Patientenparameter

Böttger, Sebastian


pdf-Format: Dokument 1.pdf (566 KB)

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Zentrum für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde, Klinik und Poliklinik für Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie
Fachgebiet: Zahnmedizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 31.01.2008
Erstellungsjahr: 2007
Publikationsdatum: 18.02.2008
Kurzfassung auf Deutsch: Zahlreiche Untersuchungen haben sich in den vergangenen Jahren mit der Fragestellung nach der Notwendigkeit einer präoperativen Eigenblutspende vor dysgnathiechirurgischen Eingriffen befasst. Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes und den Richtlinien der Bundesärztekammer muss ein Patient, sofern die Wahrscheinlichkeit einer Transfusion größer als 10 % ist, auf die Möglichkeit einer präoperativen Eigenblutspende hingewiesen werden. Im Rahmen dieser Untersuchung sollte diese Thematik durch die Aufstellung einer Transfusionsbedarfsliste auch in Gießen analysiert werden. Zudem sollte das Transfusionsverhalten geprüft, sowie der Zusammenhang zwischen Patientenvariablen bzw. operativen Variablen und dem Blutverlust untersucht werden. Gemäß den Empfehlungen der Bundesärztekammer und des Bundesministeriums für Gesundheit und soziale Sicherung wurde eine Transfusionsbedarfsliste anhand der im Zeitraum von 1997 bis 2005 am Universitätsklinikum Gießen operierten Patienten erstellt. Anhand von Geschlecht, Gewicht, Körpergröße und dem präoperativen Hämatokrit wurde für jeden Patienten der maximale Blutverlust, der noch ohne eine Transfusion zu tolerieren gewesen wäre, berechnet. Dieser wurde mit den tatsächlich durchgeführten Transfusionen sowie dem operativen Blutverlust (geschätzt und berechnet mit einer Standardprozedur) und dem niedrigsten Hämatokrit ins Verhältnis gesetzt.

Die Transfusionsrate unter Einbeziehung der autologen Konserven lag mit insgesamt 80 % bei den bimaxillären Umstellungsosteotomien und 60 % bei den maxillären Osteotomien höher als in anderen Untersuchungen. Eigenblutspender wurden deutlich häufiger transfundiert als Nicht-Eigenblutspender. Die Durchführung der Spenden führte zu einer signifikanten Absenkung des präoperativen Hämatokrits (p < 0,01). Der geschätzte und der berechnete Blutverlust zeigten eine signifikante Korrelation mit einem Koeffizienten von 0,63 nach Spearman (p < 0,01). Der Median des berechneten Blutverlustes lag jedoch besonders bei den bimaxillären Operationen mit 2129 ml höher als der geschätzte Blutverlust mit 1300 ml. Eine rechnerische Überschreitung des individuell zulässigen Blutverlustes trat bei diesen Operationen sowohl durch den berechneten (41,5 %) als auch durch den geschätzten Blutverlust (8,5 %) deutlich seltener auf als die Transfusion von Blutprodukten (80 %). Bei niedrigen zulässigen Blutverlusten traten transfusionstriggernde Laborwerte signifikant häufiger auf (p < 0,05). Transfusionen hingegen wurden bei niedrigen zulässigen Blutverlusten nicht signifikant häufiger durchgeführt, obwohl in diesen Fällen der operative Blutverlust signifikant häufiger über dem individuell zulässigen Blutverlust lag (p < 0,01). Eine zusätzliche Transplantation von Beckenkammknochen führte zu einer signifikanten Erhöhung des Blutverlustes (p<0,05).

