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Stellenwert der interdisziplinären Diagnostik in der Klinischen Umweltmedizin bei Patienten mit vermuteter Multiple Chemical Sensitivity (MCS)

Mach, Jens


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Freie Schlagwörter (Deutsch): Klinische Umweltmedizin , Interdisziplinäre Diagnostik , Multiple Chemical Sensitivity
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Medizinisches Zentrum für Ökologie, Institut für Hygiene und Umweltmedizin des Universitätsklinikums Gießen
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 10.02.2003
Erstellungsjahr: 2002
Publikationsdatum: 19.03.2003
Kurzfassung auf Deutsch: Um Hinweise für die Ätiologie und Pathogenese der Multiple Chemical Sensitivity
(MCS) zu erhalten, wurde in der vorliegenden Studie eine vergleichende
Charakterisierung von Patienten, die in Anlehnung an verschiedene Definitionen für
MCS (Cullen 1987, Altenkirch 1995, IPCS 1996) formulierte Kriterien erfüllen, und
anderen umweltmedizinischen Patienten mit erheblicher gesundheitlicher
Beeinträchtigung vorgenommen. Die Charakterisierung der Patienten erfolgte in
Bezug auf die soziodemographische Struktur, die angegebenen Beschwerden, die
Krankheitsvorgeschichte, die vermutete Beschwerdeattribuierung, die objektivierbare
Schadstoffexposition sowie vorliegende - mit etablierten Verfahren diagnostizierte -
somatische und psychische Erkrankungen. Darüber hinaus erfolgte eine Beurteilung
des Stellenwertes der bei der Diagnostik der Patienten angewendeten
interdisziplinären Vorgehensweise.

Hierzu wurde ein Kollektiv von 99 Patienten mit schwerwiegender, unspezifischer
Symptomatik, die zuvor konventionell nicht erklärt werden konnte, aus dem
Patientengut der Umweltmedizinischen Ambulanz im Institut für Hygiene und
Umweltmedizin des Universitätsklinikums Gießen im Zeitraum von 1996 bis 2000
rekrutiert. Diese Patienten wurden prädiagnostisch den genannten Gruppen
zugeordnet und in einem standardisierten Vorgehen einer interdisziplinären
Diagnostik einschließlich qualifizierter Expositionsabschätzung und abschließender
Befundbewertung in einer Fallkonferenz zugeführt.

Dabei zeigte sich, dass sich Patienten, die die Kriterien für Arbeitshypothese MCS
erfüllen, gegenüber anderen umweltmedizinischen Patienten im Wesentlichen
dadurch auszeichnen, dass ihre Beschwerden nach eigenen Angaben durch
verschiedene Substanzen ausgelöst werden und bereits bei Expositionen auftreten,
die bei anderen Personen nicht die Ausbildung von Symptomen zur Folge haben.
Der Krankheitsverlauf der Patienten des Gesamtkollektivs war in der Mehrzahl der
Fälle durch ein jahrelanges ”Doktorhopping” gekennzeichnet, wobei sowohl die Zahl
der angegebenen Beschwerden als auch der in der Vergangenheit in Anspruch
genommenen ärztlichen Konsultationen in der Patientengruppe mit Arbeitshypothese
MCS höher war. Darüber hinaus gab es Hinweise dafür, dass bei Patienten mit
Arbeitshypothese MCS vermehrt eine iatrogen bedingte Fixierung auf Schadstoffe in
der Umwelt als Krankheitsursache vorliegt. Als Beschwerdeursache angenommene
Belastungen und Unverträglichkeiten gegenüber Schadstoffen ließen sich bei der
überwiegenden Zahl der Patienten jedoch nicht objektivieren.

Insgesamt ließen sich durch die interdisziplinäre Diagnostik die Beschwerden von
jeweils 90% der Patienten mit Arbeitshypothese MCS und anderen
umweltmedizinischen Patienten mit erheblicher gesundheitlicher Beeinträchtigung
erklären, was den hohen Stellenwert dieser Vorgehensweise in der Behandlung von
Patienten beider Gruppen gleichermaßen belegt. Die Beschwerden von einem Viertel
der Patienten wurden durch somatische Krankheitsbilder, insbesondere aus den
Gebieten Dermatologie/Allergologie und Innere Medizin, als konventionell erklärbar
angesehen. Bei zwei Drittel der Patienten wurden die Beschwerden als
psychosomatisch erklärbar eingestuft, wobei zu beachten ist, dass
psychosomatische Diagnosen unter Berücksichtigung des derzeitigen Standes der
wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Umweltmedizin lediglich als deskriptiv
anzusehen sind und keine Kausalität beschreiben.

Die Ergebnisse der vorliegenden Untersuchung erbrachten demnach keine
konkreten Hinweise für die Ätiologie und Pathogenese der Multiple Chemical
Sensitivity. Die interdisziplinäre Diagnostik ermöglichte jedoch, die betroffenen
Patienten adäquaten Therapieformen zuzuführen. Entsprechende Empfehlungen
werden von den Patienten erfahrungsgemäß häufig nicht angenommen. Als Ursache
hierfür ist eine - in vielen Fällen iatrogene - Fixierung der Patienten auf eine toxische
Ursache ihrer Erkrankung und der damit einhergehenden mangelnden Akzeptanz
anderer Krankheitsmodelle zu sehen. Im Bereich der Umweltmedizin ist daher
dringend eine Qualitätssicherung und –kontrolle geboten.