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URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-21606
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2005/2160/


Phänologie und Lebenszyklusstrategie männlicher Wasserfledermäuse (Myotis daubentonii, Chiroptera: Vespertilionidae) = Phenology and life-history strategy of male Daubenton’s bats (Myotis daubentonii, Chiroptera: Vespertilionidae)

Phenology and life-history strategy of male Daubenton’s bats (Myotis daubentonii, Chiroptera: Vespertilionidae)

Encarnação, Jorge André


Originalveröffentlichung: (2005) Myotis 40 (2002), S. 19-31; Mammalian Biology 69 (2004), S. 163-172; Mammalia 68 (2004), S. 291-297; Mammal Review 35 (2005), in press; Myotis 43 (2005), in press.
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Freie Schlagwörter (Deutsch): Geschlechtertrennung , Konkurrenz , Nahrungsaufnahme , Paarungssystem , Reifung
Freie Schlagwörter (Englisch): food intake , competition , mating system , maturation , sexual segregation
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Allgemeine und Spezielle Zoologie
Fachgebiet: Biologie
DDC-Sachgruppe: Biowissenschaften, Biologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 02.05.2005
Erstellungsjahr: 2005
Publikationsdatum: 23.05.2005
Kurzfassung auf Deutsch: Fledermäuse (Microchiroptera) unterscheiden sich durch ihre Langlebigkeit, die geringe Anzahl an Nachkommen und deren langsame körperliche Entwicklung (K-Strategen) deutlich in ihrer Lebenszyklusstrategie von anderen insektivoren Kleinsäugern (r-Strategen). Durch die Fähigkeit zum aktiven Flug, die Nachtaktivität und die Echoortung können Fledermäuse nachtaktive Fluginsekten erbeuten und besetzen damit eine nahrungsökologische Nische, die sie nahezu konkurrenzlos nutzen können. Aufgrund ihrer nahrungsökologischen Spezialisierung sind Fledermäuse der gemäßigten Breiten regelmäßig auftretenden Nahrungsengpässen ausgesetzt. Diese zwangen sie zur Entwicklung von Torpor und Winterschlaf zur Energieeinsparung und machten saisonale Wanderungen zwischen Sommer- und Winterlebensräumen notwendig. Auch die Lebensweise während der saisonalen Aktivitätsperiode sowie der Reproduktionszyklus sind an die starken jahreszeitlichen Schwankungen der Nahrungsverfügbarkeit in den gemäßigten Klimazonen angepasst.
Hauptursache der starken Gefährdung europäischer Fledermäuse ist der menschlichen Einfluss auf alle für sie essentiellen Habitattypen. Vor allem der fortschreitende Sommer- und Winterquartierverlust als Folge menschlicher Aktivitäten, aber auch die Abnahme potentieller Jagdhabitate und deren Isolierung von den Quartiergebieten durch zunehmende Landschaftsfragmentierung, sind für den Rückgang der Fledermausbestände in den vergangenen Jahrzehnten verantwortlich. Wegen der methodischen Schwierigkeiten bei der Untersuchung männlicher Fledermäuse liegen viel mehr Studien zur Biologie und Ökologie weiblicher als männlicher Fledermäuse vor. Fundierte Kenntnisse der saison- und altersspezifischen Entwicklungsprozesse physiologischer Merkmale, der saisonalen Verhaltensänderungen und der Lebensraumnutzung männlicher Fledermäuse sind jedoch zum Verständnis der Biologie europäischer Fledermausarten und daraus abzuleitende Schutzmaßnahmen unverzichtbar. Solche Resultate lassen sich nur durch die Erfassung großer Stichproben im Rahmen von Langzeitstudien erbringen. Die Wasserfledermaus (Myotis daubentonii) hat sich als geeignete Art zur vertiefenden ökologischen Untersuchung der Männchen erwiesen.
Im Rahmen der vorliegenden Dissertation wurden in den Jahren 1997 bis 2004 im mittleren Lahntal (Hessen, Deutschland) verschiedene Langzeit-Studien zur Phänologie und der Lebenszyklusstrategie männlicher Wasserfledermäuse (Myotis daubentonii) durchgeführt. Im Rahmen dieser Untersuchungen wurden durch 173 Netzfänge und 54 Quartierfänge 2364 Wasserfledermäuse gefangen und 601 Tiere individuell mittels Unterarmklammern markiert. Außerdem wurde die zeitliche und räumliche Habitatnutzung von 24 weiblichen und 52 männlichen Wasserfledermäusen mittels telemetrischer Studien untersucht und das Verhalten von 99 Tieren im Jagdgebiet durch die Markierung mit chemilumineszenten „Knicklichtern“ dokumentiert.