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Latente Inhibition : ein lernpsychologisches Paradigma in der psychopathologischen Forschung

Zimmermann, Mark


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Fachbereich Psychologie
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 24.10.2002
Erstellungsjahr: 2002
Publikationsdatum: 08.11.2002
Kurzfassung auf Deutsch: Latente Inhibition (LI) beschreibt eine Abschwächung des Assoziationslernens, wenn ein Reiz ohne jegliche Konsequenz mehrmals
dargeboten (präexponiert) wird, bevor er in einer Lernphase (Akquisition) als konditionierter Reiz (CS) mit einem unkonditionierten Reiz
(US) gepaart wird. Dieses bei Tierexperimenten entdeckte Phänomen ließ sich auch im Humanbereich mit verschiedenen Methoden
zuverlässig nachweisen. Meistens wurde es über eine Reduktion der dem präexponierten Reiz zugewandten Aufmerksamkeit erklärt
(Lubow & Gewirtz, 1995). Da die LI selektive Aufmerksamkeitsprozesse abbildet (Filterfunktion: Ausblenden irrelevanter Reize), wurde sie
auch bei Schizophrenie-Patienten bestimmt, deren selektive Aufmerksamkeit wahrscheinlich aufgrund einer Hyperfunktion des zentralen
dopaminergen Transmittersystems gestört ist (Duncan et al., 1999). Ausgehend vom Zusammenhang zwischen selektiver Aufmerksamkeit
und Dopamin-System, hatte die vorliegenden Arbeit zum Ziel, die LI bei Personengruppen mit unterschiedlich ausgeprägter Störung des
Dopamin-Systems zu untersuchen, nämlich bei Schizophrenie-Patienten (Hyperfunktion), bei Patienten mit Morbus Parkinson
(Dopamin-Mangel) und - einem dimensionalen Psychosemodell folgend - bei gesunden Personen mit hohen Ausprägungen des
Persönlichkeitsmerkmals 'Schizotypie'. Hierfür wurde die Methode des differentiellen Klassischen Konditionierens autonomer Reaktionen
in einem Versuchsplan mit Messwiederholung (d.h. mit abhängigen Gruppen) eingesetzt, der eine gute Kontrolle der unspezifischen
Varianz zwischen den Probanden gewährleistet. Als CS dienten geometrische Figuren, als US eine Reaktionszeitaufgabe auf einen Ton
hin. Mit diesem Versuchplan wurde die LI, widergespiegelt in reduzierter elektrodermaler Konditionierung und verlängerten Reaktionszeiten
bei den präexponierten Reizen, zu zwei Messzeitpunkten bei 60 gesunden Probanden, 58 Schizophrenie-Patienten (akut vs. remittiert) und
18 Parkinson-Patienten (ohne vs. mit Medikation mit L-Dopa) bestimmt.


Bei den gesunden Probanden konnten LI-Effekte zu beiden Messzeitpunkten nachgewiesen werden, doch ergaben sich Unterschiede
zwischen den abhängigen Variablen. In den Reaktionszeiten zeigte sich die LI deutlich, zumindest im ersten Abschnitt der
Akquisitionsphase, während sie im elektrodermalen Maß eher schwach ausgeprägt war oder sich nur bei Probanden mit starker
Reaktionszeit-LI zeigte. Entgegen den Befunden der Literatur hatte die Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals 'Schizotypie' bei den
gesunden Probanden keinen Einfluss auf die LI.


Bei den Schizophrenie-Patienten trat erwartungsgemäß im akuten Zustand in den elektrodermalen Reaktionen keine LI auf, teilweise
zeigten sich sogar entgegengesetzte Effekte, die für ein Defizit selektiver Aufmerksamkeit sprechen. Diese Ergebnisse werden jedoch
relativiert durch das Auftreten von LI im Reaktionszeit-Maß bei den akuten Patienten und das Fehlen von LI im remittierten Zustand.
Allerdings zeigte sich hier zumindest in der Untergruppe mit starker Reaktionszeit-LI auch ein elektrodermaler LI-Effekt.


In der Gruppe der Parkinson-Patienten ließen sich schließlich insgesamt weder im medizierten noch im unmedizierten Zustand LI-Effekte
beobachten. Lediglich bei den Patientinnen trat zum ersten Messzeitpunkt zumindest im Reaktionszeit-Maß LI auf. Anders als bei den
Schizophrenie-Patienten scheint den Befunden bei den Parkinson-Patienten eine unspezifische Beeinträchtigung zugrunde zu liegen. So
zeigten sie insgesamt von allen Gruppen die schwächsten elektrodermalen Reaktionen und Konditionierungseffekte sowie die längsten
Reaktionszeiten. Lediglich die unkonditionierten Reaktionen waren vorhanden.


Insgesamt erwies sich die Kontingenzerkennung als wichtige Variable: Die elektrodermale Konditionierung war stärker und die
Reaktionszeiten waren kürzer bei den gesunden Probanden und Patienten, welche die Reizkontingenzen (Beziehung zwischen CS und US)
nach dem Experiment korrekt wiedergeben konnten.


Ausgehend von dem Zusammenhang zwischen Kontingenzerkennung und elektrodermaler Konditionierung sollte in einer zweiten Studie
über eine Reduktion der Komplexität der Reizanordnung die Stärke der Konditionierungs- und LI-Effekte erhöht werden. Hierzu wurde der
Versuchsaufbau der ersten Studie insofern geändert, als der Faktor Präexposition jetzt über unabhängige Gruppen realisiert war: Bei einer
Gruppe von gesunden Probanden (n=54) wurde der spätere CS präexponiert, während die übrigen Probanden andere Reize (farbige
Bildschirme) sahen (n=53). Trotz deutlich gesteigerter Kontingenzerkennungs-Rate und starken elektrodermalen Konditionierungseffekten
traten in der zweiten Studie keine LI-Effekte auf, wahrscheinlich aufgrund der fehlenden Aufmerksamkeitsablenkung von den
präexponierten Reizen (Maskierung).


In einer dritten Studie wurden daher die CS (farbige Rahmen statt Figuren) in der Präexpositionsphase dadurch maskiert, dass sich in ihrer
Mitte Bilder von Landschaften, Tieren und Menschen befanden, wobei die Probanden (n=25) die Anzahl der Bilder mit Menschen zählen
sollten. Mit dem so modifizierten Versuchsplan, der die gleiche Struktur aufwies wie in der ersten Studie (abhängige Gruppen), ließen sich
sowohl in den elektrodermalen Reaktionen als auch im Reaktionszeit-Maß deutliche LI-Effekte nachweisen, die sich allerdings auf den
ersten Abschnitt der Akquisitionsphase beschränkten.


Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Annahme eines globalen Defizits selektiver Aufmerksamkeit bei Schizophrenie-Patienten
sicher zu unpräzise ist. Je nach Wahl der Indikatorvariablen kann die LI normal (Reaktionszeiten) oder verändert sein (elektrodermale
Reaktionen). Weiterhin muss berücksichtigt werden, dass die LI-Effekte – zumindest beim Klassischen Konditionieren und bei der
visuellen Suche (Lubow & Kaplan, 1997) – im Zeitverlauf abnehmen. Schließlich sind bei der Methode des Klassischen Konditionierens für
das Auftreten von deutlichen Konditionierungs- und LI-Effekten zwei Faktoren von entscheidender Bedeutung: Es muss ein bestimmtes
Ausmaß an Kontingenzerkennung gegeben sein, und es sollte eine Maskierung der präexponierten Reize erfolgen.