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Untersuchung der Stressreagibilität verschiedener psychoimmunologischer Parameter bei Patienten mit chronischer Urtikaria

Grosse Kreymborg, Nicole


Originalveröffentlichung: (2007) Giessen : VVB Laufersweiler 2007
pdf-Format: Dokument 1.pdf (1.384 KB)

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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Medizinisches Zentrum für Psychosomatische Medizin, Institut für Medizinische Psychologie
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Zeitschrift, Serie: Edition scientifique
ISBN / ISSN: 978-3-8359-5213-7
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 11.09.2007
Erstellungsjahr: 2007
Publikationsdatum: 23.11.2007
Kurzfassung auf Deutsch: Die Urtikaria ist eine der zwanzighäufigsten dermatologischen Erkrankungen und
macht etwa 3% des Patientengutes einer Hautarztpraxis aus.
Bekannt sind u. a. (auto-)immunologische Pathomechanismen sowie nichtimmunologische
Faktoren, die zu einer direkten Mastzellstimulation führen, aber
auch z.T. über eigenständige vasodilatative und exsudative Fähigkeiten verfügen.

Trotz dieser Erkenntnisse ist ein eindeutiges ätiologisches und pathogenetisches
Verständnis der Urtikaria noch nicht gegeben. 30-40% der Urtikariapatienten weisen
eine chronisch idiopathische Form auf. Seit Jahrzehnten wird auch immer wieder
eine psychosomatische Genese, zumindest eine Verschlechterung der bestehenden
Symptomatik durch Stress und/oder sog. Life events diskutiert.
Ausgangspunkt dieser Arbeit war es, Urtikariapatienten und hautgesunde
Kontrollpersonen einer psychologischen Stressbelastung auszusetzen. Davor,
während und anschließend wurden die Parameter Kortisol im Speichel, das
Differentialblutbild, Tryptase, eosinophiles cationisches Protein (ECP), intrazelluläres
Adhäsionsmolekül (ICAM 3), löslicher Interleukin 2-Rezeptor (sIL-2) und
Immunglobulin E (IgE) gemessen. Hierfür wurden 39 Patienten mit einer chronischen
Urtikaria sowie 39 hautgesunde Probanden in Alter und Geschlecht sich
entsprechende Kollektive aufgenommen. Unter standardisierten Bedingungen mittels
des Trierer Sozial Stress Testes (TSST) wurde jedem Probanden zu drei
Messzeitpunkten Blutproben und zu sieben Messzeitpunkten Speichelproben
entnommen und analysiert. Des Weiteren wurde das Patientenkollektiv anhand eines
Anamnesefragebogens und der Angaben zur Hautsymptomatik am Tag nach dem
Stressexperiment in Untergruppen unterteilt und auf Gruppenunterschiede
untersucht.

Zwischen dem Patientenkollektiv und der Kontrollgruppe gab es hinsichtlich der
soziodemographischen Daten keine wesentlichen, die Stressreagibilität
beeinflussenden Unterschiede.
Hinsichtlich der Untersuchung des Schweregrades der Urtikaria korrelieren die
Symptome Juckreiz und Befall sowie Juckreiz und Rötung. Als Nachweis aktivierter
eosinophiler Granulozyten kommt es auch zu einer Korrelation zwischen einer hohen
ECP-Konzentration und Juckreiz bzw. Rötung. Unklar blieben die Korrelation
zwischen einigen Blutbildparametern wie Hämoglobin (Hb), Hämatokrit (Hkt),
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mittleres korpuskuläres Volumen (MCV), mittleres korpuskuläres Hämoglobin (MCH),
Erythrozyten und Thrombozyten und der kutanen Beschwerden, die sich nicht auf
gängige pathophysiologische Modelle zurückführen lassen.
Die Validität unseres Stressors zeigte sich sowohl im Patienten-, als auch im
Kontrollkollektiv durch entsprechende Veränderung der stresssensitiven Parameter
Herzfrequenz (HF), Blutdruckwerte (RR) und des Kortisols im Speichel sowie der
subjektiven Selbsteinschätzung. In der Kontrollgruppe lagen die Kortisolwerte
konstant über dem Mittelwert der Urtikariapatienten. Unterschiede in den Kollektiven
fanden sich in der subjektiven Selbsteinschätzung zu Anspannung und Nervosität.

