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Die Gießener Ernährungsstudie über das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten (GESA) : qualitative Fallstudien

Lehmkühler, Stephanie H.


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Ernährungswissenschaften
Fachgebiet: Haushalts- und Ernährungswissenschaften - Ökotrophologie
DDC-Sachgruppe: Haushaltswissenschaften
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 05.07.2002
Erstellungsjahr: 2002
Publikationsdatum: 24.09.2002
Kurzfassung auf Deutsch: Ziel der Gießener Ernährungsstudie über das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten (GESA) ist die Deskription des
Ernährungsverhaltens von Armutshaushalten und der damit verbundenen Handlungsweisen im Kontext ihrer jeweiligen Lebenssituation.
Geringes Einkommen, Arbeitslosigkeit, das Wohnen im sozialen Umfeld eines Brennpunkts, Stigmatisierung, Bildungsarmut,
Gesundheitszustand und persönliches Schicksal sind nur einige Faktoren, die sich auf die sozialen und kulturellen Qualitäten des Essens
und Trinkens sowie das haushälterische Handeln auswirken.
Insgesamt wurden 15 Armutshaushalte aus dem Gießener Brennpunkt "Gummiinsel" mittels verschiedener qualitativer und quantitativer
Methoden analysiert. Es bildeten sich Verhaltensweisen und Missstände heraus, die aus amtlichen Statistiken nicht interpretierbar sind.
Die Ergebnisse zeigen, dass sich das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten vom Verhalten anderer Verbraucher mit höherem
Einkommen unterscheidet. Dies ist zum einen dadurch bedingt, dass ihr Handlungsspielraum wegen finanzieller Engpässe eingeschränkt
ist, zum anderen fehlen Fähigkeiten und Fertigkeiten, um die Familienmitglieder mit Essen und Trinken zu versorgen. Des Weiteren sind
wenig Kenntnisse über Ernährung, Gesundheit und Haushaltsführung vorhanden. Ernährung, Gesundheit und das damit verbundene
haushälterische Handeln stehen nicht im Vordergrund der alltäglichen Probleme und Mangelzustände. Merkmale der materiellen und/oder
sozialen Ernährungsarmut treten bei allen untersuchten Familien auf. Ausprägungsformen der sozialisations- und bildungsbedingten
Ernährungsarmut wurden in den Familien der alten Armut (Familien, die schon lange Sozialhilfe beziehen) festgestellt. Ein häufig
vorkommender Engpass ist die Phase der Gummiwoche, in der noch vorhandene Reserven - finanzielle Reserven und bevorratete
Lebensmittel - so gestreckt werden müssen, dass sie bis zur nächsten Geldüberweisung ausreichen. Die Betroffenen sind in dieser Zeit
auf familiäre Hilfe angewiesen, nehmen erneut Kredite auf, hungern bzw. verzichten auf bedarfsgerechte Versorgung mit Nahrung oder
überbrücken die Phase durch Mitessen bei der Familie.
Zur Beseitigung bzw. Verringerung gesundheitsbelastender und zur Unterstützung bzw. Verstärkung gesundheitsfördernder Faktoren
bedarf es niedrigschwelliger Armutspräventionsmaßnahmen mit unterschiedlichen Zugangsweisen, bei denen die Lebensweise und die
Gewohnheiten der Armutshaushalte berücksichtigt werden (Empowerment-Strategien). Um diese Hilfe zur Selbsthilfe bildhaft darstellen zu
können, wurde ein Modell über armutspräventive Netzwerkhilfen zur Stärkung von Ernährungs- und Haushaltsführungskompetenzen
entwickelt. Das Modell stellt die Verknüpfungen zwischen Armutshaushalten und allen anderen an der Unterstützung beteiligten Strukturen
und Systeme dar. Damit wird versucht, eine Komplettleistung für in Armutshaushalten lebende Personen, zur Beseitigung bzw.
Verminderung von Mangelzuständen in ihrer Ernährung, in ihrer Gesundheit und in ihrem haushälterischen Handeln, anzubieten.
In der Arbeit wird betont, dass fortlaufende Diskussionen und Gespräche mit Experten (z. B. mit der Sozialen Familienhilfe, mit Ärzten,
Sozialarbeitern, Politikern und Fachwissenschaftlern), ein gegebener finanzieller und sozialpolitischer Rahmen, vorbeugende Erziehungs-
und Bildungsmaßnahmen, Multiplikatorenschulungen zu Themen rund um Ernährung und privates Haushaltsmanagement sowie eine
kontinuierliche Arbeit mit den Betroffenen helfen dürften bzw. notwendig sind, um die ernährungsphysiologische, gesundheitliche und
haushälterische Situation effektiv und effizient zu verbessern.
Auf der Grundlage der in der vorliegenden Studie gewonnenen Erkenntnisse über das Ernährungsverhalten von Armutshaushalten sollte
weitere qualitative und quantitative Forschung betrieben werden, um - möglichst vernetzt - politische, ökotrophologische, institutionelle und
private Maßnahmen zu initiieren, die eine positive Entwicklung der Lebenssituation der Betroffenen bewirken.