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Erzählmerkmale und ihre Funktionen im Roman Frost von Thomas Bernhard

Lee, Ho-Kyoung


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Germanistik
Fachgebiet: Germanistik
DDC-Sachgruppe: Deutsch
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 27.07.2004
Erstellungsjahr: 2004
Publikationsdatum: 09.09.2005
Kurzfassung auf Deutsch: Diese Arbeit sollte bestimmte Merkmale des Erzählens, der Struktur des Erzählens und des Erzählstils bei Thomas Bernhard anhand von Beispielen aus dem Roman Frost aufzeigen.

Bernhards Texte gelten allgemein inhaltlich als polemisch und kontrovers. Sie sind Ausdruck einer allgemeinen Unzufriedenheit eines Erzählers bzw. des Autors selbst. Diese Unzufriedenheit drückt sich aus in immer wiederkehrenden Erzählelementen, in bestimmten gedanklichen, aber auch satztechnischen Strukturen.

In der Kritik wird Bernhard deswegen als der ewige Nörgler und Kritiker angesehen, inzwischen aber sehen einige Kritiker in diesen Hass- und Schimpftiraden auch einen humoristischen Aspekt. Die Rolle des Erzählers ist bei Bernhard nie ganz deutlich bestimmbar. Ein Ich-Erzähler ist immer Teil der Charaktere eines Textes. Bei Bernhard kann man sogar sagen, er ist der wichtigste Teil oder, noch deutlicher auf Bernhard bezogen, er ist die einzige reale Person im Text.

Die Erzählzeiten werden sprunghaft gewechselt. Erst nach einigen Sätzen wird dem Leser klar, ob er sich gerade in der Erzähl-Gegenwart oder –Vergangenheit befindet.

Der Gegenstand des Erzählens ist weitgehend die Gedankenwelt des Erzählers. Dennoch geht es auch um Ereignisse, die auf den oder die jeweiligen Erzähler eingewirkt haben. Diese Ereignisse sind Handlungen, die in der Gedankenwelt des Erzählers stattfinden.

Wesentliche Angelpunkte der Erzählung sind die Kindheit, der Tod und die Kunst sowie Politik, Staat und Gesellschaft. Neben dieser Schilderung von Realität innerhalb des Romangeschehens gibt es eine andere Ebene, die Erzählung von Gedanken, Gedankenvorgängen oder Gedankenwelten der erzählenden Personen. Bernhards Personen sind gewissermaßen 'Sinngestalten', die sich erst durch ihre Gedanken entwickeln. Diese Gedanken kreisen wesentlich um die Punkte Natur, Isolation, Denken, Wahn, Leiden, Scheitern, Verneinung und Tod.

Die Gedanken der Erzähler über das Handeln und die Gedanken anderer Personen gehen soweit, dass sich in die Rede- und Gedankenwiedergabe über andere die eigene Weltsicht schiebt. Erzähler und erzähltes Objekt werden eins. Es gibt damit nur eine alleinige Wirklichkeit: Die des erzählenden 'Ichs'.

Wahn, nicht unbedingt als krankhafte Eigenschaft, sondern vielleicht als das Phänomen einer maßlos gesteigerten Wahrnehmungsfähigkeit, wäre eine weitere, höhere Stufe der Gedankenwelt eines (Ich-) Erzählers. Die Grenze ist der Wechsel von der Rationalität zur Irrationalität bzw. von der Vernunft zur Unvernunft.
Der Erzählstil bei Bernhard ist geprägt von einem ständigen Fluss aus Gedanken und Sätzen. Einzelne Wörter dieses Flusses wie 'total', 'alles', 'immer' bilden Inseln, die immer wieder auftauchen. Wiederholungen von Gedanken, Gedankenreihen oder Wortfolgen sind ein festes Element des Stils. In Frost zeigt sich die Situation einer Beobachtung, die in die Erzählsituation eingebaut wird. In diesen beobachtenden Sequenzen des Erzählers tauchen inhaltliche Gegensätze auf, die bald an anderer Stelle umgedreht erscheinen.

Das 'Ich' versucht in ruhelosen aneinandergereihten Sätzen seine Erinnerungen zu konzentrieren. Assoziationen werden ebenso aneinandergereiht, besonders negative Verhältnisse werden assoziativ umschrieben. In Ellipsen beschränkt sich der Erzähler auf wichtige Wörter, lässt andere Satzteile dabei aus. Die Sprache wird kurz, unvollständig.

Inhaltlich zeichnet sich der Sprachstil durch Wort- und Satzübertreibungen aus, das Negative herrscht vor, und der Sprachfluss zieht sich in Fokalisierungen auf bestimmte Punkte zusammen. Nah an der Übertreibung ist die sprachliche Provokation. Der Erzähler gerät so in eine Sprachlinie, in der man feststellen könnte, dass er gewissermaßen den Überblick über seine gesamte Erzähllinie verloren hat. Der Text lebt nicht vom Aufbau oder einer zeitlichen Strukturierung, sondern es gilt nur das, was gerade im Moment erzählt wird.
Rhetorisch zeigt sich besonders die Anwendung von Symbolen, die eine Idee des Erzählers in vielfacher Ausdrucksform spiegeln. Auf sprachlicher Ebene wird ein Wort oder Begriff weitläufig konnotativ umschrieben, den steten Sprachfluss unterbrechen jedoch Anakoluthe, die den Stil umgangssprachlich erscheinen lassen. Die Vergangenheit gerät oft in den gegenwärtigen Gedankenstrom hinein, so fließen auch Vergangenheit und Gegenwart im Erzählen zusammen. Ein wichtiger Punkt ist hierbei das Sprechen über Sprache oder das Denken über Gedanken, die Metasprache oder vielleicht besser das Metadenken. Diese Gedankenfäden ordnen sich nach Mustern zusammen, die in der Sekundärliteratur oft mit musikalischen Phänomenen wie 'Motiv', 'Leitmotiv', 'Sequenz' oder 'Fugenstil' verglichen werden.

Bernhards Sprache, die Erzählerposition und Erzählerhaltung sowie sein Stil, auch in dem vorliegenden Roman Frost, heben sich damit deutlich von Prosatexten anderer Autoren ab. Wichtige Aspekte dieser Besonderheiten sollten in dieser Arbeit gezeigt werden.