So waren die Urtikariapatienten signifikant angespannter und nervöser. Dies kann für
eine deutlich größere Erwartungshaltung der Patienten sprechen. Auch andere
Parameter wiesen in beiden Kollektiven eine Stressreagibilität auf. In der
vorliegenden Arbeit wurden keine Unterschiede zwischen den Urtikariapatienten und
den hautgesunden Probanden gefunden.
In der Betrachtung des Patientenkollektivs wiesen die Patienten mit einer
Quaddelsymptomatik, die länger als 24 Stunden andauert, einen signifikant höheren
Spiegel der ECP-Konzentration bei der ersten Blutentnahme auf, als die Patienten,
deren Quaddeln sich innerhalb von 24 Stunden zurückbilden. Möglicherweise
könnten die chemotaktischen Fähigkeiten einiger Mastzellmediatoren, welche
insgesamt die Entzündungsreaktion unterstützen, vor allem bei Patienten mit
längerer Quaddelsymptomatik, zu einer erhöhten Anzahl an eosinophilen
Granulozyten in der Haut und somit zu einer höheren ECP-Konzentration führen.

Durch eine weitere Unterteilung des Patientenkollektives anhand der Häufigkeit der
Quaddelsymptomatik (täglich, mehrfach wöchentlich, mehrfach monatlich und
seltener) ließ sich bei Patienten mit täglicher Symptomatik die Angabe einer
stärkeren Hautrötung finden. Dies könnte für eine größere Anzahl an aktivierten
Mastzellen und weiteren Entzündungszellen in der Haut sprechen. Die in der
Literatur zu findende erhöhte ECP-Konzentration bei Patienten mit täglichen
Quaddeln konnte in unserer Arbeit nicht nachgewiesen werden. Auch in diesen
Untergruppen fand sich nicht nur bei den vegetativen Parametern und beim Kortisol,
sondern auch beim ECP und der Tryptase eine Stressreagibilität. Nur bei den
Blutbildparametern MCV und MCH zeigte sich ein Gruppenunterschied. So lagen die
Konzentrationen in der Gruppe mit täglicher Symptomatik unter den Konzentrationen
der anderen Patienten. Spekulativ betrachtet könnte es sich um einen Effekt der

Eisenumverteilung bzw. -mangel wie bei chronischen Erkrankungen handeln. Die
tägliche Symptomatik wirkt hier wie ein chronischer Stressor. Durch die
kontinuierliche Entzündungsaktivität kann es über entsprechende Zytokinaktivierung
zu einer Stimulation des hämopoetischen Systems kommen und durch vermehrten
Eisenbedarf bilden sich letztlich hypochrome, mikrozytäre Erythrozyten. Weitere
Blutbildparameter wie Erythro-, Leuko-, Lympho- und Thrombozyten sowie Hb, Hkt,
MCHC zeigten erneut eine Stressreagibilität in allen Untergruppen. Hier wären
weitere Untersuchungen zur Einordnung und Verifizierung unserer Ergebnisse
notwendig.

In einer weiteren Betrachtung des Patientenkollektivs zeigte sich, dass die
Probanden mit Befallzunahme am Folgetag in ihrer subjektiven Einschätzung
signifikant belasteter waren. Dies könnte damit erklärt werden, dass bereits eine
Verschlechterung der Symptomatik durch den Stresstest erwartet wurde. Es bestand
kein signifikanter Unterschied der Gruppen hinsichtlich der Häufigkeit der
Urtikariasymptomatik. Damit kann die Befallzunahme nicht nur auf eine tägliche
Quaddelbildung zurückgeführt werden.
Insgesamt konnte in unserer Arbeit die Stressreagibilität einiger Urtikaria-relevanter
Parameter gezeigt werden, jedoch ohne gravierende Unterschiede zu den
hautgesunden Probanden. Für die genauere Betrachtung einiger Parameter scheint
jedoch die erfolgte serologische Bestimmung nicht ausreichend zu sein (s. Kapitel
6.7).

