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Vorurteile gegenüber Minderheiten in Deutschland : ausgewählte Erklärungsansätze und empirische Analysen repräsentativer Daten

Prejudice in Germany. Theories and empirical analyses of representative data

Heyder, Aribert


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Autoritarismus , Soziale Dominanz , Vorurteile , Ethnozentrismus , Antisemitismus
Freie Schlagwörter (Englisch): authoritarianism , social Dominance , prejudice , ethnocentrism , anti-Semitism
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Politikwissenschaft
Fachgebiet: Soziologie
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 30.08.2006
Erstellungsjahr: 2005
Publikationsdatum: 02.10.2006
Kurzfassung auf Deutsch: Diese Dissertationsschrift befasst sich mit der theoretischen Erklärung und empirischen Analyse, warum bestimmten gesellschaftlichen Minderheiten in Deutschland mit Vorurteilen vonseiten der deutschen Mehrheitsgesellschaft begegnet wird. Hierzu werden zwei in der Vorurteilsforschung zentrale Theorien herangezogen, die Theorie der Autoritären Persönlichkeit und die Soziale Dominanz Theorie und auf ihre Erklärungskraft im Hinblick auf Vorurteile und die verwandten Vorurteilskonzepte des Ethnozentrismus und des Syndroms Gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit (GMF) empirisch untersucht. Aufgrund der im Kontext von Autoritarismus (Right-Wing Authoritarianism, RWA) und sozialer Dominanzorientierung (SDO) vorzufindenden Studien, welche fast ausschließlich studentische Stichproben verwenden, wird das Lebensalter in die Analysen einbezogen, um differenziertere Aussagen über die Zusammenhänge zwischen den Prädiktoren RWA bzw. SDO und Vorurteilen machen zu können. Da die Höhe der Schulbildung in der internationalen Vorurteilsforschung einen der stärksten Prädiktoren von Vorurteilen darstellt, diese jedoch meist nur als ‘demografische Variable’ fungiert, wird ein differenziertes Bildungskonzept vorgestellt. Dem im deutschen Kontext besonders intensiv analysierten und historisch betrachtet wohl ältesten Vorurteil Antisemitismus widmet sich ein eigener Beitrag. Alle verwendeten Daten stammen aus repräsentativen Umfragen der Jahre 1996, 2003 und 2004.
Die wichtigsten Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen. Wie postuliert konnte fest gestellt werden, dass je niedriger das Schulbildungsniveau und je höher das Lebensalter ist, autoritäre wie auch ethnozentrische Sichtweisen zunehmen. Deskriptiv zeigte sich insgesamt, dass nur für die Items zum Antisemitismus und zur Ausländerdiskriminierung größere Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland bestanden. Antisemitische Ressentiments waren nach diesen Daten im Westen Deutschlands stärker verbreitet als im Osten. Tendenzen zur Ausländerdiskriminierung traten hingegen in Ostdeutschland häufiger auf als im Westen der Republik. Mit der Höhe der autoritären Einstellung nahm in beiden Teilen Deutschlands das Ausmaß des Ethnozentrismus zu. Dieser Zusammenhang war für den Westen etwas höher als für den Osten Deutschlands. Je stärker der Ethnozentrismus einer Person, desto ausgeprägter sind die Ausländerdiskriminierungstendenz, der Antisemitismus sowie der Nationalstolz.
Die konzeptionelle Trennung zwischen SDO und RWA für die deutsche Stichprobe als auch für fünf Gruppen unterschiedlichen Alters konnte empirisch nachgewiesen werden. Die Korrelationen zwischen den beiden Konstrukten lagen in Deutschland jedoch bedeutend höher als in anderen Studien. Diese und weitere Befunde lassen sich als empirischer Nachweis von Unterschieden zwischen nordamerikanischen und europäischen Gesellschaften interpretieren, wie es bereits Duckitt formuliert hat. Ferner geht er davon aus, dass der Zusammenhang zwischen SDO und RWA mit der Höhe des Alters zunimmt, weil die Individuen im späten Adoleszenz- und frühen Erwachsenenalter politisch sozialisiert werden. Die vorliegende Studie kann diesen Alterseffekt und die damit verbundene Erklärung von Duckitt nicht bestätigen.
Insgesamt bleibt bezüglich des vorgelegten Bildungskonzeptes festzuhalten, dass entgegen den theoretischen Annahmen die beiden Faktoren der Empathie und Perspektivenübernahme in keinem signifikanten Zusammenhang mit dem Bildungsniveau standen. Dies galt auch für die Leistungsorientierung. Mittlere bis höhere Koeffizienten zeigten sich für die Vorhersage von Konformität, kognitiven Fähigkeiten und sozialem Status. Mit Ausnahme der Perspektivenübernahme trugen alle Faktoren zur Erklärung verschiedener GMF-Einstellungen bei. Der Effekt der Schulbildung konnte durch die Einbeziehung der bildungsrelevanten Komponenten um bis zu 50 % reduziert werden.
