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Untersuchungen zu Möglichkeiten und Grenzen der Zitratmethode zur Geschlechterbestimmung alter bodengelagerter menschlicher Knochen

Malek, Claudia


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Anthropologie
Fachgebiet: Biologie
DDC-Sachgruppe: Biowissenschaften, Biologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 19.04.2002
Erstellungsjahr: 2002
Publikationsdatum: 26.04.2002
Kurzfassung auf Deutsch: Die anthropologische Geschlechtsbestimmung Erwachsener beruht in erster Linie auf dem Ausprägungsgrad bestimmter Form- und
Größenmerkmale des Skelettes. Eine Bestimmung ist dann nur eingeschränkt oder gar nicht möglich, wenn das zu untersuchende
Skelettindividuum nur fragmentarisch vorhanden ist und entsprechende Geschlechtsmarker fehlen.


Mitte des 20.Jh. fand man bei Sektionsmaterial heraus, daß der Gehalt an Zitrat (Kalziumsalz der Zitronensäure) in den Wirbelkörpern der
Frauen im Alter zwischen dem Beginn der geschlechtlichen Reife und dem Klimakterium signifikant höher ist als bei Männern des gleichen
Alters. Für die quantitative Bestimmung der Zitratkonzentration werden mehrere Methoden beschrieben, die alle als mehr oder weniger
kosten- und zeitintensiv beschrieben werden. In den letzten 50 Jahren wurde hauptsächlich die Methode nach HESS (1956) angewendet,
bei der es allerdings zu vielen Fehlern kommen kann. Aus diesem Grunde ist in dieser Arbeit zum ersten Mal auch die enzymatische
Methode nach BOEHRINGER MANNHEIM (1994) auf ihre Anwendbarkeit auf Knochenmaterial getestet worden. Diese Methode diente
bisher nur zur Bestimmung des Zitratgehaltes von Lebensmitteln und besticht im allgemeinen durch ihre Einfachheit und Genauigkeit.


Es wurden insgesamt 225 verschiedene Knochenproben aus 6 verschiedenen Untersuchungsgruppen auf ihren Zitratgehalt getestet. Sie
wurden alle geschlechtsbestimmt und das Ergebnis mit dem wirklichen Geschlecht, bzw. der anthropologischen (morphometrischen)
Geschlechtsbestimmung verglichen. Dabei konnten folgende Ergebnisse erzielt werden:


Die mit der enzymatischen Methode nach BOEHRINGER MANNHEIM (1994) errechneten Zitratkonzentrationen liegen bei beiden
Geschlechtern und in allen Altersgruppen (insgesamt 54 Knochenproben der Lendenwirbelsäule) bei frischem Knochenmaterial aus
Obduktionen und Operationen über denen, die mit Hilfe der Methode nach HESS (1956) am gleichen Material gewonnen wurden. Die
Bestimmungssicherheit der Methode nach BOEHRINGER MANNHEIM (1994) liegt geringfügig, aber nicht signifikant, über der der
Methode nach HESS (1956) und bei beiden Methoden bei über 90%. Darüber hinaus ist die Bearbeitung einer Untersuchungsserie mit der
Zitratmethode nach BOEHRINGER MANNHEIM (1994) billiger, wesentlich einfacher und weniger zeitaufwendig.


Die Zitratkonzentrationen zeigen an historischem Material (hier 68 Proben von je 5 verschiedenen Skelettregionen) keine signifikanten
Unterschiede zwischen verschiedenen Skelettregionen oder zwischen den Knochenzonen Kompakta und Spongiosa. Da der Zitratgehalt
des Knochens aber nicht nur durch die Einlagerung während des Lebens, sondern auch durch den Abbau während der Bodenlagerung
bestimmt wird, läßt sich keine Aussage über unterschiedliche Einlagerungen in die verschiedenen Knochenzonen Kompakta und
Spongiosa treffen. Die Bestimmungssicherheit mit der Zitratmethode liegt bei der Verwendung von Lendenwirbelkörperspongiosa (hier
100%) etwas über der von Extremitätenkompakta (hier 94,4%).