Der retrospektive Vergleich zwischen zulässigem und tatsächlichem Blutverlust deutet darauf hin, dass die Transfusionsrate in Hinblick auf die gültigen deutschen Richtlinien deutlich gesenkt werden kann. Die regelmäßige Verfügbarkeit von Eigenblut führte offensichtlich zu einer liberaleren und verfrühten Gabe der autologen Konserven, die im Vergleich zu anderen Untersuchungen eine relativ hohe Transfusionshäufigkeit bedingte. Da bei den bimaxillären Operationen im Gegensatz zu den monomaxillären Eingriffen sowohl die Transfusionshäufigkeit der Nicht-Eigenblutspender als auch die Häufigkeit von transfusionstriggernden Laborwerten oberhalb des Grenzwertes von 10 % lagen, wird den Patienten vor bimaxillären Operationen auch weiterhin eine präoperative Eigenblutspende angeboten. Die Analyse zeigt jedoch, dass die individuellen Patientenparameter (Geschlecht, Körpergröße, Gewicht und Hämatokrit) dabei berücksichtigt werden sollten, da sie einen signifikanten Einfluss auf das Transfusionsrisiko haben. Nach dieser Untersuchung kann bei einem maximal zulässigen Blutverlust von 3000 ml oder mehr auch bei bimaxillären Operationen auf die Anwendung der Eigenblutspende verzichtet werden.
Kurzfassung auf Englisch: Numerous studies have dealt with the need of autologous blood donations in orthognathic surgery. According to a judgment of the German Supreme Court and the guidelines of the German medical association a patient, provided that the likelihood of a transfusion is higher than 10 %, must be informed of the possibility of a pre surgical autologous blood donation. By ascertaining a transfusion-requirement-list, we tried to analyze this topic at the university hospital in Gießen. Furthermore, the transfusion behaviour was investigated and coherences between patient variables and operative variables on the transfusion risk were tested respectively. According to the guidelines of the German medical association and the German Federal Ministry of Health and Social Security we determined a transfusion-requirement-list for patients, who underwent orthognathic surgery between 1997 and 2005. The maximal allowable blood loss, which would have still been tolerable without a transfusion, was calculated from gender, size, weight and the preoperative hematocrit values. For every surgery we determined the maximal tolerable blood loss, the surgical blood loss (estimated and calculated with a standard procedure), the transfusion frequency and the lowest hematocrit value.

The transfusion rate including the autologous units lay with a total of 80 % for the bimaxillary and 60 % for the maxillary osteotomies higher than in other studies. Patients who predeposited blood were more often transfused than other patients. Predeposition resulted in a significant decrease of the preoperative hematocrit (p<0.01). The estimated and the calculated blood loss showed a highly significant correlation with a coefficient of 0.63 according to Spearman (p < 0.01). Especially for bimaxillary osteotomies the median of the calculated blood loss was with 2129 ml higher than the median of the estimated blood loss with 1300 ml. An arithmetic exceeding of the individual allowable blood loss for these surgeries appeared by the calculated (41.5 %) as well as by the estimated blood loss (8.5 %) more rarely than the event of transfusion (80 %). For low allowable blood losses a transfusion trigger occurred significantly more often (p < 0.05). However transfusions for low allowable blood losses were not carried out significantly more often, although in these cases the surgical blood loss lay significantly more often above the individually allowable blood loss (p < 0.01). A conducted iliac bone harvest resulted in a higher blood loss (p<0.05).

The retrospective comparison between allowed and surgical blood loss points to the fact that the transfusion rate can be clearly reduced in view of the valid German guidelines. The regular availability of autologous units in maxillary and bimaxillary surgeries led obviously to a more liberal and premature application of the autologous blood. This caused a relatively high transfusion frequency in comparison to other studies. Because in double jaw surgery in contrast to single jaw surgery the transfusion frequency of the patients who did not predeposited blood as well as the frequency of transfusion triggers lay above the threshold of 10 %, patients are still offered preoperative autologous blood donation before double jaw surgery. Nevertheless, our analysis shows that the individual patient parameters (gender, body height, weight and hematocrit) should be considered, because they have a significant influence on the transfusion risk. According to this analysis abandonment of routine predepositing of autologous blood is also justified in double jaw surgery when the allowable blood loss exceeds 3000 ml or more.