Giessener Elektronische Bibliothek

GEB - Giessener Elektronische Bibliothek

Hinweis zum Urheberrecht

Bitte beziehen Sie sich beim Zitieren dieses Dokumentes immer auf folgende
URN: urn:nbn:de:hebis:26-opus-7058
URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2002/705/


Erfassung der Behandlungseffekte bei degenerativ und traumatisch bedingten Hüft- und Kniegelenkserkrankungen durch ein untersucherunabhängiges Messinstrument

Grimmig, Heike


pdf-Format: Dokument 1.pdf (601 KB)

Bookmark bei Connotea Bookmark bei del.icio.us
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Orthopädische Klinik des Rehazentrum Bad Eilsender LVA Hannover
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 03.12.2001
Erstellungsjahr: 2001
Publikationsdatum: 14.01.2002
Kurzfassung auf Deutsch: Assessmentverfahren haben in den letzten Jahren einen zunehmend höheren Stellenwert in der Medizin erhalten. Sie eignen sich, um intra-
und interindividuelle Verläufe einer Krankheit quantitativ zu erfassen, zu bewerten und unterschiedliche Therapiemaßnahmen im Sinne der
Qualitätssicherung zu analysieren.

Der Einsatz von Assessmentverfahren ermöglicht damit einerseits die professionelle Kommunikation. Andererseits bilden diese
Messinstrumente die Basis für eine 'Evidenz-basierte Medizin'.
Die Rehabilitation lässt sich auf der Grundlage des 3-Ebenen-Modells (WHO 1997) in die Bereiche Impairment, Aktivität und Participation
gliedern.

Während die Gesundheitsstörung ('impairment') selber durch den klinischen Befund und apparative Untersuchungen gut abgebildet
werden kann, ist man bei der Erfassung der daraus resultierenden Funktionsstörung ('activity') und der sozialen Beeinträchtigung
('participation') auf spezielle Assessmentverfahren angewiesen.

Häufig handelt es sich dabei um standardisierte Fragebogeninstrumente. Einflüsse durch den Untersucher oder Behandler können
weitgehend ausgeschlossen werden, indem Selbstbeurteilungsbögen als Messinstrumente eingesetzt werden. Assessmentinstrumente
gliedern sich in krankheitsübergreifende, spezifische Instrumente und Verfahren für die sozialmedizinische Begutachtung.
In dieser Arbeit werden zunächst im Rahmen einer Literaturrecherche spezifische Messinstrumente ausgewählt, welche die Erfassung der
Behandlungseffekte bei Hüft- und Kniegelenkserkrankungen ermöglichen. Aus gesundheitsökonomischen Aspekten sollten die
Assessmentinstrumente vorrangig als Selbstbeurteilungsbogen eingesetzt werden. Zudem wurde gefordert, dass die Messinstrumente
nach Möglichkeit international etabliert sein sollten. Diese Anforderungen wurden am besten von dem WOMAC-Index (BELLAMY, 1982)
und dem Lequesne-Index (LEQUESNE, 1987) erfüllt. Beide wurden ausschließlich für Patienten mit Osteoarthrose der Hüft- und
Kniegelenke entwickelt.

Der WOMAC-Index ist ein standardisiertes Verfahren zur Selbstbeurteilung von Schmerz, Steifigkeit und Alltagsaktivität.
Der Lequesne-Index wurde als standardisiertes Interview-Verfahren zur Beurteilung von Schmerz, Gehleistung und Alltagsaktivität
entwickelt. Der Einsatz des Lequesne-Index als Selbstbeurteilungsbogen erbrachte in einer Studie von STUCKI (1996a) jedoch keine
ausreichende biometrische Güte.

Deshalb wurde der Lequesne-Index, der international häufiger eingesetzt wird als der WOMAC-Bogen, als Selbstbeurteilungsbogen
kulturell adaptiert und auf seine biometrischen Kriterien, seine Handhabung und Akzeptanz getestet.
Die Übersetzung erfolgte nach den Richtlinien zur kulturellen Adaptation von Fragebogen -instrumenten (STUCKI et al.,1997).und bereitete
bei der Übersetzung-Rückübersetzung keine Probleme.

Die Überprüfung der Reliabilität erfolgte an einem Patientenkollektiv bestehend aus 22 Patienten mit Hüft- und 21 Patienten mit
Knieerkrankungen. Für die Test-Retest-Zuverlässigkeit konnten gute bis sehr gute Ergebnisse ermittelt werden (IKK 0,88 – 0,95). Die
Konsistenzprüfung der einzelnen Fragenkomplexe zu dem Gesamtscore lieferte gute bis sehr gute Ergebnisse
(Pearson-Korrelationskoeffizient 0,58-0,88). Die interne Konsistenz ist bei den Schmerzfragen gering, bei den übrigen Fragekomplexen
gut.

Die Überprüfung der Validität erfolgte an einem Patientenkollektiv bestehend aus 112 Patienten mit Hüft- und 83 Patienten mit
Knieerkrankungen. Von dieser Patientengruppe füllten jeweils 28 mit Hüft- und Knieerkrankungen zusätzlich den WOMAC-Index aus. Bei
65 Patienten mit Hüfterkrankungen und 52 mit Knieerkrankungen wurde die Schmerzintensität zusätzlich mit der visuellen Analogskala
erfasst. Bei allen Patienten erfolgte eine standardisierte klinische Untersuchung.

Bei der statistischen Auswertung der erhobenen Daten zeigte sich eine gute Assoziation des Lequesne-Index mit dem WOMAC-Index. Zu
der visuellen Analogskala bestand eine schwache Korrelation. Gegenüber den gemessenen klinischen Parametern konnte keine
ausreichende Korrelation nachgewiesen werden. Dieses Ergebnis entspricht insofern den Erwartungen, als die klinische Untersuchung
meist keinen Rückschluss auf die Schmerzintensität, die Gehleistung und die Alltagsbewältigung erlaubt.

Die Überprüfung von Handhabung und Akzeptanz liefert für den Lequesne-Index sehr gut Ergebnisse. Im Vergleich zum WOMAC-Index
zeigt der Lequesne-Fragebogen eine höhere Rücklaufquote und einen geringeren Zeitaufwand für Arzt und Patient.
Die Empfindlichkeit ist bei beiden Assessmentverfahren gut, wobei der WOMAC-Fragebogen bessere Ergebnisse als der
Lequesne-Index erreicht.

Für die Erfassung der Behandlungseffekte bei degenerativ und traumatisch bedingten Hüft- und Knieerkrankungen, durch ein
untersucherunabhängiges Messinstrument, erscheinen im deutschen Sprachraum sowohl der Lequesne- Index als auch der WOMAC-Index
geeignet. Mit beiden Assessmentverfahren können Veränderungen, als Ergebnis einer Behandlung, aus der Sicht der Patienten dargestellt
werden.

Der Lequesne-Index ist international (als Interview-Verfahren) besser etabliert. Er bietet Vorteile bei der Handhabung und Akzeptanz. Er
eignet sich besonders für den routinemäßigen Einsatz im klinischen Alltag bzw. in der Rehabilitation zur Erfassung des individuellen
Gesundheitszustandes. Der WOMAC-Index zeigt eine bessere interne Konsistenz im Bereich der Schmerzfragen und eine höhere
Empfindlichkeit. Er hat daher Vorteile bei der Ergebnismessung im Rahmen wissenschaftlicher Studien.