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Funktionell isolierbare kognitive Subprozesse und schizophrene Störungen

Krieger, Stephan


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Universität Justus-Liebig-Universität Gießen
Institut: Medizinisches Zentrum für Psychiatrie
Fachgebiet: Medizin
DDC-Sachgruppe: Medizin
Dokumentart: Dissertation
Sprache: Deutsch
Tag der mündlichen Prüfung: 10.08.2000
Erstellungsjahr: 2000
Publikationsdatum: 01.08.2001
Kurzfassung auf Deutsch: 1896 definierten E. Kraepelin und 1997 N. Andreasen das Projekt einer naturwissenschaftlichen Psychopathologie, das die Ebene der
Beschreibung gestörten Verhaltens durch die Erfassung fundamentaler kausaler Mechanismen ergänzt. Auf der Annahme, daß
schizophrene Störungen vor allem als Störungen kognitiver Prozesse zu begreifen sind und auf der Basis von Marr's (1982) Formulierung
der drei Ebenen in der Analyse informationsverarbeitender Systeme - Problemanalyse, Algorithmisierung und Implementierung in
Hardware - wird die Isolierung von gestörten Subprozessen in Modellen kognitiver Verarbeitung als ein möglicher Betrag zu diesem Projekt
verstanden.


Ausgangspunkt ist der Versuch der Definition von Kognition als wissensbasierte Informationsverarbeitung, die auf den Operationen von
funktionell isolierbaren und - im Prinzip - anatomisch lokalisierbaren Subprozessen beruht. Schemata (Arbib 1989) als ordnendes und
strukturierendes Konzept werden eingeführt. Es wird gezeigt, wie Konflikte zwischen gleichzeitig aktiven und miteinander um nicht
redundant ausgelegte Funktionen konkurrierenden Schemata Kontrollprozesse notwendig machen. Die in der Psychologie populäre
Dichotomie automatischer und kontrollierter Prozesse wird im Hinblick auf die entwickelten Überlegungen dargestellt.


Diese Überlegungen werden als Basis für eine Darstellung elektrophysiologischer Denkansätze und für eine Diskussion der Frage nach
Selektivität und Spezifität von Untersuchungsergebnissen in der Schizophrenieforschung verwandt.


Schließlich werden eigene Experimente vorgestellt, die aus jeweils mehreren unabhängigen Untersuchungen von Patientenstichproben und
parallelisierten gesunden Personen bestehen. Dabei stehen Neuroleptika-naive, ersterkrankte paranoid schizophrene Patienten im
Vordergrund.


Eine erste Untersuchungsreihe, die auf den Annahmen der Methodik des klassischen Informationsverarbeitungsansatzes (Donders 1868)
beruht, soll die Nützlichkeit dieses Ansatzes bei der Isolierung von kognitiven Problemen schizophrener Patienten demonstrieren.
Probleme von schizophrenen Patienten bei der Übersetzung korrekter Perzepte in Handlungen werden als selektiv betroffen identifiziert.


In einer zweiten Untersuchungsreihe wird, um eine weitere Annäherung an die hier vorgeschlagene Definition von Kognition zu erreichen,
das serielle Konzept der Informationsverarbeitung um die Existenz von schleifenförmigen Wiederholungen der
Informationsverarbeitungssequenz erweitert. Dies impliziert die Annahme eines Handlungsplans und die Definition von angestrebten
Endzuständen. Es wird vermutet, daß beide mentalen Repräsentationen im Arbeitsgedächtnis zwischengespeichert sind und sich durch
aufmerksamkeitsfordernde Manipulationen der Bewegungsschwierigkeit stören lassen. Als Versuchsanordnung werden Labyrinthaufgaben
eingeführt. Deren methodische Probleme werden dargestellt und Möglichkeiten von deren Handhabung entwickelt. Entgegen der
Erwartung zeigte sich, daß sich die Störung der Responseselektion bei schizophrenen Patienten verbessert, wenn die Aufmerksamkeit von
der Durchführung der geforderten Bewegung absorbiert wird.


In einer dritten Untersuchungsreihe wird die Notwendigkeit von - die Stimulusanalyse organisierenden - Schleifen einzelner Subprozesse
eingeführt. In Reaktionszeitmessungen bei der Bearbeitung von Identifikations- und Klassifikationsaufgaben zeigte sich, daß die
Responseselektionsstörung schizophrener Patienten nicht durch die zeitaufwendige Wahrnehmung irrelevanter Reaktionsalternativen
erklärt werden kann. Zusätzlich zu Verhaltensdaten werden auch bioelektrische Hirnsignale erfaßt. Ein neuer Ansatz der Handhabung
biologischer Artefakte mittels nonparametrischer Regression wird dabei vorgestellt. Die beobachteten topographischen Biosignalmuster
bei den schizophrenen Patienten deuten bereits unmittelbar nach Stimulusonset auf eine von der gesunder Personen abweichende
Organisation kognitiver Prozesse hin.