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Der Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung im Alltag : Zur Wirkung von Motivation und subjektiver Kompetenzerwartung

Reinhard, Marc-André


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Fachgebiet Psychologie
Fachgebiet: Psychologie
DDC-Sachgruppe: Psychologie
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 11.12.2001
Erstellungsjahr: 2001
Publikationsdatum: 24.01.2002
Kurzfassung auf Deutsch: Die Dissertation hatte sich zum Ziel gesetzt den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung im Alltag mit Hilfe eines allgemeinen Modells der
Informationsverarbeitung (dem Heuristic-Systematic-Model von Chaiken, 1980, 1987) zu beschreiben. Insbesondere wurden aus dem
Heuristic-Systematic-Model (HSM) Hypothesen zum Einfluss der Motivation und der situativen Vertrautheit von Urteilern auf die
Verwendung inhaltlicher und quellenbezogener Informationen bei der Glaubwürdigkeitszuschreibung abgeleitet. In einer Pilotstudie und in
Experiment 1 und 2 wurde der Einfluss der Motivation auf den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung im Alltag untersucht. In Experiment
1 wurde hierzu neben der Motivation der Urteiler, die Plausibilität der Aussagen einer Quelle sowie die Vertrauenswürdigkeit der Quelle
systematisch variiert. Wie vom HSM vorhergesagt, verwendeten nur hoch motivierte Urteiler im Gegensatz zu niedrig motivierten Urteilern
die inhaltliche Plausibilität der Aussagen für ihr Glaubwürdigkeitsurteil. Experiment 2 konnte darüber hinaus zeigen, dass dieser Einfluss
der Motivation nicht wie vom Unimodel (Kruglanski, Thompson, & Spiegel, 1999) behauptet von der Darbietungsreihenfolge der inhaltlichen
und quellenbezogenen Informationen abhängt. Die Experimente 3 bis 5 untersuchten den Einfluss der situativen Vertrautheit von Urteilern
auf den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Wie nach den Annahmen des HSM zu erwarten, verwendeten nur mit der Situation
vertraute Urteiler (im Gegensatz zu mit der Situation wenig vertrauten Urteilern) den Aussageinhalt für ihr Glaubwürdigkeitsurteil.



These 1: Die Motivation der Urteiler beeinflusst die Wahl von systematischer und heuristischer Informationsverarbeitung bei
der Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Urteiler mit hoher Motivation verarbeiten systematisch urteilsrelevante (insbesondere
inhaltliche) Informationen. Bei niedriger Motivation wählen Urteiler eine heuristische Informationsverarbeitungsstrategie.
Hierbei werden verstärkt Informationen über die Quelle und weniger Informationen die den Aussageinhalt betreffen
herangezogen.


Nach dem HSM von Chaiken (1980, 1987; siehe auch Chen & Chaiken, 1999) beeinflusst die Motivation von Personen die Wahl von
systematischer und/oder heuristischer Informationsverarbeitung. Personen mit hoher Motivation verarbeiten systematisch (intensiv) den
Aussageinhalt, Personen mit niedriger Motivation verwenden heuristische Hinweisreize (z.B. Quelleninformationen) unter zu Hilfenahme von
Faustregeln zur Urteilsbildung. Diese Vorhersage konnte im Bereich der Einstellungsforschung empirisch vielfach bestätigt werden (z.B.
Chaiken, 1980; Chaiken & Maheswaran, 1994; siehe auch Eagly & Chaiken, 1993; Chen & Chaiken, 1999).


Die vorliegende Arbeit zeigte, dass diese Vorhersagen auch für den Prozess der Glaubwürdigkeitsbeurteilung im Alltag zutreffen. In einer
Pilotstudie konnte gezeigt werden, dass nur Personen mit hoher Motivation im Gegensatz zu Personen mit niedriger Motivation vermehrt
Gedanken über den Inhalt einer Aussage berichten, wenn sie ein Glaubwürdigkeitsurteil fällen sollen. Experiment 1 konnte darüber hinaus
direkte Belege für den Einfluss der Motivation auf die systematische Verarbeitung bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung bringen. Die
experimentelle Manipulation inhaltlicher Merkmale einer Aussage (Plausibilität) wirkte sich nur bei hoch motivierten, nicht jedoch bei niedrig
motivierten Personen auf das Glaubwürdigkeitsurteil aus. Niedrig motivierte Urteiler verwendeten ausschließlich Informationen über die
generelle Vertrauenswürdigkeit der Quelle.



