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Lineare anthropogene Gehölz- und Saumstrukturen im Bachgau (Gmde. Großostheim, Lkrs. Aschaffenburg) : Historische, vegetationskundliche und ökologische Analyse der Hecken und Säume unter besonderer Berücksichtigung der Landwirtschaft : Naturschutzfachliche Bewertung und Erstellung eines integrierenden Nutzungs- und Schutzkonzepts

Schmelz, Frank T.


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Dokument 1: Dissertation - Dokument 2: Karten I - VII

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Freie Schlagwörter (Deutsch): Hecken , Säume , Bachgau , Grossostheim
Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Geographisches Institut
Fachgebiet: Geographie
DDC-Sachgruppe: Geografie, Reisen
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 07.05.2001
Erstellungsjahr: 2001
Publikationsdatum: 25.09.2001
Kurzfassung auf Deutsch: Lineare anthropogene Gehölz- und Saumstrukturen im Bachgau (Gmde. Großostheim, Lkrs. Aschaffenburg) sind
Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit. Dem Wissenschaftler und Praktiker aus Ökologie, Naturschutz und Planung gewährt
die Arbeit einen Einblick in oftmals wenig beachtete Überschneidungsbereiche eines primär naturwissenschaftlichen Themas mit seinen
sozialen und historischen Nachbargebieten.


In einer historischen Analyse zu Beginn der Arbeit steht die Frage im Mittelpunkt, welche Heckentypen im Untersuchungsgebiet wann und
unter welchen natürlichen und agrarsozialen Voraussetzungen entstanden sind. Vor allem gegen die verbreitete Vorstellung einer
jahrhundertelangen Existenz des Hauptheckentyps, den auf Stufenrainen stockenden 'Terrassenhecken', richten sich zahlreiche Einwände.
Diese gemeinhin als Charakterelemente der Gäulandschaften betrachteten Gehölzstrukturen sind erheblich jünger einzuschätzen.
Stichhaltige Indizien sprechen dafür, dass ihrer Ansiedlung auf Stufenrainen erst mit der im Geist der Aufklärung vollzogenen Abschaffung
der flurzwanggebundenen Dreizelgenwirtschaft durch den Mainzer Landesherrn im Jahr 1770 allmählich der Weg geebnet wurde.


Ein bitemporaler Luftbildvergleich zwischen 1945 und heute ergibt, dass die Länge linearer anthropogener Gehölzelemente im
Untersuchungsgebiet seit 1945 um absolut mindestens 4,8 km auf 34,3 km zunahm. Trotz der Beseitigung von Heckenstandorten während
der Flurbereinigung ist dies v.a. auf diverse Neuanpflanzungen und ferner auf die durch Beendigung der Stufenrainmahd bedingte
Sukzession zurückzuführen. Augenfälligste Folge dieser jüngsten Entwicklung war, dass lineare anthropogene Gehölz- und Saumstrukturen,
die sich bis 1945 auf den Naturraum Reinheimer Hügelland beschränkt hatten, neuerdings auch im historisch heckenfreien Naturraum
Untermainebene auftreten.


Als Grundlage für eine spätere naturschutzfachliche Bewertung wurde während der Vegetationsperioden 1997 und 1998 die Hecken- und
Saumvegetation im Bachgau kartiert und einer pflanzensoziologischen Auswertung unterzogen. An unterschiedlichen Wuchsorten wie
Ackerterrassenböschungen, Hohlwegen, Kerben und sonstigen Standorten (z.B. ehemalige Bahntrasse) konnten 14 Gehölz- und 9
Saumgesellschaften herausgearbeitet werden. Speziell diskutiert wird z.B. die Frage, warum im Untersuchungsgebiet mit den
Kirschen-Altersstadien und den aus montanen Lagen bekannten Haselgesellschaften parallel zwei unterschiedliche Terminalgesellschaften
auftreten.


Die während der Feldarbeit gewonnenen Daten wurden anschließend zur Beantwortung ökologischer Fragestellungen herangezogen. Die
wichtigsten ökologischen Ergebnisse der Untersuchung lassen sich punktartig wie folgt zusammenfassen:


Die Heckendichte besitzt keinen Einfluss auf die Pflanzenartenzahl der Heckenvegetation.

Die Heckendichte beeinflusst signifikant den Anteil ornithochorer Arten an der Pflanzenartenzahl einer Vegetationsaufnahme. Dies
trifft zu für das Pruno-Ligustretum (B=33,2%*), die Waldgesellschaften (B=29,3%*) und die Hohlwegsgehölze (B=43,8%**).

