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Schwere Hypoglykämien bei Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus Typ 1 : Einfluß auf die körperliche und psychomentale Entwicklung

Runde, Claudia


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Medizinisches Zentrum für Kinderheilkunde und Jugendmedizin des Universitätsklinikums Giessen
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 22.01.2002
Erstellungsjahr: 2002
Publikationsdatum: 29.05.2002
Kurzfassung auf Deutsch: Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem möglichen Einfluß schwerer Hypoglykämien (SH) auf die körperliche und psychomentale
Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit Typ-1-Diabetes mellitus. Hierfür wurden insgesamt 66 Probanden im Alter von 6,5 bis 18,3
Jahren untersucht, die in drei Gruppen eingeteilt wurden:

Gruppe 1: 22 Kinder mit Diabetes mellitus, die noch nie eine schwere Hypoglykämie hatten (Alter im Median 11,5 Jahre)

Gruppe 2: 25 Kinder mit Diabetes mellitus mit mindestens einer schweren Hypoglykämie in der Vorgeschichte (Alter im Median 13,1
Jahre)

Gruppe 3: 19 gesunde Kinder als Kontrollpersonen (Alter im Median 11,6 Jahre).

Eine schwere Hypoglykämie wurde definiert durch die Notwendigkeit, Hilfe von einer anderen Person in Anspruch zu nehmen. Die
Einteilung basierte auf den Angaben der Eltern und Patienten sowie der Auswertung der Krankenakten.

Nach einer ausführlichen Anamnese und Erfassung der Wachstumsdaten wurde jedes Kind neurologisch untersucht. Eine Überprüfung der
motorischen Entwicklung erfolgte dann mit dem Hamm-Marburger Körper-Koordinationstest für Kinder (KTK). Als Intelligenztest wurden der
HAWIK-R (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest für Kinder von 6-16 Jahren, revidierte Form) und HAWIE-R (Hamburg-Wechsler-Intelligenztest
für Erwachsene und Jugendliche ab 16 Jahren, revidierte Form) durchgeführt.

Die statistische Datenanalyse erfolgte explorativ, da die Probanden nicht zufällig ausgewählt und daher nicht repräsentativ für eine
Grundgesamtheit waren. Um mögliche andere Einflußfaktoren auszuschließen, wurden die drei Probandengruppen auf Strukturgleichheit
hinsichtlich folgender Variablen überprüft: soziale Schichtzugehörigkeit, frühkindliche Vorschädigung, Body-Mass-Index und sportlicher
Trainingszustand.

Die beiden Diabetes-Gruppen unterschieden sich statistisch durch die längere mediane Diabetesdauer der Kinder mit SH (6,92 Jahre
gegenüber 5,04 Jahren ohne SH), nicht jedoch hinsichtlich der Stoffwechseleinstellung: HbA1c-Median 7,2 % (ohne SH) bzw. 7,7 % (mit
SH). Mit sinkendem HbA1c stieg die Anzahl leichter Hypoglykämien pro Woche. Bezüglich der Wahrnehmungsfähigkeit für Hypoglykämien
(nach eigenen Angaben der Kinder) fand sich kein Unterschied zwischen der Gruppe ohne und mit schwerer Hypoglykämie.
Die auxologischen Daten des untersuchten Kollektivs zeigten eine etwas geringere Körperlänge der Kinder mit Diabetes (Median -0,04
SD) verglichen mit der Kontrollgruppe (Median 0,33 SD) sowie eine Tendenz zur Übergewichtigkeit der Diabetiker, insbesondere in der
Gruppe mit schwerer Hypoglykämie (medianer logarithmierter Body-Mass-Index: ohne SH 0,73 SD, mit SH 1,08 SD, Kontrollkinder 0,68
SD). Die allgemeine Anamnese ergab, daß die Kinder mit Diabetes seltener voll gestillt worden waren (25 % der Kinder) als die Kinder
der Kontrollgruppe (63 %) (Odds Ratio: 5,14).