Eine Einteilung der Urtikariapatienten in stressresponder oder non-responder bereits
mit Hilfe der Angaben im Anamnesebogen vornehmen zu können, ist nach den
Ergebnissen unserer Arbeit nicht möglich.
Leider fehlen in der Literatur vergleichbare Untersuchungen zur Urtikaria, so dass
eine Einordnung und Bewertung unserer Daten nicht immer erfolgen konnte.
Kurzfassung auf Englisch: In Germany urticaria is under the top 20 dermatologic diseases and patients with
urticaria represent about 3% of all patients administered to dermatological treatment.
There are (auto-)immunologic mechanisms and non-immunologic factors known in
the pathogenesis of urticaria, which cause direct mast cell stimulation as well as mast
cell independent vasodilatation and exudation.
Despite these cognitions a definite etiologic and pathogenetic understanding of
urticaria is not yet given. About 30-40% of all patients suffer from the chronic
idiopathic form of urticaria. In the last decades a psychosomatic genesis, at least the
aggravation of the symptoms under stress and/or due to so called life events, are
discussed.
The basic principle of our thesis was to put individuals, afflicted with chronic urticaria
and healthy subjects, under psychological stress. Parameters such as salivary
cortisol, differential blood count, tryptase, eosinophilic protein (ECP), intracellular
adhesion molecule (ICAM 3), soluble interleucin 2 receptor (sIL-2R) and
immunoglobin E (IgE) were determined. Therefore we matched the 39 patients with
the 39 healthy controls in pairs similar in age and gender. Under standardised
conditions defined by the Trierer Social Stress Test (TSST), we collected blood
samples from every test person at three times and saliva samples at seven times.
Furthermore the participating urticaria patients were grouped, corresponding to their
answers in the urticaria anamnesis questionnaire and their information about the
dermal symptoms on the following day.

Between the urticaria patients and the healthy controls was no significant difference
concerning to the sociodemographic data.
Our clinical results show the intensity of pruritus correlates with skin affliction and
pruritus with redness. As an evidence of activated eosinophil granulocytes we found
a correlation between a high ECP-concentration and pruritus and redness
respectively. The further correlations between some parameters of the blood count
(hemoglobin (Hb), hematocrit (Hkt), main cell volume (MCV), mean corpuscular
haemoglobin (MCH), erythrocytes thrombocytes) and the cutaneous symptoms could
not be explored by current pathophysiologic methods and need further exploration.
The data of the stress sensitive parameters heart rate, blood pressure, selfassessment
and salivary cortisol showed the validity of our stressor. The values of

the salivary cortisol were slightly altered in the control group but no significance is
found. Butt he urticaria patients were significantly more nervous and strained, which
might demonstrate an increased expectancy and mental tension. Further parameters
showed stress reactivity but no significance between the urticaria patients and the
healthy subjects is found.
Within the cohort of urticaria patients a significant higher concentration of ECP in the
first blood withdrawal was found in the subgroup of patients with persisting hives
lasting longer than 24 hours, compared to the patients with restitution of hives within
24 hours. An explanation could be that chemotactic ability of some mast cell
mediators, which support the inflammation, lead to higher number of eosinophil
granulocytes in the skin of patients with long-lasting hives and thereby to a higher
ECP-concentration in the serum.

After dividing urticaria patients in subgroups, with regard to the incidence of the skin
affliction (daily, several times weekly, several times monthly and more rarely), in the
subgroup of patients with „daily affliction“ the information of severe redness was
noticeably often described. An explanation could be higher activation of mast cells
and further inflammation cells in skin of these individuals. A higher ECPconcentration
in the blood of patients with daily affliction, which has been described
in earlier studies, was not found in our data.
Not only the vegetative parameters and the salivary cortisol but also the ECP and
tryptase showed stress reactivity. Only the blood count parameters of MCV and MCH
showed a difference between the subgroups. The patients with daily affliction
presented the lowest concentration. This might be due to iron deficiency or
redistribution of iron, which can occur in chronic diseases. The daily symptomatic
acts like a chronic stressor. The continuous inflammation might stimulate the
hemopoetic system via appropriate cytokine activation and due to the increased iron
need the erythrocytes are hypochromic and microcytic. Other blood count
parameters like erythro-, leuco-, lymphocytes, platelets, Hb, Hkt and mean
corpuscular haemoglobin concentration (MCHC) showed stress reactivity in all
subgroups. Further investigation is needed.
The urticaria patients suffering from skin affliction the day after the examination were
significantly more nervous and strained, than the patients without affliction. Maybe
patients suffering from skin affliction have already suspected an aggravation after
stress test.


There was no significant difference between the two groups regarding the incidence
of skin affliction. For this reason the skin affliction the following day could not only be
referred to a daily symptomatic.

In conclusion our data demonstrate a stress reactivity of some parameters, which
may play a critical role in the pathogenesis of urticaria. However in comparison to the
healthy subjects, we found only mild differences, so further investigations are
needed.

The classification of the urticaria patients in stress-responder and non-responder on
the basis of the anamnesis questionnaire is, in regard to our data, not possible.

Due to a lack of data addressing the urticaria stress response we were not able to
put our results into context and therefore strongly recommend further approaches in
this field of research.