Zwischen der Breite einer Terrassenhecke und ihrer mittleren ELLENBERG-Stickstoffzahl besteht kein signifikanter Zusammenhang.

Der Zusammenhang zwischen Saumbreite und mittlerer ELLENBERG-Stickstoffzahl der angrenzenden Terrassenhecke ist in
Ackerumgebung signifikant negativ (rS=-0,52**).

Zwischen Terrassenhecken, deren Oberlieger Ackerland ist, und Terrassenhecken, deren Oberlieger nicht Ackerland ist, besteht
hinsichtlich der mittleren ELLENBERG-Stickstoffzahl kein signifikanter Unterschied.

Zwischen den Oberliegerkategorien Acker, Grünland und Hecke lassen sich signifikante Unterschiede hinsichtlich Artenzahl und
SHANNON-Diversitätsindex von Terrassenheckensäumen nachweisen.

Zwischen den Oberliegerkategorien Acker, Grünland und Hecke lassen sich keine signifikanten Unterschiede hinsichtlich
SHANNON-Evenness und mittlerer ELLENBERG-Stickstoffzahl von Terrassenheckensäumen nachweisen.

Der Zusammenhang zwischen Saumbreite und dem Anteil der Ackerkonkurrenzarten an der Saumdeckung ist signifikant
(rS=-0,72***). Ebenso signifikant negativ ist der Zusammenhang zwischen Saumbreite und dem Anteil der Tauben Trespe (Bromus
sterilis) an der Saumdeckung (rS=-0,56*). In beiden Fällen trifft dies zu für Terrassenheckensäume, die an Ackerland angrenzen.

Weder Artenzahl, SHANNON-Diversitätsindex noch SHANNON-Evenness von Terrassenheckensäumen zeigen hinsichtlich der
horizontalen Lage des Saums zur dazugehörigen Terrassenhecke statistisch abgesicherte Unterschiede.


In einem nicht repräsentativen Interview wurden 19 Landwirte zu ihrer Einstellung und ihrem Wissen über Hecken befragt. Dabei zeigte
sich, dass die agrarökologischen und agrarentomologischen Zusammenhänge zwischen Hecken- und Saumstruktur und der angrenzenden
landwirtschaftlichen Nutzfläche den bäuerlichen Interviewpartnern weitgehend unbekannt sind. Das Einhalten des Abstands zur Nutzfläche,
das gelegentliche Auf-den-Stock-setzen und der Verzicht auf das Einbringen von Bäumen sind die Hauptforderungen der Landwirte an den
Umgang mit bestehenden Hecken bzw. an etwaige Neuanlagen. Im Gegensatz zu älteren Landwirten wird von jüngeren Betriebsleitern die
Neuanpflanzung von Hecken - etwa im Rahmen gemeindlicher Ausgleichsmaßnahmen - im Allgemeinen nicht gutgeheißen.


Eine naturschutzfachliche Bewertung linearer Gehölz- und Saumstrukturen unterstreicht ihren dargelegten hohen naturschutzfachlichen
Wert. Neben dem Randeffekt, der hohe Zahlen von aus originär anderen Lebensräumen stammenden Tier- und Pflanzenarten mit sich
bringt, gründet sich die hohe Wertschätzung auf die reiche Vegetationsdifferenzierung, die unterschiedlichen dynamischen und
physiognomischen Stadien und das hecken- und saumgebundene Vorkommen von mindestens 218 Gefäßpflanzenarten. Aus der Düngung
angrenzender Nutzflächen und dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln resultieren aus Sicht des Naturschutzes Gefährdungen der Hecken-
und Saumbiotope. Negative Effekte auf Hecken- und Saumstrukturen gehen ebenso von der Forstwirtschaft aus (gemeindliche
Ersatzaufforstungen). Möglichkeiten zur Konfliktvermeidung werden für diese Konfliktfelder aufgezeigt. Aufgrund der permanenten, v.a.
durch tierökologische Literaturangaben untermauerten Gefährdungen von Seiten der Landwirtschaft, werden lineare Gehölz- und
Saumstrukturen als schutzwürdig und schutzbedürftig eingestuft. Schutzvorschläge in einem jenseits des verordnungsrechtlichen
Naturschutzes liegenden Rahmen werden unterbreitet und mit den Anliegen der Landwirte in einem Nutzungs- und Schutzkonzept integriert.
Elementare Bestandteile dieses mediativen Konzepts sind die Wieder- bzw. Erstaufnahme der Heckennutzung und die Einrichtung 5 Meter
breiter Pufferstreifen beiderseits der linearen Gehölz- und Saumstrukturen.


