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Psychosoziale Praxis, Drogengebrauch und das Problem der Identität

Gerhard, Horst


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Institut für Soziologie
Fachgebiet: Soziologie
DDC-Sachgruppe: Sozialwissenschaften, Soziologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 18.02.2002
Erstellungsjahr: 2002
Publikationsdatum: 20.03.2002
Kurzfassung auf Deutsch: Die Dissertation sucht eine theoretische Deutung des Zusammenhangs von Identitätsbildung, Drogengebrauch und psychosozialer Praxis
zu leisten. In einer multiperspektivischen Vorgehensweise werden identitätstheoretische und entwicklungspsychologische Aussagen mit
einer Analyse des gesellschaftlichen Strukturwandels verknüpft. Auf diese Weise wird ein umfassender theoretischer Deutungsrahmen
erstellt, der die Wechselbeziehungen zwischen den Bildungsprozessen individueller und sozialer Identität sowie den unterschiedlichen
Formen und Funktionen des Gebrauchs von psychoaktiven Substanzen (Drogen) zu analysieren erlaubt. In der anschließenden kritischen
Auseinandersetzung mit psychosozialen Interventionsstrategien bei Drogenproblemen wird die theoretische Analyse ergänzt durch eine
Reflexion (eigener) praktischer Erfahrungen in entsprechenden Arbeitsfeldern.


1. Neuere gesellschaftliche Entwicklungstendenzen, die mit den Stichworten Individualisierung, Pluralisierung, Globalisierung umschrieben
werden können, haben die Grundlagen für die Herausbildung stabiler Identitäten geschwächt. Wir finden heute eine zunehmende innere
Pluralisierung (Patchwork-Identität) und Flexibilisierung von Identität. Identitätsbildung ist zu einer biographischen Daueraufgabe geworden,
die eine lebenslange seelische Integrationsarbeit erfordert. Diese Entwicklung ist ambivalent: Sie eröffnet neue Möglichkeiten für eine
kreative Nutzung von Spielräumen, provoziert aber auch ein chronisches Sinndefizit und eine zunehmende Krisenhaftigkeit von
Identitätsbildungsprozessen. Die Verteilung der Chancen und Risiken ist sozialstrukturell (klassen- und geschlechtsspezifisch) determiniert.
Die Schwierigkeiten und Belastungen der Identitätsbildung zeigen sich in besonderer Weise in der Jugendphase, die immer mehr den
Charakter eines psychosozialen Moratoriums verliert.


2. Aufgrund dieser Tendenzen ist eine neue Konfiguration im Verhältnis von Drogengebrauch und gesellschaftlichen Bedingungen
entstanden, die sich als doppelte Entgrenzung der Modalitäten des Gebrauchs von psychoaktiven Substanzen bestimmen läßt:
Drogengebrauch ist nicht mehr nur an bestimmte Szenen bzw. Subkulturen der Gesellschaft und auch nicht mehr ausschließlich an die
Lebensphase der Adoleszenz gebunden. Analog zur Multioptionalität der Lebenskonzepte und zur intrapsychischen Pluralisierung der
Person haben sich multioptionale Drogengebrauchsmuster herausgebildet. Drogengebrauch spielt eine mehrdeutige Rolle als Vehikel der
routinierten Alltagsbewältigung und der Rekreation im Kontext einer Lifestyle- und Erlebniskultur wie auch als prekärer Versuch der
'Selbstheilung' einer verunsicherten Identität. Im Kontext adoleszentärer Entwicklungsprobleme finden wir gleichfalls ein breites Spektrum
differenzierter, abgestufter Muster des Drogenkonsums.


3. Die neue Konfiguration im Verhältnis von Drogengebrauch und Identitätsentwicklung macht sich auch bezüglich der Strategien
psychosozialer Intervention bemerkbar, die auf die neuen gesellschaftlichen Verwerfungen antworten. Die Analyse der Möglichkeiten und
Grenzen eines beratenden, therapeutischen, begleitenden etc. Umgangs mit Betroffenen sowie von präventiven Strategien zeigt, daß das
integrative Modell psychosozialer Praxis tendenziell in die Polarität therapeutisierender Hilfsangebote auf der einen sowie ausgrenzender
Kontrollsysteme auf der anderen Seite zerfällt. Der präventiven Vorverlagerung psychosozialer Aktivitäten korrespondiert eine neue
Ausschluß- und Ausgrenzungstendenz. Während ausdifferenzierte Strategien psychosozialer Intervention die heterogenen
Problemsituationen bearbeiten, die mit Drogenmißbrauch und -abhängigkeit verbunden sind, blockieren drogenpolitische
Rahmenbedingungen und institutionelle Eigendynamiken vielfach die Entfaltung psychosozialer Praxis.