Giessener Elektronische Bibliothek

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Musik der Skinheads und ein Gegenpart: die "Heile Welt" der volkstümlichen Musik

Weitere Beteiligte (Hrsg. etc.): Rösing, Helmut
Arbeitskreis Studium Populärer Musik


Originalveröffentlichung: (1994) Baden-Baden: CODA-Verlag


Mechthild von Schoenebeck: "Wenn die Heidschnucken sich in die Äuglein gucken..." Politische Inhalte des volkstümlichen Schlagers
Hanns-Werner Heister: "Volkstümliche Musik" zwischen Kommerz, Brauchtum und Politik
Erika Funk-Hennigs: Über die Rolle der Musik in der Alltagskultur der Skinheads.


Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-51639
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2008/5163/

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Fachgebiet: Musikwissenschaft / Musikpädagogik
DDC-Sachgruppe: Musik
Dokumentart: Buch (Monographie)
Zeitschrift, Serie: Beiträge zur Popularmusikforschung ; 13
Sprache: Deutsch
Erstellungsjahr: 1994
Publikationsdatum: 07.01.2008
Kurzfassung auf Deutsch: Wundersame ebenso wie verheerende Wirkungen sind Musik zu
alien Zeiten und immer wieder nachgesagt worden, Seit den
Gewaltüberfällen auf Ausländer- und Asylantenhelme steht die
01-Musik der Skinheads auf dem Index. Sie sei, so Wolfgang
Leuschner vom Frankfurter Sigmund-Freud-Institut, destruktiv, stelle
eine Art von "psychologischer Bewaffnung" dar und diene als
gezielt eingesetztes Mittel dem "Tabubruch". In dem Film
"Apocalypse Now" allerdings fungiert Wagners Walkürenritt als
Fanal des Angriffs, und zur Zeit des Nationalsozialismus sollten
Märsche, Kampflieder und Durchhalteschlager die rechte
Gesinnung in des Wortes doppelter Bedeutung fördern. Keine
Frage, das Phänomen, um das es hier geht, hat eine
weitreichende historische Dimension.
Bezogen auf die "Alltagskultur der Skinheads" ist es ein
Hauptanliegen von Erika Funk-Hennigs, an Stelle einer
pauschalislerenden Verurteilung erst einmal Verständnis
gegenüber der Lebenswelt dieser rechtsorientierten Jugendlichen
zu schaffen, von denen neuesten Analysen zufolge knapp 40
Prozent gewalttätig sind. Die Dekonstruktion von Individuen und
das Schaffen von normativen Gruppenzwängen erfolgt mit der
Hilfe ritualisierter Handlungsabläufe. Vor allen die rechtsradikalen
Texte spielen hier eine zentrale Rolle für die situative Entwicklung
von Gewaltbereitschaft, In Verbindung mit Alkohol und durch das
gemeinsame Singen (zumindest im Refrain) können sie wie eine
Droge wirken.
Eine milde Droge sind demgegenüber die volkstümliche, besser
"volkstümelnde" Musik und der seit Mitte der 80er Jahre sich zunehmender
Publikumsgunst erfreuende volkstümliche Schlager.
In den Fernsehprogrammen wird er auf die besten Sendezeiten
plaziert, 124 mal im Jahr 1991, mit immer noch steigender
Tendenz. Hier wird - ganz anders als bei den Skinheads -
Realitätsflucht betrieben: Liebe, Heimat, Natur, Religiosität gelten
als echte, wahre Werte, Sie sind, wie Mechthild von Schoenebeck
an ausgewählten Beispielen belegt, im musikalischen "Heile-Welt-
Idiom" ausgeterzt und in technischer Perfektion auch visuell
inszeniert.
Als "Modellfall" für Formelhaftigkeit und Nicht-Individualität
analysiert Hanns-Werner Heister den Erfolgsschlager "Patrona
Bavariae" des Naabtal-Duos und interpretiert ihn im Sinne von
reaktionärer politischer Besetzung und Indienstnahme. Hier, in
diesem reaktionären Potential, liegt ein gemeinsamer Nenner von
Skinhead-Musik und ihrem vermeintlichen Gegenpart, der
volkstümelnden Musik. Mit einem grundlegenden Unterschied
allerdings: An die Stelle von Aggression tritt Regression. Als
mögliche Alternative stellt Heister den Wiener Liedermacher Rudi
Burda vor, dessen unbekümmerte und gegen den Strich des
Erwarteten gebürstete Aneignung der verschiedenen Stile
traditioneller populärer Musik zum Nachdenken, Überdenken,
Mitdenken auffordert.
Schöner noch, so Burda, wäre das Handeln, aber dazu müsse
"mehr erfunden werden als eine Handvoll Lieder".
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