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URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-15927
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2004/1592/


„Kommunikation und Kooperation in der Interaktion von Gesundheitssystem und Patienten“ : Eine Untersuchung am Beispiel der Behandlung des Diabetes mellitus im Raum Frankfurt/ Main

Bayer-Pörsch, Kerstin


pdf-Format: Dokument 1.pdf (619 KB)

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Arzt-Patient-Beziehung , Patientenautonomie, Mitbestimmung , Partizipation , Diabetes mellitus
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Wirtschaftslehre des Haushalts und Verbrauchsforschung, Professur für vergleichende Gesundheits- und Sozialpolitik
Fachgebiet: Haushalts- und Ernährungswissenschaften - Ökotrophologie
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 18.12.2003
Erstellungsjahr: 2003
Publikationsdatum: 25.06.2004
Kurzfassung auf Deutsch: Ziel und Gegenstand der Untersuchung: Diabetes mellitus zählt zu den bedeutendsten, teuersten und stetig wachsenden Gesundheitsproblemen unserer Zeit. Studien zur Versorgungsqualität der Betroffenen weisen auf erhebliche Wirksamkeitsmängel der medizinischen Interventionen hin. Eine der maßgeblichen Voraussetzungen für die erfolgreiche Umsetzung der Therapie ist eine zielführende, produktive Interaktion zwischen den Betroffenen und den medizinischen Fachkräften. Diese Interaktion stellt auf Seiten der „Behandler“ hohe Anforderungen an die kommunikative bzw. psychosoziale Kompetenz und sieht seitens der Patienten einen hohen Anspruch nach Autonomie und Partizipation im Gesundheitsprozess vor. Vor diesem Hintergrund ist es Gegenstand der Untersuchung Status Quo und Perspektiven von Kommunikation und Kooperation bei der Interaktion von Gesundheitssystem (Arzt) und Patient, aus Patientensicht, zu erfassen. Darüber hinaus soll ermittelt werden, wie ein durch eine Schulung erlangter Kompetenzgewinn diese Beurteilungen und Erwartungen beeinflusst.


Methodik: Bei der Untersuchung handelt es sich um eine quantitative Studie in deren Rahmen die Patienten mit Hilfe eines Fragebogens (Likert-Skala) zu folgenden Dimensionen der Interaktion Arzt/Patient sowie Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems befragt wurden: Form der Arzt-Patient- Beziehung; Aufklärung; Einschätzung der Versorgungsqualität sowie Erfahrungen mit der Zusammenarbeit der Versorgungsebenen. Die Reliabilität der Skalen wurde mittels Spearman-Brown-Coeffizient sowie Cronbachs Alpha ermittelt. Insgesamt bearbeiteten 121 Patienten den Fragebogen zu Beginn [t1] und am Ende (t2 ) eines stationären Schulungsaufenthalts sowie 3 Monate nach Entlassung (t3 ; Rücklauf 69 %)

Rahmendaten der Stichprobe: Typ-1; N=48; Alter 42,9 J.+/- 15,7; DD 14,5 J. +/- 11,0.; HbA1c 8,0 %+/- 2,1 ; Typ-2; N= 73; Alter 61,7 +/- 10,3 J.; DD 11,0 +/- 9,4 J.; HbA1c 8,2 % +/- 2,2; Folgekomplikationen gesamt: Retinopathie 19,8 %; Neuropathie 10,7 %; PNP 52,9 %.

Ergebnisse: Aus Sicht der Autorin konnten zwei Dimensionen identifiziert werden, welche im Hinblick auf einen weiteren Forschungsbedarf besondere Beachtung erhalten sollten. Dies sind einerseits die Fragen nach Ausmaß und Form der Mitbestimmung wie sie sich aus Patientensicht darstellt, sowie andererseits die Prozesse, die infolge einer Aufklärungsmaßnahme in der Partnerschaft zwischen Arzt und Patient stattfinden.

Als Resümee der Untersuchung lässt sich festhalten, dass in bezug auf die Arzt- Patient- Beziehung den Kriterien „Verständnis und Vertrauen“ von Patientenseite eine entscheidend höhere Bedeutung beigemessen wird, als der Forderung nach "Partnerschaftlichkeit" oder "Mitbestimmung". Des Weiteren konnte für das befragte Kollektiv aufgezeigt werden, dass dem Wunsch nach Information und Aufklärung von Patientenseite zwar eine hohe Priorität zugeordnet wird, sich der wissende, kompetente Patient jedoch weiterhin wünscht, die Verantwortung für krankheitsrelevante Entscheidungen ein Stück weit an den Arzt delegieren zu können.

Konkret bedeutet dies, dass die Vorstellung vom gleichberechtigt partizipierenden Patienten (nach dem Muster des gut informierten Kunden), wie sie sich in der fachlichen und öffentlichen Leitbilddebatte (Selbstmanagement) abzeichnet, zu eindimensional und somit unrealistisch ist. Dieses Fazit ist, im Hinblick auf die Diskussion zur „Stärkung der Patientenrolle“, ein zentrales Ergebnis der Untersuchung, denn es liefert Anhaltspunkte, die zu einer kritischen Haltung gegenüber dem Leitbild „Patient als gleichberechtigter Partner und kritischer Konsument“ Anlass geben. Die genannten Ergebnisse bestätigen auch die von EVERS und MOODY [67,139] gestellte Forderung nach einem komplexeren Leitbild, welches Elemente, sowohl des paternalistischen, als auch des liberalen Leitbildes (in Form eines „milden Paternalismus“) in sich vereinigt. Die konsequente Interpretation oben genannter Ergebnisse könnte ein Interaktionsmodell für die Arzt- Patient- Beziehung erforderlich machen, welches von gegenseitiger Anerkennung, Vertrauen und Verständnis geprägt ist und sowohl dem Patienten, im Rahmen seiner Möglichkeiten, als auch dem Arzt, Verantwortungsübernahme abverlangt.

Die Studie zeigt darüber hinaus, wie weitreichend der Einfluss einer Aufklärungsmaßnahme hinsichtlich des Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins der Patienten in der Interaktion mit ihrem behandelnden Arzt ist. Das gesteigerte Selbstbewusstsein der geschulten Patienten manifestiert sich in bezug auf die Items der „Partnerschaftlichkeit“ in der Arzt- Patient- Beziehung, sowie auf „Aspekte der Interaktion“ mit dem Arzt. Hier zeigt sich eine deutliche Steigerung der Zufriedenheit. Das gesteigerte Selbstbewusstsein hat keinen so entscheidenden Einfluss auf den Wunsch nach Selbstbestimmung, wie von der Autorin angenommen, dagegen aber einen interessanten Effekt auf die Beurteilung des Arztes als „Partner“.
Der im Anschluss an die Schulung „kompetentere“ Patient kommt in vieler Hinsicht zu einer positiveren Grundbewertung seines Arztes. Das bedeutet, dass die „Aufklärung“ des Patienten zwar den Wunsch nach Fürsorge und Vertrauen nicht außer Kraft setzt, aber dass das Eingehen einer Vertrauensbeziehung von Seiten der Patienten dadurch eher ermöglicht wird. Ärzte sollten also keine Angst vor dem „aufgeklärten Patienten“ haben, sondern die Aufklärung der Patienten unterstützen, denn erst durch das daraus resultierende Selbstvertrauen wird der Patient stärker „vertrauensfähig“. Ansatzweise lassen die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung erkennen, dass Patienten sich von ihrem Arzt ernster genommen fühlen, bzw. tatsächlich ernster genommen werden.