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URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2006/3427/


Gegendiskurse vom Großen Bruder : Die Beziehungen des Literatursystems DDR zur Sowjetunion 1961-1989

Walenski, Tanja


pdf-Format: Dokument 1.pdf (2.089 KB)

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Freie Schlagwörter (Englisch): Literatur , DDR , Sowjetunion , Tauwetter , Glasnost
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Germanistik
Fachgebiet: Germanistik
DDC-Sachgruppe: Deutsche Literatur
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 13.07.2006
Erstellungsjahr: 2006
Publikationsdatum: 29.08.2006
Kurzfassung auf Deutsch: Die Arbeit versucht die Frage zu beantworten, warum das Literatursystem DDR 1961-1989 in bestimmten literarischen Handlungen dem Kurs des Großen Bruders Sowjetunion nicht gefolgt ist. Trotz der Verbindlichkeit der sowjetischen Kulturpolitik fängt das ostdeutsche System die Impulse des Tauwetters in den 1960er Jahren und von Glasnost/Perestrojka seit 1985 weitgehend ab. Verbindet sich mit ihnen in der SU eine strukturelle Entstalinisierung, d.h. eine partielle Liberalisierung und Modernisierung, so findet in der DDR eine Auseinandersetzung mit dem Stalinismus und Personenkult bis zu deren Ende nicht statt, Gegendiskurse zum dominanten politischen Leitdiskurs können nicht wirksam und anschlussfähig werden: Evgenij Evtušenkos Gedicht Stalins Erben (1961) und Aleksandr Solženicyns Erzählung Ein Tag des Ivan Denisoviè (1962) werden nicht veröffentlicht. Beide Texte rühren an die Lagerthematik, die – kurz nach dem Mauerbau besonders prekär – das staatliche Legitimationskonstrukt der DDR in Frage stellt, wobei Solženicyn gar die antifaschistische Gründungslegende Buchenwald entmythisiert. Konvergieren in den 1970er Jahren im Fall Solženicyn das sowjetische und ostdeutsche Literatursystem, indem sie das Werk des Autors vollständig zensieren und auch der DDR-Schriftstellerverband wie das Neue Deutschland die Nobelpreisverleihung und ganze Person attackieren, so wird folglich nur publiziert, was das politische Primat bestätigt und stärkt. In der literarischen Handlungsrolle der Verarbeitung des Falles Solženicyn gehört dazu der Kolportage- und Schlüsselroman des DDR-Schriftstellers Harry Thürk Der Gaukler (1978), der in einer Auflage von einer Viertelmillion Exemplare massenwirksam wird. Die Gedichte und Prosatexte für und über Solženicyn von Reiner Kunze, Deutschland Deutschland (1968), Rede auf Rußland (1969), 8. Oktober 1970 (1970) sowie Literaturunterricht und Gefangen (beide 1976), erhalten hingegen durch ihr kritisch-subversives Wirkungspotential keine Druckgenehmigung in der DDR. Auch der junge sowjetische Lyriker Evgenij Evtušenko wird trotz seiner internationalen Auftritte in den 1960er Jahren nicht in die DDR eingeladen, weil er den Aufbruch und Ausbruch, die Moderne und das Weltbürgertum, politisches Engagement und historische Verantwortung verkörpert, mit seinen Lesungen ein spezifisches Diskurspotential und Öffentlichkeit generiert und wiederholt, auch in der Zeit, für ein wiedervereinigtes Deutschland plädiert. Während des Tauwetters wird Franz Kafka zwar in beiden Literatursystemen als „dekadent“ eingestuft, doch gilt die sowjetische Haltung gegenüber dem Autor als „elastischer“ als in der DDR. Nicht nur liest man den Roman Der Prozeß in der SU inoffiziell als Antizipation des Stalinismus; 1963 wird auch die darin enthaltene Parabel Vor dem Gesetz publiziert und „reist“ von dort, typographisch getarnt in einem literaturwissenschaftlichen Text, als erste Primärpublikation Kafkas in die DDR „ein“. Die Kommunikationsstrukturen, die restriktive Editionspolitik gegenüber sowjetischer Literatur und die dogmatische Haltung zur westlichen literarischen Moderne in der DDR – sie stoßen bei der internationalen COMES-Tagung 1963 in Leningrad und beim Sozialistischen Colloquium 1964 in Ost-Berlin immer wieder auf Kritik, auch von Seiten Ilja Fradkins und Franz Leschnitzers: Die DDR, so ein sowjetischer Kritiker, sei „päpstlicher als der Papst“. Geht das ostdeutsche System in den 1970er Jahren trotz der Mitgliedschaften in der COMES und im internationalen PEN – Präsident ist der Solženicyn-Freund Heinrich Böll – zunehmend auf Weltdistanz, so unterliegt die DDR-Führung seit Mitte der 1980er Jahre auch einer „katastrophalen Fehleinschätzung“ der Perestrojka. Gorbaèev setzt mit seinen Konzepten im sowjetischen Literatursystem Autonomisierungsprozesse in Gang, zu denen 1987 auch Daniil Granins biographischer Roman Sie nannten ihn Ur über den im In- und Ausland renommierten Genetiker Nikolaj Timofeev-Resovskij (1900-1981) gehört. Er wird in der DDR Ende 1989 nur in niedriger Auflage publiziert, die Auslieferung wegen des ungeklärten Verhaltens des Protagonisten während der NS-Zeit „verschleppt“. Der Arbeit, die methodisch Literatur als Handlungs- und als Symbolsystem konzeptualisiert, liegen u.a. anderem Dokumente aus dem Bundesarchiv (SAPMO), dem Archiv Stiftung Akademie der Künste (SAdK) und dem Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes (MfAA) zugrunde.