These 2: Der vom HSM angenommene Einfluss der Motivation auf die systematische Verarbeitung inhaltlicher Informationen
ist nicht wie vom Unimodel (Kruglanski, Thompson, & Spiegel, 1999) angenommen abhängig von der Darbietungsreihenfolge
inhaltlicher und quellenbezogener Informationen.


In Experiment 2 wurde die vom Unimodel aufgestellte konkurrierende Hypothese überprüft, dass die Verarbeitung inhaltlicher und
quellenbezogener Informationen bei niedriger Motivation von der Darbietungsreihenfolge der zwei Informationsarten abhängt. Hierzu
wurden in Experiment 2 neben der Plausibilität der Aussagen und der Vertrauenswürdigkeit der Quelle auch die Darbietungsreihenfolge
der zwei Informationsarten (zuerst die Aussagen versus zuerst die Informationen über die Quelle) manipuliert. Die Motivation der Urteiler
wurde generell niedrig gehalten. Während das Unimodel eine Wechselwirkung der Darbietungsreihenfolge mit der Informationsart
vorhersagte, sollte nach dem HSM die Darbietungsreihenfolge keine Rolle spielen. Die Ergebnisse bestätigten die Annahmen des HSM.
Unabhängig von der Darbietungsreihenfolge der Informationsarten wirkte sich nur die Variation der Vertrauenswürdigkeit signifikant auf
das Glaubwürdigkeitsurteil der Personen aus. Derzeit liegen leider keine weiteren empirischen Belege zu den Annahmen des Unimodels
vor. Eine abschließende Beurteilung des Unimodels ist somit noch nicht möglich.



These 3: Die situative Vertrautheit von Urteilern beeinflusst die Verwendung inhaltlicher und quellenbezogener Informationen
bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Bei hoher situativer Vertrautheit ziehen Urteiler den Aussageinhalt für die
Glaubwürdigkeitsbeurteilung heran. Quellenmerkmale werden dagegen bei niedriger situativer Vertrautheit von den Urteilern
verwendet.


Erste bestätigende Hinweise für diese Annahme stammen von Stiff, Miller, Sleight, Mongeau, Garlick und Rogan (1989), die zeigen
konnten, dass die situative Vertrautheit von Urteilern die Verwendung nonverbaler Informationen bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung
beeinflusst. Im Bereich der Einstellungsforschung konnten z.B. Bohner, Rank, Reinhard, Einwiller und Erb (1998) zeigen, dass persönliche
Effizienzerwartungen die systematische Informationsverarbeitung beeinflussen.


Experiment 3 bis 5 unterstützten die These 3. In Experiment 3 zeigte sich, dass Urteiler, die mit der Situation vertraut sind, ausschließlich
den Aussageinhalt zur Urteilsbildung heranziehen. Nicht mit der Situation vertraute Urteiler verwenden hingegen ausschließlich das
nonverbale Verhalten der Quelle für ihre Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Experiment 4 zeigte darüber hinaus, dass auch bei Vorliegen von
schriftlichen Informationen Urteiler nur dann den Aussageinhalt für ihr Urteil verwenden, wenn sie mit der Urteilssituation vertraut sind. Die
allgemeine Vertrauenswürdigkeit wirkte sich in Experiment 4 entgegen der Erwartung nicht aus. Experiment 5 konnte zeigen, dass nicht nur
die tatsächliche Vertrautheit, sondern auch eine Annahme über die Vertrautheit (vermittelt über eine fingierte Rückmeldung) die
Verwendung inhaltlicher Informationen beeinflusst.



These 4: Die Motivation und die situative Vertrautheit von Urteilern wirken sich in unterschiedlicher Weise auf den Prozess der
Glaubwürdigkeitsbeurteilung aus. Die Motivation wirkt sich auf die Intensität der Verarbeitung und die Nutzung des
Aussageinhalts bei der Glaubwürdigkeitsbeurteilung aus. Die situative Vertrautheit wirkt sich dagegen nur auf die Nutzung
des Aussageinhalts aus.


