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Selbsterfahrung in der Verhaltenstherapie-Ausbildung : Prozess- und Ergebnisqualität aus Sicht der Teilnehmer/innen

Schön, Kathrin


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Abteilung Klinische und Physiologische Psychologie
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 17.04.2002
Erstellungsjahr: 2002
Publikationsdatum: 28.05.2002
Kurzfassung auf Deutsch: Selbsterfahrung ist ein wichtiger Bestandteil der Ausbildung von Verhaltens-therapeutinnen und -therapeuten. Die wirksame Durchführung
von Therapien erfordert neben theoretischem Wissen und analytisch-planerischen Fähigkeiten vor allem die Fähigkeit zur Selbstregulation.
Verhaltenstherapeutische Selbsterfahrung soll die Auszubildenden für die Stärken und Schwächen ihrer Handlungsstrategien
sensibilisieren und bei der Entwicklung eines eigenständigen therapeutischen Arbeitsstils unterstützen.
Wesentliche Merkmale der didaktischen Gestaltung verhaltenstherapeutischer Selbsterfahrung werden aus Modellen der Vermittlung und
des Erwerbs therapeutischer Kompetenzen in der Supervision (Hogan, 1964; Skovholt & Rønnestad, 1992; Stoltenberg & Delworth, 1987;
Dixon & Claiborn, 1987; Dorn, 1985) und aus allgemeinpsychologischen Modellen der Entstehung von Expertise (Ericsson & Charness,
1994; Glaser, 1996; Gruber, 1999; Gruber & Mandl, 1996) abgeleitet. Danach sind neben einer entwicklungsförderlichen Gestaltung der
Arbeitsbeziehung und der Berücksichtigung der individuellen Lernbedürfnisse vor allem die Bereitschaft zur Mitarbeit und das eigene
Engagement der Auszubildenden entscheidend.

Vorrangiges Anliegen der durchgeführten Untersuchung war es, Merkmale der Prozess- und Ergebnisqualität verhaltenstherapeutischer
Selbsterfahrung aus Sicht der Auszubildenden zu bestimmen. Untersucht wurden 22 themenzentrierte Selbsterfahrungskurse, die im
Rahmen der postgradualen Verhaltenstherapie-Ausbildung am Fachbereich Psychologie der Universität Gießen durchgeführt wurden. Es
handelt sich um eine Verlaufsstudie, bei der die Teilnehmer/innen vor und unmittelbar im Anschluss an die Selbsterfahrung sowie vier
Wochen nach jedem Kurs befragt wurden. Im Zentrum des Interesses standen die Lernbereitschaft, die emotionale Beteiligung und die
Zufriedenheit der Auszubildenden mit verschiedenen Aspekten der Kursgestaltung. Ergänzend wurden Kommentare zu wichtigen,
arbeitserleichternden und störenden Aspekten der Selbsterfahrung erhoben. Der subjektive Gewinn für die therapeutische Arbeit und die
persönliche Entwicklung wurde vier Wochen nach der Selbsterfahrung erfragt.

Das Gießener Selbsterfahrungsprogramm wird von den Auszubildenden insgesamt sehr positiv bewertet. Sie sind mit Inhalt, Didaktik und
Nutzen der Selbsterfahrung für die praktische Arbeit und für die persönliche Entwicklung sehr zufrieden. Auch die Zufriedenheit mit der
Modellwirkung der Referentin/ des Referenten und mit der Arbeitsatmosphäre ist groß. Die Auszubildenden schätzen ihre
Mitarbeitsbereitschaft durchgängig als hoch ein, sind mit dem eigenen Engagement jedoch nicht immer zufrieden. Im Tagesverlauf ändern
sich Stimmung, innere Sicherheit und körperliches Befinden als Indikatoren der emotionalen Beteiligung meist nur wenig. Dennoch
bewerten die Auszubildenden die Selbsterfahrungsübungen als interessant und erkenntnisfördernd.
Berufs- und personbezogene Selbsterfahrungskurse bieten den Auszubildenden eine breite Palette von Anregungen, die sie zum Teil
bereits vier Wochen nach der Selbsterfahrung umgesetzt haben. Je nach inhaltlichem Schwerpunkt werden der Selbsterfahrung
überwiegend Anregungen zur Beziehungsgestaltung, zu Therapiemethoden, zur Berufsethik oder zur per-sönlichen Entwicklung
entnommen. Im Vordergrund steht für die Auszubildenden eine verbesserte Regulation des eigenen Verhaltens in der Interaktion mit
Patientinnen und Patienten.

Wichtig und arbeitserleichternd ist aus ihrer Sicht, dass die behandelten Themen eine hohe therapiepraktische und persönliche Relevanz
aufweisen. Als lernförderlich beschreiben sie eine erlebnisorientierte, abwechslungsreiche Didaktik sowie ein strukturiertes und
zielorientiertes Vorgehen. Der subjektive Gewinn durch die Selbsterfahrung ist für jene Auszubildenden größer, deren Lernbereitsschaft
besonders hoch ist und die mit der Modellwirkung der Kursleiterin/ des Kursleiters und mit der Arbeitsatmosphäre besonders zufrieden
sind. Implikationen dieser Befunde für Konzeption und Praxis verhaltenstherapeutischer Selbsterfahrung werden diskutiert. Dabei scheinen
folgende Aspekte zentral: Verhaltenstherapeutische Selbsterfahrung sollte subjektiv bedeutsam sein, aktive Mitarbeit erfordern,
bedürfnisgerecht sein und interaktive Elemente nutzen.