In der Studie über Antisemitismus konnte empirisch nachgewiesen werden, dass eine israelkritische Einstellung nicht zwangsläufig mit Antisemitismus gleichzusetzen ist. Wenn sich jedoch die Kritik an der Politik Israels z.B. antisemitischer Vorurteile bedient oder die Kritik auf Juden generell überträgt und damit Juden pauschal für die Politik Israels verantwortlich macht, ist diese auch als antisemitisch zu bezeichnen. Diese Formen von ‘Israelkritik’ standen in eindeutigem Zusammenhang mit klassischem Antisemitismus.
Kurzfassung auf Englisch: This thesis deals with the theoretical explanation and empirical analysis of different kinds of prejudices in Germany. Two theories, central in the field of research about prejudice, are taken into account, the Authoritarian Personality and the Social Dominance Theory. Their explanatory power is analysed with reference to the dependent construct of prejudice and similar prejudicial concepts like ethnocentrism and group-focused enmity (GFE). In the context of empirical analyses about right-wing authoritarianism (RWA) and social dominance orientation (SDO), most studies have used student samples instead of representative samples. Therefore, differentiated empirical analyses about age are integrated to show age-dependent relationships between RWA, SDO and different types of prejudices.
Furthermore, the level of school education as one of the most powerful predictors for prejudices in the international research is taken into account. In contrast to several studies using education as a simple ‘demografic variable’, this empirical study presents a differentiated concept about education dealing with different aspects which are depending on the level of education.
In Germany, anti-Semitism as one kind and may be historically viewed oldest prejudice plays a special role in the background of German history and is intensively analysed by researchers. Especially in the last years, a public debate took place about the difference between anti-Semitism and criticism of Israel. This question is empirically analysed in the last chapter of this thesis. All studies presented here use representative samples from Germany, ascertained in the years 1996, 2003 and 2004.
The most important results are as follows. The higher the age and the lower the level education of the respondents, the higher are the levels of RWA and ethnocentrism. With reference to East and West Germany, larger differences were only found for the Items of Anti-Semitism and discrimination against foreigners. Tendencies for Anti-Semitism are more widespread in West Germany, whereas discrimination against foreigners can be found more frequent in East Germany. The higher the level of RWA , the higher ethnocentric attitudes are expressed, which was valid for both, East and West Germany. This empirical relationship was somewhat stronger in West Germany than in East Germany. The higher the level of ethnocentrism, the higher are the extents of discriminationa against foreigners, anti-Semitism and national pride.
The empirical distinction between RWA and SDO was confirmed for the whole German sample and for the samples of five different groups of age. The correlations between the two constructs were much higher in comparison to other studies, especially from the U.S.A. These and other results give ground for the evidence about differences between north American and European societies, like Duckitt has already formulated. Furthermore, he argues that the strength of the empirical relationship between RWA and SDO is increasing with the level of age, because individuals are politically socialized during late adolescence and early adulthood. The hypothesis about such an age effect was not confirmed here.
Concerning the study about the concept of education, some of the postulated hypotheses were not confirmed. Empathy and perspective taking as components of social competence had no significant relationships with the level of education. Stronger coefficients were found for the constructs of conformity (-), cognitive abilities (+), and social status (+) predicted by education. With the exception of perspective taking, all the constructs explained several of the different prejudicial attitudes of GFE. By taking the additional education relevant constructs into account, the original effects of school education on prejudices were reduced by almost 50 percent.
The study about anti-Semitism showed empirically that a critical attitude towards Israel is not to be set equal to anti-Semitism in any case. To answer this question, different facets of anti-Semitic attitudes like ‘secondary anti-Semitism’, ‘Israel-focused anti-Semitism’, ‘anti-Semitic separation’, and ‘Nazi analogy’ were analysed. Only if the critique towards Israel transports classical anti-Semitic prejudices, makes comparisons between the Third Reich and Israel or transform the critique to all Jews and makes them responsible for the politics of Israel in general, it is detected to be anti-Semitic motivated. All these kinds of an ‘Israel critical attitude’ showed clear empirical relationships to classical anti-Semitism.