Im Rahmen der neurologischen Untersuchung wurde die Oberflächensensibilität überprüft, indem die Kinder mit geschlossenen Augen
Ziffern erkennen sollten, die ihnen mit der Fingerspitze auf die Haut geschrieben wurden. Die Kinder mit Diabetes hatten hierbei mehr
Probleme als die Kontrollkinder, und innerhalb der Diabetesgruppe schnitten diejenigen mit schwerer Hypoglykämie schlechter ab als
diejenigen ohne schwere Hypoglykämie. Mit 'schlecht' bewertet wurden 5 % der Kontrollkinder, 15 % der Diabetiker ohne SH und 29 %
der Diabetiker mit SH. Statistisch war ein Unterschied nicht sicher nachweisbar. Eine verallgemeinernde Schlußfolgerung aus der
Beobachtung ist aufgrund der nicht standardisierten Untersuchungsmethode und der fehlenden Objektivierbarkeit der Ergebnisse mit den
vorliegenden Daten nicht möglich.

Bei der neurologischen Untersuchung fielen außerdem altersabhängige physiologische 'assoziierte Reaktionen' auf, die auch in der
Literatur beschrieben werden und nicht in Zusammenhang mit Diabetes mellitus oder schweren Hypoglykämien stehen.
Die Ergebnisse des Körperkoordinationstests für Kinder (KTK) werden als Motorikquotient (MQ) ausgedrückt. Dieser lag im Median für
alle drei untersuchten Gruppen im Normbereich ohne statistisch nachweisbare Gruppenunterschiede. Es fand sich jedoch ein etwas
niedrigerer MQ bei den Kindern mit schwerer Hypoglykämie. Um einen Hinweis auf mögliche diskrete motorische Defizite der Kinder
ableiten zu können, sind weitere ausführliche Untersuchungen an einem größeren Patientenkollektiv erforderlich.
Die Leistungen im Intelligenztest lagen ebenfalls bei allen drei Gruppen im Normbereich. Es wurden der Gesamt-, Verbal- und
Handlungs-Intelligenzquotient bestimmt. Anhaltspunkte für Beeinträchtigungen durch schwere Hypoglykämien oder Diabetes mellitus
fanden sich nicht.


Zusammenfassend ergaben sich aus der hier vorgelegten Untersuchung keine sicheren Hinweise auf einen schädigenden Einfluß schwerer
Hypoglykämien auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit Diabetes mellitus. Es zeigten sich diskrete Auffälligkeiten bezüglich
der Motorik und der Oberflächensensibilität. Um diese genauer einordnen und bewerten zu können, sind weitere Studien unter
standardisierten Bedingungen notwendig.
Kurzfassung auf Englisch: This retrospective study investigated the influence of severe hypoglycaemia on the development of children and adolescents with type 1
diabetes mellitus. The study sample consisted of 66 girls and boys: 22 diabetic children with no history of severe hypoglycaemia (median
age 11,5 years), 25 diabetic children, who had suffered at least one episode of severe hypoglycaemia (median age 13,1 years) and 19
healthy children as nondiabetic control subjects (median age 11,6 years). Hypoglycaemia was defined as severe, if the patient was not able
to help himself and needed assistance of another person. After detailed exploration, every child was examined neurologically. Motor
development was tested by using the Hamm-Marburger Körperkoordinationstest für Kinder (KTK). Intellectual status was assessed with the
German versions of the Wechsler Intelligence Scales (HAWIK-R and HAWIE-R). Statistical analyses had to be explorative, because the test
subjects were not randomly selected and could not be thought representative. Therefore, test results could not be expressed as 'significant'
or 'not significant'.
As part of the neurological examination the surface sensibility was tested by writing with the finger-tip numbers on the subjects skin. The
children had to recognize these numbers with closed eyes. Poor performance showed 5 % of the control children, 15 % of the diabetic
children without severe hypoglycaemia and 29 % of the diabetic children with severe hypoglycaemia. However, with statistical methods, a
between-group difference could not been shown. The results of the Körperkoordinationstest für Kinder (KTK) are expressed as motoricity
quotient (MQ). This value was in median in the normal range for all three examined groups with no statistical between-group differences.
There was a slightly lower MQ in the children with severe hypoglycaemia. This could be an indication to discrete motor impairment of the
children. But these findings should be interpreted carefully. Further investigations on larger study samples are needed. The results of the
intelligence testing were in the normal range in all three groups. Full scale IQ, verbal IQ and performance IQ scores were collected. There
was no indication to any impairment due to severe hypoglycaemia or diabetes mellitus.
In summary, the present data showed no obvious impairment subsequent to severe hypoglycaemia in children and adolescents with
diabetes mellitus. There were discrete problems regarding motor ability and surface sensibility. For a more detailed interpretation of these
findings, further standardized investigations are necessary.