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URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2005/2187/


Die kognitive Leistungsfähigkeit bei chronischem Lumbalsyndrom

Kuhnt, Oliver


pdf-Format: Dokument 1.pdf (1.346 KB)

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Chronische Rückenschmerzen , Kognitive Leistungen , Neuropsychologische Störungen , Exekutivfunktionen , Depression
Freie Schlagwörter (Englisch): Chronic Back Pain , Cognitive Functions , Cognitive Impairments , Executive Functions, Depression
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Differentielle Psychologie und Persönlichkeitsforschung
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 17.05.2005
Erstellungsjahr: 2005
Publikationsdatum: 30.05.2005
Kurzfassung auf Deutsch: FRAGESTELLUNG:

Chronische Rückenschmerzpatienten berichten häufig über Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörungen. Diese subjektiv empfundenen kognitiven Einbußen könnten zu einer Verunsicherung der Betroffenen und zu Schwierigkeiten im Alltagsleben einschließlich einer geringeren Arbeitsproduktivität führen. Auch in der Literatur sind die Selbstberichte über kognitive Einbußen dokumentiert. Indessen gibt es kaum empirische Belege zur Frage, ob die beklagten kognitiven Störungen tatsächlich vorhanden sind, d. h. sich bei Rückenschmerzpatienten auch objektivieren lassen, und ob sie genuin durch die Erkrankung oder die begleitenden psychischen Beeinträchtigungen wie Depressivität bzw. die akut erlebte Schmerzintensität verursacht sind.



Vor diesem Hintergrund wurden folgende Fragestellungen konkretisiert:


1. Schätzen die Rückenschmerzpatienten subjektiv ihr kognitives Leistungsniveau schlechter ein als die gesunden Kontrollpersonen?

2. Ist bei den Patienten mit chronischen Schmerzen durch ein Lumbalsyndrom die objektive kognitive Leistungsfähigkeit beeinträchtigt oder nicht? Wenn ja, in welchen kognitiven Bereichen lassen sich Defizite feststellen?

3. Sind die Probanden mit chronischen Rückenschmerzen, wie in der Literatur häufig beschrieben, im Vergleich zu den Gesunden depressiver und ängstlicher?

4. Falls sich kognitive Defizite feststellen lassen, sind diese auf eine der folgenden mediierenden Variablen zurückzuführen: Depressivität, Ängstlichkeit oder aktuelles Schmerzniveau?




METHODE:


Der Prüfung der Fragen erfolgte in einer quasiexperimentellen Studie mit 39 chronischen Rückenschmerzpatienten und 20 hinsichtlich Alter, Geschlechtsverteilung sowie Bildung vergleichbar Gesunden; hierbei kam eine umfassende Batterie standardisierter neuropsychologischer und psychologischer Verfahren zur Anwendung. Diese umfasste die kognitiven Bereiche Intelligenz, Aufmerksamkeit, Gedächtnis, Exekutivfunktionen, die habituelle und aktuelle psychische Befindlichkeit sowie die Selbsteinschätzung des kognitiven Leistungsniveaus.



ERGEBNISSE UND DISKUSSION:


1. Die chronischen Rückenschmerzpatienten schätzen subjektiv ihr kognitives Leistungsvermögen deutlich schlechter als die gesunden Kontrollpersonen ein.

2. Mit objektiven Tests lassen sich in den Bereichen Intelligenz, Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Exekutivfunktionen bei der Gesamtgruppe der Rückenschmerzpatienten jedoch keine relevanten kognitiven Auffälligkeiten finden.

3. Die Probanden mit chronischem Lumbalsyndrom unterscheiden sich von der gesunden Kontrollgruppe in der Befindlichkeit (z.B. Depressivität, Ängstlichkeit, psychische und somatische Beschwerden).

4. Nach Kontrolle der Depressivität sind die kognitiven Leistungen von Rückenschmerzpatienten denen der Gesunden vergleichbar.

5. Die depressiven Rückenschmerzpatienten zeigen tendenziell schlechtere kognitive Leistungen, deutlicher bei den Exekutivfunktionen, insbesondere beim Transformationsproblem 'Turm von Hanoi'.

6. Die Trait-Angst hat keinen signifikanten Einfluss auf das kognitive Leistungsvermögen der Rückenschmerzpatienten.

7. Es lassen sich nur Hinweise feststellen, dass stärkere Schmerzen tendenziell mit schlechteren kognitiven Leistungen zusammenhängen.




Die Diskussion der Ergebnisse erfolgte zunächst vor dem Hintergrund des methodischen Vorgehens. Hierbei wurde insbesondere auf die Auswahl der Versuchspersonen, den Untersuchungsablauf, die Testbatterie, methodische Probleme bei der Erfassung kognitiver Funktionen, die Bildung der Teilstichproben, die Vergleichbarkeit mit der gesunden Kontrollgruppe und die Validität der statistischen Schlussfolgerungen eingegangen.


Die inhaltliche Diskussion im Anschluss umfasste die Auswirkungen von Depressivität als psychometrisches Merkmal bzw. Depression als klinische Diagnose auf die Selbstbeurteilung und das Erleben distinkter kognitiver Einbußen im Alltag. Zweitens ließ sich die Depressivität als konfundierende Variable des kognitiven Leistungsniveaus bei den Rückenschmerzpatienten feststellen, auch Literaturbefunde stützen diese Ergebnisse. Ein weiterer Schwerpunkt war die Erörterung der Hypothese limitierter Aufmerksamkeitsressourcen in Bezug auf das Abschneiden der chronischen Rückenschmerzpatienten in den kognitiven Leistungstests.

Die Konsequenzen der Resultate für die Behandlung von Rückenschmerzpatienten wurden dann abschließend skizziert.