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URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2006/2883/


Konstruktionen von Text, Körper und Skulptur in J. J. Winckelmanns Hermeneutik der Antike

Constructions of text, body and sculpture in J. J. Winckelmann's Hermeneutics of the Antique

Dongowski, Christina


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Freie Schlagwörter (Deutsch): J. J. Winckelmann , Geschichte der Kunstgeschichte , Laokoon , Ästhetik 18. Jahrhundert , Plastik 18. Jahrhundert
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Neuere Deutsche Literatur
Fachgebiet: Germanistik
DDC-Sachgruppe: Deutsch
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 28.06.2004
Erstellungsjahr: 2001
Publikationsdatum: 08.06.2006
Kurzfassung auf Deutsch: Winckelmann gilt - trotz regelmäßiger Versuche ihn zu entthronen - weiterhin als Begründer der Kunstgeschichtsschreibung. Seine Bedeutung als (Mit-)Schöpfer der deutschen Literatursprache ist dagegen etwas in Vergessenheit geraten. In meiner Dissertation 'Konstruktionen von Text, Körper und Skultpur in J. J. Winckelmanns Hermeneutik der Antike' werden beide Stränge der kulturwissenschaftlichen und wissenschaftsgeschichtlichen Interpretationsgeschichte zusammengeführt. Dabei gehe ich von der These aus, dass Winckelmanns kunsthistorischer Gründungsakt und die Entwicklung zum Schriftsteller und Autor sich gegenseitig bedingen. Verfolgt wird diese These anhand der zahlreichen Statuenbeschreibungen, die Winckelmann während seiner Karriere verfasste. Hier liegt ein Corpus an wissenschaftlich-ästhetischer Beschreibungsliteratur vor, das es aufgrund seiner thematischen Konstanz - Winckelmann hat sich immer wieder mit denselben Statuen auseinandergesetzt - erlaubt, die Veränderungen in der Gestaltung und Interpretation seiner ästhetischen Wahrnehmung und philologischer Ergebnisse genauer zu beschreiben.
Winckelmann begründet die Kunstgeschichte nicht deswegen als wissenschaftliche Disziplin, weil er der erste ist, der eine Kunstgeschichte schreibt. Er wurde zur kanonischen Gründungsfigur, weil er das zentrale Problem der wissenschaftlichen Kunstgeschichte auftauchen lässt: das spannungsvolle Verhältnis von ästhetischer Erfahrung und philologischer Detailforschung, von historiographischen Konzepten und ästhetischen Objekten. Winckelmanns Statuenbeschreibungen lassen sich als einer der frühesten Formulierungen des Dilemmas der wissenschaftlichen Kunstgeschichte interpretieren. Zugespitzt lautet es: Verfehlt die wissenschaftliche Beschäftigung mit der Kunst nicht die Kunst an der Kunst?
Winckelmann lässt dieses disziplinäre Grundproblem auftauchen, in dem er es löst: mit Stil. Von Beginn an ist der Stil das Merkmal des Winckelmannschen Textes, das ihn von den zeitgenössischen antiquarischen Werken unterscheidet. Für Winckelmann ist der eigene Text selbst ein ästhetischer Gegenstand, d.h. er muss denselben ästhetischen Normen genügen, denen die antiken Statuen als idealen Kunstwerken entsprechen. Begründet ist diese neue Auffassung vom richtigen antiquarischen Text im alten rhetorischen Gebot der Angemessenheit gegenüber dem Gegenstand und in einer anderen Auffassung vom Gegenstand dieses Textes: Für Winckelmann ist die antike Statue primär Verkörperung des idealen Kunstwerks und nicht mehr eine Spezialform der antiken Schriftquellen, dem klassischen Gegenstand der philologisch-antiquarischen Arbeit.
Winckelmanns quasi in innerer Anschauung gewonnene Definition der griechischen Skulptur als 'edle Einfalt und stille Größe' bildet die Grundlage für die Entwicklung eines Stil-Konzeptes, dass den römischen Statuenwald lichtet und in eine sinnvolle, ästhetische Form bringt: in die 'Geschichte der Kunst des Alterthums'. Das monolithische Ideal des Laocoons der Dresdner Schriften wird von Winckelmann anhand der drei berühmtesten Statuen des Belvedere-Hofes, dem Torso, dem Laocoon und dem Apollo Belvedere, in einen basalen Formenkanon differenziert. Die Binnendifferenzierung des Ideals ermöglicht zum einen die Errichtung einer Typologie von Körperformen und Themen (Menschen, Heroen und Halbgötter, Götter), zum anderen die Anordnung dieser Formen als einer genetischen Abfolge von Stilen (älterer Stil, hoher Stil, schöner Stil, Stil der Nachahmer). Erst Winckelmanns normatives ästhetisches Ideal erschließt den antiken Statuencorpus in Rom als antike Kunstgeschichte, in der sich das Ideal der Kunst realisiert und wieder verliert.
Dass Winckelmann mit seiner Kunstgeschichte als Stilgeschichte das Fundament zur Kunstgeschichte als Wissenschaft und hermeneutischer Methode legt, war bis weit ins 19. Jahrhundert keineswegs ausgemacht. Erst die methodischen Überlegungen von Robert Zimmermann und Alois Riegl zu einer Kunstgeschichte, in der der Kunst derselbe Stellenwert zukommt wie der Geschichte, haben Winckelmanns Kunstgeschichte auch methodisch in die moderne Kunstwissenschaft eingeführt. Ihrer Auseinandersetzung mit Winckelmann und einer idealistischen Kunstgeschichte und Ästhetik geht das letzte Kapitel der Arbeit nach.