In einer Schlußbetrachtung wird die Überbetonung linearer Gehölzstrukturen innerhalb der Naturschutz- und Landschaftsplanung und
speziell im Großostheimer Landschaftsplan als Problem erkannt. Um eine Aussage über die kulturlandschaftliche Eignung des im
Großostheimer Landschaftsplan vorgeschlagenen gebietsüberspannenden Heckennetzes treffen zu können, werden aufbauend auf der
Kulturlandschaftsgeschichte und der naturräumlichen Ausstattung Grundzüge eines bachgauspezifischen Landschaftsleitbildes formuliert:
Die Quintessenz der Leitbildsuche mündet in die Forderung, die mit dem naturräumlichen Profil korrespondierenden anthropogenen
Charakteristika der drei im Untersuchungsgebiet präsenten Naturräume Buntsandsteinodenwald, Reinheimer Lößhügelland und
Untermainebene herauszuheben. Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der Tatsache, dass heute ein Allzeithoch bezüglich der
Heckenlänge im Bachgau erreicht ist, ist entgegen den Forderungen von Landschaftsplan, Landratsamt und Marktgemeinde kein Bedarf zu
erkennen, neue Hecken im Untersuchungsgebiet einzubringen - gleichermaßen im historisch heckenfreien Naturraum Untermainebene, wie
auch im Hügelland, das traditionell reich an linearen Gehölz- und Saumstrukturen ist.
Kurzfassung auf Englisch: Hedges and their edges are subject of this doctoral thesis. Starting with a historical analysis, the question was, which types of hedges
appeared when and under which circumstances in the Bachgau. Though it is commonly believed that the charcteristic type of hedges in the
Bachgau, the spontaneously colonizing hedge on contour-parallel banks between two cultivated plots, always has been there, many
objections have to be raised to this opinion. These so called 'Terrassenhecken' are to be assessed much younger: There is sound
evidence that the 'Terrassenhecken' could develop not until the late 18th century, when fundamental changes came up in agriculture and
law.


A comparison between air-photos from 1945 and today shows that the total length of Bachgau hedges grew at least by 4,8 km during the
past 50 years, despite the fact that many original hedges had been destroyed during farmland-consolidation in the 1950/60s. This increase
in length and number of hedges is attributable to shrubs taking possession of shrub-free banks as well as to planting new hedges. As a
noticeable result of this recent development, hedges today can be found also in the flat northern section of the Bachgau (lower river Main
plain), where - from a historical and genetical view - hedges have never occured so far.


As a basis for further conservational assessing, the vegetation of the Bachgau´s hedges and their edges has been examined in 1997 and
1998. 14 hedge- and 9 edge-societies at different sites like contour-parallel banks between two cultivated plots, defiles and gullies have
been described.


The most crucial results from ecological-statistical analysis are listed below:


hedgerow density (length per area) shows no effect on the number of plant-species in the hedge.

hedgerow density significantly influences the share of bird-dispersed plant-species of the total number of plant-species. This applies
to the Pruno-Ligustretum (r2=0,33*), the forest-like hedges (r2=0,29*) and the hedges along defiles (r2=0,44**).
no significant correlation was found between the width of a 'Terrassenhecke' and its ELLENBERG-nitrogen figure.

the correlation between the width of the edge and the ELLENBERG-nitrogen figure of the adjacent hedge is significantly negative
(rS=-0,52**).

the relation between the width of the edge and the share of field-weeds of the plant-covering of the edge is significantly negative
(rS=-0,72***).

neither the number of plant-species nor SHANNON´s diversity index nor SHANNON´s evenness of edges show significant
differences concerning the horizontal position of the edge towards the adjacent hedge.


19 farmers of the Bachgau area were asked in an interview about their attitude towards and their knowledge about hedges. This not
representative study revealed that the farmers are not familiar with the agroecological and agroentomological interactions between hedge
and adjacent field. The farmers call for pruning hedges from time to time in order to reduce shading crops and not planting trees in new
hedges. Unlike older farmers, younger farmers generally do not agree with bringing new hedges into the Bachgau landscape.


Because of the edge-effect, the function as a corridor, the different dynamic and physiognomic phases and the appearance of 218 higher
plant-species found, hedges and their edges are of great conservation value. Due to enduring threats to hedges from fertilizing adjacent
field and applying pesticides, recommendations are made how to protect these biocenoses. It was an aim to reconcile the interests of both
farmers and conservationists. Recommendations include cutting hedges - which has not appeared so far in the Bachgau - in order to
prevent branches of trees from penetrating and casting a shade upon the crops as well as creating buffer-strips between field and hedge.