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Entwicklung physiologischer Merkmale sowie Verhalten und Lebensraumnutzung männlicher Myotis daubentonii an die klimatischen Verhältnisse Mitteleuropas angepasst sind. Alle energieaufwendigen Prozesse (Spermatogenese, Paarung, Aufbau von Körperfettreserven) laufen in den Monaten mit ausreichendem Nahrungsangebot ab. Physiologische Energiesparmassnahmen (Torpor, Winterschlaf) ermöglichen es den Tieren, ihre Stoffwechselrate zu senken, um kurz- und längerfristige Nahrungsengpässe zu überdauern. Das Verhalten der Männchen ist an die saisonal unterschiedlichen Bedingungen angepasst, die sich aus dem Energiebedarf der Entwicklungsprozesse und dem Paarungsgeschehen ergeben. Außerdem sind männliche Wasserfledermäuse in der Lage, klimatisch und nahrungsökologisch ungünstigere Lebensräume zu besiedeln, die den Ansprüchen der Weibchen nicht genügen und für die Aufzucht der Jungen ungeeignet sind. Somit belegen die Ergebnisse dieser Studie eine sommerliche Geschlechtertrennung bei Wasserfledermäusen und Unterschiede in der Quartierwahl, der Vergesellschaftungen in den Quartieren und der Qualität der von Männchen bzw. Weibchen genutzten Sommerlebensräume. Die Ursache für diese inhomogene Verteilung der Geschlechter zur Wochenstubenzeit ist vermutlich agonistisches Verhalten der Weibchen gegenüber Männchen, wodurch die anspruchsloseren Männchen in suboptimale Gebiete verdrängt werden.
Kurzfassung auf Englisch: The life-history strategy of bats (Microchiroptera) is distinguished from that of other small insectivorous mammals (r-strategists) by longevity, small number of offspring and slow physical development (K-strategists). Thanks to their active flight, nocturnal activity and echolocation, bats can use nocturnal insects as prey and thereby occupy a specific trophic niche almost exclusively. However, due to this trophic specialization, bats are exposed to periodic food shortage. This led to the evolution of specific energy-saving mechanisms, i.e., torpor and hibernation, and to seasonal migration between summer and winter habitats. In temperate regions, life of bats during the seasonal activity period as well as their reproductive cycles are also adapted to the seasonal fluctuations in pre availability.
In Europe, bats are mainly threatened by anthropogenic impact on their essential habitats. In particular, the progressive loss of summer and winter roosts, but also the reduction in the number of foraging areas and their isolation from roosting areas due to landscape fragmentation have caused a decline in bat abundance during recent decades. Because of methodical difficulties in the study of males, most studies so far have concentrated on the biology and ecology of female bats. However, an in-depth knowledge of season- and age-specific variation of physiological characters, behavioral parameters, and habitat use in male bats is indispensable for understanding the biology of European bat species and their effective protection. Collection of such data requires the study of large numbers of bats over longer periods of time. Daubenton’s bat (Myotis daubentonii) has been shown to be well suited for such ecological studies in males.
The present doctoral thesis reports results of several long-term studies on the phenology and life-history strategy of male Daubenton’s bats (Myotis daubentonii). These studies were conducted between 1997 and 2004 in the central part of the Lahn-river valley (Hesse, Germany). In the course of these studies 173 mist-nettings and 54 roost-captures were performed. A total of 2364 Daubenton’s bats were captured, of which 601 were individually marked by forearm banding. Habitat use was analyzed by radio-tracking of 24 female and 52 male M. daubentonii, and behavior in foraging areas was studied in 99 individuals marked with chemoluminescent snap light-sticks.
In summary, the above studies proved the existence of various physiological, behavioral, and ecological adaptations of male Daubenton’s bats to the climatic conditions of Central Europe. All energy-expensive processes (spermatogenesis, mating, deposition of body fat reserves) occur in summer when food availability is high. Special energy-saving mechanisms (torpor, hibernation) enable the animals to lower their metabolic rate during shorter or longer (winter) periods of food shortage. The behavior of the animals is adapted to the seasonal variations in food demand, related to physical development and reproduction. Male Daubenton’s bats are able to use less productive areas as summer sites, that are not suitable for females and their offspring. This results in a partial segregation of the two sexes in the summer habitat. It is hypothesized that males are actively displaced by females showing agonistic behavior. In this way, females would secure the most productive areas within the summer habitat for themselves and their young.