Die Methode der Zitratbestimmung zur Geschlechtsbestimmung läßt sich offenbar nur dann auf Kinder der Altersgruppen Infans I und Infans
II (0-12 Jahre) anwenden, wenn wenigstens eines der Kinder mit anthropologischen oder archäologischen Methoden als männlich oder
weiblich bestimmt wurde. Mit diesem 'Marker' können dann die anderen Kinder ebenfalls einem Geschlecht zugeordnet werden. Die
Bestimmungssicherheit liegt dabei bei 87,5% und damit deutlich unter der Bestimmungssicherheit bei Erwachsenen (hier 100%). Der
Nachweis, daß auch Skelettindividuen im Alter von über 60 Jahren mit dieser Methode nicht mehr als männlich oder weiblich zu bestimmen
sind, konnte nicht erbracht werden. Anscheinend sinkt die Bestimmungssicherheit aber ab (hier 80% bei 61-82jährigen gegenüber 100%
bei 18-60jährigen). Die Bestimmungssicherheit der Zitratmethode nach BOEHRINGER MANNHEIM (1994) liegt bei allen
Untersuchungsgruppen bei über 90% (zwischen 94% und 100%), im Durchschnitt aller untersuchten Knochenproben bei 96%.


Skelettserien von verschiedener geographischer Herkunft oder aus unterschiedlichen zeitlichen Epochen lassen sich prinzipiell nicht
miteinander vergleichen. Ein einzelnes gefundenes Skelett kann demnach nicht als männlich oder weiblich bestimmt werden, da keine
Vergleichsdaten zur Verfügung stehen. Ein Vergleich der Zitratkonzentration dieses Skelettes mit einer zeitlich und räumlich benachbarten
Serie kann, muß aber nicht, ein richtiges Ergebnis bei der Geschlechtsbestimmung ergeben. Weiterhin ist es wichtig, das ungefähre Alter
des Skelettindividuums zum Zeitpunkt des Todes, bzw. der Knochenentnahme zu kennen, da die Zitratkonzentration des Knochens
altersabhängig ist. Die Anwendbarkeit der Zitratmethode auf Leichenbrände (hier 25 Individuen) bietet eine neue Möglichkeit der
Geschlechtsbestimmung an nur fragmentarisch vorhandenen Skelettindividuen.


Insgesamt kann aus den in dieser Arbeit durchgeführten Untersuchungen zu Möglichkeiten und Grenzen der Zitratmethode zur
Geschlechtsbestimmung alter bodengelagerter menschlicher Knochen geschlossen werden, daß es nicht möglich ist, ein einzelnes Skelett
oder Skelettfragment durch die Erfassung der Zitratkonzentration als männlich oder weiblich zu bestimmen. Eine Geschlechtsbestimmung
ist durchführbar, wenn eine möglichst große Anzahl von Skelettindividuen der gleichen Serie untersucht wird, die also den gleichen
geologischen und klimatischen Bedingungen unterworfen war. Auf diese Weise erhält man einen Überblick über die Variabilität der
Zitratkonzentration innerhalb dieser Serie und kann mit Hilfe eines statistisch ermittelten Trennwertes zwischen Männern und Frauen einer
Altersgruppe hohe Werte den Frauen und niedrige Werte den Männern zuweisen. Ebenso kann eine Probe eines als Mann oder Frau
bekannten Skelettes als 'Geschlechtsmarker' zur Wiederfindung der Geschlechter der gleichen Altersklasse und der gleichen Serie
dienen. Eine relativ große Konzentrationsdifferenz zwischen den Geschlechtern (hier zwischen 4,2% in der Altersstufe Senil bis 46,4% bei
21-30jährigen) erlaubt eine Einordnung der Individuen.

Die Geschlechtsbestimmung mit der Zitratmethode nach BOEHRINGER MANNHEIM (1994) ist einfach, sicher und günstig. Sie bietet
damit die Möglichkeit die anhand morphometrischer Merkmale erstellten Geschlechtsbestimmungen abzusichern, bzw. nicht bestimmbare
Individuen einer Serie einem Geschlecht zuzuordnen.