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"Kunst ist Spiel und tiefer Ernst" : Die Imaginistin Alexandra Povòrina (1885-1963), Leben und Werk

Münster, Anke


pdf-Format: Dokument 1.pdf (45.762 KB)

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Povòrina , Künstlerin , Abstraktion , Professionalisierung , Malerin
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Kunstgeschichtliches Institut
Fachgebiet: Kunstgeschichte
DDC-Sachgruppe: Künste, Bildende Kunst allgemein
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 17.12.2003
Erstellungsjahr: 2003
Publikationsdatum: 22.06.2004
Kurzfassung auf Deutsch: Alexandra Povòrina ist eine Künstlerin der sogenannten 'verschollenen Generation', die trotz beachtlicher Erfolge in den 20er und frühen 30er Jahren im Nachkriegsdeutschland in Vergessenheit geriet. Die aus Russland stammende und ab 1914 in Deutschland lebende Künstlerin zählt zu den wenigen Malerinnen aus der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts, die in ihrem Werk eigenständige Positionen entwickelten und außerdem versuchten, sich in Künstlergruppen und auf dem Kunstmarkt zu etablieren. Besonders erfolgreich war Alexandra Povòrina in den Jahren vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, als sie vergleichbar mit Malern wie Fritz Winter und Willi Baumeister eine symbolisch geprägte Form abstrakter Malerei entwickelte. Unter dem Schlagwort 'Professionalisierungsgeschichte von Künstlerinnen' findet die Initiative Povòrinas besondere Beachtung.


In einer kritischen Biografie wird der Lebensweg der Künstlerin sowohl kunst- als auch zeitgeschichtlich verankert dargestellt. Dabei fällt auf, dass sie den Kontakt zu wichtigen Zentren der europäischen Moderne herstellte. Ausführlich wird ihre Orientierung nach Paris zur französischen Künstlergruppe 'abstraction-création' beschrieben. Quellen belegen, dass die Künstlerin um 1932 selbst in das Zentrum moderner Kunst rückte und versuchte, in Deutschland ein Forum für die 'neue' abstrakte Kunst jenseits des Konstruktivismus zu schaffen. Ziel ihrer Arbeit war die Gründung einer Künstlergruppe, die kurzzeitig unter dem Namen 'Imaginisten' auftrat. Offenbar war die 1932 begonnene Ausstellungstournee 'Zeichen und Bilder' die Fortsetzung dieser Initiative. Zunächst wurde sie in Wiesbaden gezeigt, wanderte 1933 in das Essener Folkwang Museum und wurde dort vorzeitig abgehängt. Das Ausstellungsprojekt ist aus heutiger Sicht interessant, weil sich Positionen andeuteten, die erst nach dem 2. Weltkrieg durch die Gruppe ZEN 49 bekannt wurden.


Im zweiten Teil der Arbeit folgt die Beschäftigung mit dem Werk Povòrinas. Anhand ausgewählter Fragestellungen wird die künstlerische Entwicklung entlang der Zeitachse von 1913 bis 1962 dargestellt. Ausgangspunkt ist das gegenständliche Werk, das in den Jahren bis 1927 entstand. Povòrina sah ihre Wurzeln in der französischen Moderne - besonders Cézanne war mit seiner Orientierung an der Fläche ein wichtiger Bezugspunkt. Doch grenzte sie sich klar ab: Angefangen von der Ablehnung einer analytischen Malweise bis hin zu ihrer ausdrucksvollen Linienführung, die Parallelen zu Richtungen wie dem Symbolismus oder dem Fauvismus aufweist. Die Künstlerin baute mit der Wahl der Motive und der künstlerischen Mittel ein Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz auf. Sie verschaffte sich in diesen Jahren als Mitglied der Hamburger Sezession Anerkennung.
Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Zeit zwischen 1928 und 1935 gesetzt. Die Künstlerin verstand ihre neuen Bilder als Fortschritt, denn sie glaubte an die Überlegenheit einer Kunst, die die unmittelbare Darstellung von Themen einer verborgenen, inneren Welt zuließ. Gefühle und das Geistige wurden durch die Komposition von Farben, figürlichen Rudimenten sowie Linien und Flächen zum Motiv. Auffällig ist eine Fokussierung auf den Menschen und damit die Aussparung von naturwissenschaftlichen oder kosmischen Themen. Ideen der Deutschen Romantik finden in ihren kunsttheoretischen Äußerungen ebenso einen Wiederklang wie Positionen symbolistischer Malerei. Der Abstraktionsbegriff Povòrinas wird zeitgenössischen Tendenzen gegenübergestellt.
Die Bilder aus dieser Zeit bewahren meistenteils Bezüge zur abbildenden Malerei. Dabei handelt es sich z.B. um angedeutete an surrealistische Bildräume erinnernde Landschaften oder figurative Formen. Zu den zentralen Bildthemen zählt das Motiv des Schwebenden. Sie setzte sich dabei intensiv mit dem Verhältnis von Linie und Fläche auseinander bis hin zur Entkoppelung der Linie als unabhängiges Bildelement. Bei monochromen Flächen kommt Povòrinas Interesse an Strukturen zum Vorschein, zum Beispiel durch Spachtelungen oder die Beimischung von Sand. Die Faszination am Material wird bei den Mischtechniken deutlich, die sie auch auf Samt, Filz, Röntgenaufnahmen oder Pergamentpapieren ausführte. Es wird dargestellt, dass die weitere künstlerische Entwicklung Povòrinas auf den in dieser Zeit gefundenen Positionen basiert.