Nach dem HSM sollte die Motivation von Urteilern das Ausmaß an systematischer (intensiver) Verarbeitung inhaltlicher Informationen
beeinflussen. Je höher die Motivation einer Person ist, umso intensiver wird der Aussageinhalt verarbeitet. Urteilern mit hoher Motivation
sollten im Gegensatz zu Urteilern mit geringer Motivation intensiv den Aussageinhalt verarbeiten und inhaltliche Merkmale der Aussage
registrieren. Die inhaltliche Bewertung (z.B. der Plausibilität der Aussagen) sollte somit nur bei hoch motivierten Urteilern durch die
Manipulation der Plausibilität beeinflusst sein. Die Pilotstudie und Experiment 1 konnten dies bestätigen. Urteiler mit hoher Motivation
berichten mehr inhaltliche Gedanken als Personen mit niedriger Motivation. Darüber hinaus wirkt sich die Manipulation der Plausibilität nur
bei hoch motivierten Urteilern auf die inhaltliche Bewertung (Wahrnehmung der Plausibilität) aus. Exemplarische Pfadanalysen (in
Anlehnung an Baron & Kenny, 1986) für Experiment 1 zeigten, dass Urteiler mit hoher Motivation die Aussagen systematisch verarbeiteten.
Die Glaubwürdigkeitszuschreibung hing stark mit der inhaltlichen Beurteilung der Aussagen zusammen. Darüber hinaus beeinflusste die
Variation der Plausibilität sowohl signifikant die Bewertung des Inhalts als auch die Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Der Einfluss der Variation
der Plausibilität auf die Glaubwürdigkeitsbeurteilung wurde abgeschwächt, wenn die Bewertung des Inhalts mit in die Analyse
aufgenommen wurde. Für Personen mit niedriger Motivation zeigte sich hingegen weder ein signifikanter Einfluss der Variation der
Plausibilität auf die Bewertung des Inhalts noch auf das Glaubwürdigkeitsurteil. Die Bewertung des Inhalts zeigte keinen signifikanten
Zusammenhang mit der Glaubwürdigkeitszuschreibung. Nach Stiff et al. (1989) sollte sich die situative Vertrautheit von Urteilern nicht auf
die intensive Verarbeitung des Aussageinhalts auswirken. Sowohl Urteiler, die mit der Situation vertraut sind, als auch Urteiler die wenig
mit der Situation vertraut sind, verarbeiten den Inhalt intensiv. Unabhängig von der situativen Vertrautheit werden inhaltliche Merkmale wie
z.B. Plausibilität oder Widersprüche erkannt. Die situative Vertrautheit wirkt sich somit nicht auf die intensive Verarbeitung des
Aussageinhalts aus, sondern auf die Verwendung des Aussageinhalts bei der Urteilsbildung. Für den Einfluss der situativen Vertrautheit
ergaben die exemplarischen Pfadanalysen zu Experiment 3 folgendes Muster. Die Variation der Plausibilität wirkte sich bei niedrig
vertrauten aber hoch motivierten (anders als bei niedrig motivierten) Urteilern signifikant auf die Bewertung des Inhalts aus. Die inhaltliche
Bewertung wiederum hing signifikant mit dem Glaubwürdigkeitsurteil zusammen. Die Variation der Plausibilität wirkte sich, wie bei niedrig
motivierten Urteilern, nicht direkt auf die Glaubwürdigkeitsbeurteilung aus. Bei mit der Situation hoch vertrauten Urteilern dagegen hing die
Glaubwürdigkeitszuschreibung sehr stark mit der inhaltlichen Beurteilung der Aussagen zusammen. Die Variation der Plausibilität
beeinflusste sowohl signifikant die Bewertung des Inhalts als auch die Glaubwürdigkeitsbeurteilung. Der Einfluss auf die
Glaubwürdigkeitsbeurteilung wurde nur wenig abgeschwächt, wenn die Bewertung des Inhalts mit in die Analyse aufgenommen wurde. Die
Pfadanalysen zum Einfluss der Motivation in Experiment 1 und der situativen Vertrautheit in Experiment 3 zeigen somit deutliche
Unterschiede. Bei niedrig motivierten Urteilern wirkte sich die Variation der Plausibilität der Aussagen nicht signifikant auf die inhaltliche
Bewertung der Aussagen noch auf die Glaubwürdigkeitszuschreibung aus. Auch die inhaltliche Bewertung der Aussagen hing nicht
signifikant mit der Glaubwürdigkeitszuschreibung zusammen. Bei wenig vertrauten Urteilern zeigte sich dagegen ein signifikanter Einfluss
der Variation der Plausibilität auf die inhaltliche Bewertung der Aussagen. Auch hing die inhaltliche Bewertung mit der
Glaubwürdigkeitszuschreibung signifikant zusammen. Die Variation der Plausibilität wirkte sich dagegen, wie bei niedrig motivierten
Personen, nicht auf die Glaubwürdigkeitszuschreibung aus. Die Pfadanalysen weisen somit daraufhin, dass niedrig motivierte Urteiler den
Inhalt von Aussagen nicht systematisch verarbeiten, wenig vertraute Urteiler dagegen den Inhalt zwar systematisch verarbeiten, jedoch nicht
zur Urteilsbildung heranziehen.